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Schummeln für das neue iPhone Wie Versicherer Betrüger jagen

Mit immer mehr Raffinesse versuchen Kunden, ihre Versicherung zu täuschen. Doch jetzt rüsten die Assekuranzen auf. Mit welchen Tricks sie gegen Betrüger vorgehen.

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Scheinbar gelangweilt steht der junge Mann in der Mitte der Kniebrücke, die sich in Düsseldorf unweit des nordrhein-westfälischen Landtags über den Rhein spannt. Die untergehende Sonne taucht die schicken Bürogebäude und Restaurants im nahen Medienhafen in malerisches Licht. Irgendwann zieht der Mann sein iPhone aus der Hosentasche, beugt sich über das Geländer und fotografiert die romantische Szenerie.

Von der Seite naht ein scheinbar unbeteiligter Mann auf dem Fahrrad. Auf Höhe des Fotografierenden gerät er ins Schlingern und stößt schließlich mit ihm zusammen – das weiße Smartphone saust in die Tiefe und landet mit einem kaum hörbaren Platschen im Rhein. Der Radfahrer meldet den Schaden am nächsten Tag seiner Haftpflichtversicherung.

Das sind die Macken des iPhone 5
Die Begeisterung beim Verkaufsstart des iPhone 5 kannte in den Apple-Stores der Welt keine Grenzen. Doch trotz der schönen Bilder und noch besseren Verkaufszahlen ist wohl kein iPhone-Verkaufsstart je so schief gelaufen, wie dieser. Die Netzgemeinde überschlägt sich mit Kritik am neuen Apple-Smartphone. Quelle: REUTERS
KratzerDa nimmt man das neue iPhone aus der Packung und statt schwarzer Eleganz sticht einem ein Kratzer ins Auge. Erste Tests haben ergeben, dass das iPhone 5 trotz neuem Metallrücken deutlich anfälliger für Kratzer ist als noch das iPhone 4S. Und das nicht nur auf dem Rücken, sondern auch auf dem vergrößerten Display. Quelle: REUTERS
KostenDie günstigste Variante des iPhone 5 soll ohne Vertrag immerhin 679 Euro kosten. Das sind 50 Euro mehr als noch das Vorgängermodell 4S. Dabei liegen die Produktionskosten für das neue Apple-Smartphone bei etwa 170 Euro. Apple begründet die Preiserhöhung unter anderem mit Personalkosten. Obwohl sich viele Apple-Fans abgezockt fühlen, greifen sie zu - und die Preispolitik des Unternehmens scheint aufzugehen. Quelle: REUTERS
iOS6-MapsDie Kombo zeigt zwei Screenshots von Karten des Gebiets um den Bahnhof Shinjuku Station in Tokio: Links ist die Darstellung im bisherigen Google Maps zu sehen, rechts die Darstellung in Apples neuem Kartendienst. Apple hat zum Start des neuen iPhone 5 auch die bisherigen Google-Karten durch einen eigenen Dienst ersetzt. Fehler und fehlende Details in den neuen Karten verärgerten jedoch viele Nutzer. Teilweise wurden Städte gar nicht angezeigt, Routen quer durch das Meer empfohlen oder Straßennamen nicht sauber ausgespielt. Quelle: dpa
AkkuDas iPhone 5 ist dünn wie nie. Doch auf die 17 Prozent, die das Gerät schlanker daher kommt, hätten viele iPhone-Fans gerne verzichtet, wenn stattdessen ein leistungsstärkerer Akku zum Einsatz gekommen wäre. Viele User beschweren sich via Twitter über eine schlechte Akku-Leistung. Quelle: REUTERS
SteckerApple-Marketing-Chef Phil Schiller hat in San Francisco den neuen Stecker des iPhone 5 angepriesen. Dieser soll der neue Standartstecker für alle künftigen Apple-Geräte werden, hieß es weiter. Alte Zusatz-Gadgets können mit Hilfe eines Adapters weiter genutzt werden. Für dieses Adapter verlangt das Unternehmen satte 29 Euro, mit Kabel sogar 39 Euro. Ein cleveres Zusatzgeschäft für Apple, das viele Kunden aufregt. Quelle: REUTERS
LTEDesweiteren kündigte Apple an, den Datenturbo-LTE weltweit für das iPhone 5 zur Verfügung zu stellen. Allerdings entschied sich das Unternehmen, lediglich die Frequenz von 1800 MHz zu unterstützen. Die Nutzungsrechte für diese Frequenz hält in Deutschland derzeit die Telekom. Und die verlangt einen LTE-Zuschlag von fast zehn Euro, dabei ist das LTE-Netz auf 1800 MHz bisher fast nur in städtischen Gegenden ausgebaut. Andere Anbieter wie Vodafone oder O2 müssen darauf hoffen, dass Apple auch bald die Frequenz 800 MHz unterstützt. Quelle: REUTERS

