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Schummeln für das neue iPhone Wie Versicherer Betrüger jagen

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Ingenieure contra Betrüger

Am Stadtrand von München betreibt die Allianz zudem ein spezielles Test- und Forschungsinstitut, in dem Ingenieure Unfälle nachstellen und auf Plausibilität testen können. Ist ein Totalschaden an einem VW Golf möglich, wenn er in einem 45-Grad-Winkel bei einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern mit einem Smart zusammenstößt? Bricht das Display eines iPads, wenn man sich bei geschlossener Schutzhülle auf das Gerät setzt? Bekommt eine Doppelglasscheibe wirklich Risse, wenn fünf Zentimeter dicke Hagelkörner in spitzem Winkel auf das Fenster treffen? Mit solchen Tests überführen die Techniker oft Betrüger.

In der Sachversicherung etwa hat die Allianz 2013 Schäden im Umfang von 5,2 Milliarden Euro reguliert. Rund 100 Millionen Euro konnten die Münchner hier durch erfolgreiche Betrugsermittlung sparen – etwa zwei Prozent. „Diese Aufklärungsquote wollen wir weiter erhöhen“, sagt Vollert.

Daher nutzt die Allianz wie rund 150 andere deutsche Versicherer neben ihrem Ermittlerteam die von Arvato entwickelte Online-Auskunftei Hinweis- und Informationssystem für die Versicherungswirtschaft (HIS). Bis vor drei Jahren verschickte der GDV alle zwei, drei Monate eine CD mit Daten und Zahlen zu den neuesten Betrugsfällen in der Branche an seine Mitglieder. Als Datenschützer warnten, die Beispielsammlung sei juristisch nicht gedeckt, setzte sich der Branchenverband mit den Entwicklern von Arvato zusammen.

Entstanden ist eine von den Versicherern finanzierte Datenbank. Die füttern die Unternehmen etwa bei der Kfz-Versicherung mit jedem Totalschaden, jedem Diebstahl und jeder Abrechnung ab einer bestimmten Schadenhöhe. In der Lebensversicherung melden die Unternehmen dem System beispielsweise, wenn jemand eine Police mit ungewöhnlich hoher Rente abschließt oder zum Zeitpunkt des Abschlusses eine Beeinträchtigung angibt.

Schöpft dann ein Sachbearbeiter bei einer Schadensmeldung Verdacht, gibt er die entsprechenden Daten ein und bekommt innerhalb von Sekunden Auskunft darüber, ob der Kunde schon einmal aufgefallen ist.

Anfang April 2011 ist das System gestartet. 2013 haben die Versicherer schon fast 30 Millionen Anfragen an HIS gerichtet, nach 21 Millionen 2012. „Das Risiko, erwischt zu werden, ist heute viel größer“, sagt GDV-Experte Holmstoel. Er hat sogar schon Betrugsfälle erlebt, bei denen sich Inhaber einer Berufsunfähigkeitsversicherung eine Hand abgesägt haben, um die Rente zu kassieren.

„In Deutschland ist es immer noch relativ einfach, seine Versicherung zu betrügen“, sagt Arvato-Manager Hinrichs und verweist auf den strengen Datenschutz. In den Niederlanden oder Großbritannien haben es Betrüger schwerer.

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet der Branche in Deutschland der organisierte Versicherungsbetrug mit oftmals engen Verbindungen zu Banden aus Südosteuropa. Bei der Allianz etwa beobachtet man mit zunehmender Sorge, wie junge Männer an Samstagvormittagen auf Parkplätzen von Bau- und Supermärkten ihr Unwesen treiben. Während der Autobesitzer seine Einkäufe erledigt, sorgen die Männer flink und unauffällig für eine kleine Beschädigung an der Windschutzscheibe.

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