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Kohle machen ohne Kohle Allianz-Hauptversammlung: Die angeblichen Klimaretter

Der Versicherer Allianz Quelle: imago images

Der Versicherungskonzern Allianz präsentiert sich als Klimaschützer. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich: Die Weste ist längst nicht weiß.

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„Wir haben richtig gutes Wetter,“ freute sich Oliver Bäte. „Das passt zu den Zahlen.“ In der Tat präsentierte der Allianz-Chef an jenem 21. Februar in der Münchner Zentrale einen Rekordgewinn von operativ beinahe 12 Milliarden Euro für das abgelaufene Geschäftsjahr. Über der Stadt strahlte die Sonne, und es war warm - viel zu warm für die Jahreszeit. Der Klimawandel war greifbar. Auch der sei hausgemacht, werden einige Anleger dem Versicherungskonzern bei der heutigen virtuellen Hauptversammlung attestieren: „Wenn alle Unternehmen eine Klimabilanz wie die der Allianz hätten, würde sich das Klima bis 2050 um 3,2 Grad Celsius erwärmen“, rügt etwa der Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Er beantragt deshalb, den Mitgliedern des Vorstands die Entlastung zu verweigern. Schließlich soll die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gedrückt werden.

Ausgerechnet die Allianz macht da nicht mit? Präsentiert sich der weltgrößte Versicherungskonzern nicht gern als Vorreiter der Branche im Kampf gegen den Klimawandel? Erst Ende April war er einer von mehr als 60 Unternehmen, die von der Bundesregierung klimafreundliche Konjunktur- und Investitionsprogramme zur Bewältigung der Corona-Krise forderten. Nur wenige Tage später sorgte er mit einer weiteren Nachricht für Aufsehen: Ab 2023, hieß es da, wolle die Allianz keine Sach- und Unfallversicherungen mehr für Unternehmen anbieten, deren Geschäftsmodell zu einem Großteil auf der klima-schädlichen Kohle basiere, „und die keinen klaren Kohleausstiegspfad verfolgen“.

Man kann allerdings das eine unterlassen und das andere immer noch tun. Denn die Ankündigung bedeutet nicht, dass der Versicherer sich von allen die Umwelt negativ beeinträchtigenden Aktivitäten verabschieden würde. Auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, fordert deshalb: „Zur Sicherung der langfristigen Profitabilität muss die Allianz Nachhaltigkeitselemente stärker in die Unternehmensstrategie und die Vergütung integrieren.“ Auch wenn die Corona-Pandemie gerade das alles beherrschende Thema sei - „der Klimawandel ist deshalb nicht abgesagt.“

Wie viele und welche Unternehmen die Allianz ab 2023 unter den neuen Bedingungen nicht mehr versichern wird, verriet der Konzern auch auf Nachfrage nicht. Nach aktuellem Stand draußen wären laut Berechnungen der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald der Essener Energiekonzern RWE und die in der Schweiz ansässige im Rohstoffhandel tätige Unternehmensgruppe Glencore. Die Eon-Abspaltung Uniper, wegen des umstrittenen Kohlekraftwerks Datteln 4 in der Kritik, steht demnach auf der Kippe. Auf den Versicherungsschutz der Münchner nicht verzichten müsste aber der britisch-australische Bergbaukonzern BHP. Der weltgrößte Kohleexporteur hatte in der Vergangenheit mehrfach angekündigt, den Klimawandel ernst zu nehmen und war deshalb aus der Lobby-Gruppe des Weltkohleverbands ausgetreten.

Der Bann einiger Kohle-Aktiven ist eine Verschärfung der Allianz-Richtlinien. Bereits 2018 hatte Bäte angekündigt, auf Einzelversicherungen für Kohlekraftwerke und den Kohleabbau zu verzichten. „Die Allianz ist der deutsche Versicherer, der beim Klimaschutz am meisten will“, lobt deshalb Regine Richter von Urgewald. „Die Versicherer haben enorme Gestaltungsmacht. Wenn sie ihre Dienstleistungen an den Klimaschutzzielen ausrichten, verlieren Kohle-, Öl- und Gasprojekte ihre Perspektive.“

Genau hier zeigten sich jedoch die Schwächen der Allianz-Richtlinie. Von Öl und Gas ist nämlich nicht die Rede. Und wo der Konzern nicht originär versichert, sondern Kapital anlegt, wird mit seiner Unterstützung ebenfalls noch viel CO2 in die Luft gejagt.

Beispiel Exxon Mobil. Laut aktuell verfügbaren Zahlen unterstützten die Münchner den texanischen Ölmulti zuletzt mit Investitionen in Höhe von 240 Millionen US-Dollar in Form von Aktien und Anleihen. Geld, das der Konzern unter anderem dazu benutzt, vor der Küste Guyanas in Südamerika ein neues Öl- und Gasfeld zu erschließen. Bei vollständiger Ausbeutung könnten mehr als 2,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Von der Gefahr eines Ölunfalls, die bei Tiefseebohrungen beträchtlich ist, nicht zu reden.

Doch die Allianz befindet sich bei dieser Investition in Gesellschaft des heimischen Nachbarn MunichRe. Der Rückversicherer hält aktuell Aktien und Anleihen im Gesamtwert von 56 Millionen US-Dollar an Exxon Mobil. Bei Kohle-Investments will die Allianz zwar ebenfalls ab 2023 strengere Maßstäbe ansetzen, allerdings nur bei Eigenanlagen. Für die viel bedeutenderen Vermögensanlagen im Auftrag von Dritten gilt das nicht. „Pimco und Allianz Global Investors haben eigene Regelungen, die nicht so weit gehen“, kritisiert Julia Dubslaff von der Berliner NGO Facing Finance. Prominente Kohlefirmen finden sich auch in Allianz-Fonds.

Die kritischen Aktionärinnen und Aktionäre nennen etwa den Allianz Dynamic Asian Investment Grade Bond A. Dort taucht auch der Name eines Unternehmens auf, das jüngst dem Konzern Siemens gewaltigen Ärger mit Umweltschützern und der Bewegung Fridays for Future einbrachte: Die indische Adani-Gruppe, die in Australien eine Mine betreiben und dort bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle fördern will - pro Jahr. Ebenfalls vertreten ist der indische NTPC-Konzern als weltgrößter Entwickler von neuen Kohlekraftwerken. Zudem fällt in diesem Fonds der Name Posco auf. Dem südkoreanischen Stahlkonzern werden neben Umweltschäden auch die Verletzung von Arbeits- und Menschenrechten vorgeworfen.

„Die Versicherer, als größte Investoren Europas, haben eine besondere Verpflichtung“, appelliert Carsten Zielke. Er hat für das Analysehaus Zielke Research Consult vor wenigen Wochen eine weitere Untersuchung der seit 2018 in Europa vorgeschriebenen Nachhaltigkeitsberichte von 41 Assekuranz-Unternehmen veröffentlicht. Die Allianz schnitt dabei zwar am besten ab. Doch kann auch sie selbst mit den besten Absichten nur so gut sein wie die Unternehmen, in die sie investiert. Und da hakt es nach Überzeugung von Klimaschützern mindestens so lange, wie es kein einheitliches Klassifikationssystem gibt, das die EU mit ihrer Taxonomie verspricht.

So hat Posco voriges Jahr als nach eigenen Angaben erstes Stahlunternehmen weltweit eine Anleihe mit dem ESG-Standard für Nachhaltigkeit ausgegeben. Auch NTPC und Adani schreiben sich Nachhaltigkeit groß auf die Fahnen. Selbst Unternehmen, die fragwürdigen Geschäften nachgingen, hätten zum Teil Top-ESG-Bewertungen, kritisiert der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach schon lange. Es gebe keine klare Definition und eindeutige Aussagen darüber, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeute. Weshalb Flossbach das Thema „aus der Gesinnungsecke befreien“ möchte und auf den gesunden, in die Zukunft gerichteten Investoren-Verstand setzt.

Immerhin scheint gewiss und durch mehrere Studien bestätigt, dass ein messbarer Zusammenhang zwischen Aktienrendite und Umweltfreundlichkeit besteht. Weshalb auch Versicherer wie die Allianz als Risikoträger von Umweltschäden und langfristige Kapitalanleger ein doppeltes Interesse daran haben sollten.

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Ein Bochumer Gastronom klagt gegen die Allianz auf Auszahlung seiner Betriebsschließungsversicherung. Die weigert sich bislang. Ein Sieg vor Gericht könnte die Versicherer mit Milliarden-Forderungen konfrontieren.

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