Doch der kleine „Unfall“ war von Anfang bis Ende fingiert. So erzählt es Thomas Leicht, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Versicherung in Köln. Der Bluff flog nur auf, weil die Schadenregulierer nachhakten und sich die Männer – der Radfahrer war ein Freund des Handybesitzers – in Widersprüche verstrickten.

Schadenwelle mit dem iPhone

Andere Betrüger haben mehr Glück. In diesen Wochen werden Deutschlands Versicherer überhäuft mit Meldungen über angeblich versehentlich zerstörte Smartphones. Denn voraussichtlich am 9. September stellt Apple das iPhone 6 vor. „Es ist jedes Mal dasselbe“, klagt Leicht. „Immer wenn Apple mit einem neuen Gadget auf den Markt kommt, ergießt sich über uns eine Flut von Schadensmeldungen.“ Jeden einzelnen Fall zu prüfen ist für die Assekuranz aber viel zu aufwendig. Viele Schummler wiegen sich denn auch in Sicherheit.

„Versicherungen sind relativ einfach zu betrügen“ (zum Vergrößern bitte anklicken)

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die Unternehmen blasen zum Gegenangriff. „Viele Versicherer tun heute deutlich mehr gegen Betrug“, sagt Peter Holmstoel, Leiter der Kriminalitäts- und Geldwäschebekämpfung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), „vor allem auch, weil immer mehr Kunden dies erwarten.“

Unternehmen vom Branchenriesen Allianz bis zur Gothaer gründen oder erweitern Spezialtruppen zur Betrugsbekämpfung. In speziellen Labors stellen sie Beschädigungen an Elektrogeräten nach, um Schadensmeldungen auf Plausibilität zu prüfen. Neuartige Datenbanken und Softwareprogramme liefern den Versicherern bei verdächtigen Fällen in Sekundenschnelle Hinweise, die bei der Antwort auf die Frage aller Fragen helfen: zahlen oder nicht zahlen? Einige Versicherer ließen die WirtschaftsWoche in den vergangenen Wochen hinter die Kulissen ihrer Betrugsbekämpfung blicken.

Grund für die Aufrüstung auf breiter Front: Der wachsende Kostendruck aufgrund der dauerhaft niedrigen Zinsen führt in den Chefetagen zu einem Umdenken. Für die Versicherer ist es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, Betrügern auf die Schliche zu kommen. Geschickt gestellte Autounfälle, angeblich versehentlich beschädigte iPads, vorgetäuschte Bandscheibenvorfälle, komplett mit ärztlichem Gutachten, sogar Selbstverstümmelungen: Betrüger schrecken vor nichts zurück, haben ihre Methoden immer weiter verfeinert.

Rund die Hälfte aller technischen Schäden, die den Versicherungen hierzulande gemeldet werden, sind Betrugsfälle, schätzen Branchenexperten. Allein in der Schaden- und Unfallversicherung schlagen Betrügereien jedes Jahr mit gut vier Milliarden Euro zu Buche. Das sind etwa zehn Prozent aller regulierten Schäden.

Im Internet gibt es seitenlange Kataloge mit Tipps und Kniffen zum Beschummeln der Assekuranz. Auf dem Balkan hat sich eine ganze Industrie gebildet, spezialisiert auf die Beratung von Kunden in Westeuropa, die ihre Versicherung betrügen wollen.

Die Unternehmen müssen etwas machen

Doch statt bei verdächtigen Schadensfällen nachzuhaken, haben die Versicherer in der Vergangenheit oft einfach gezahlt, ist es doch meist viel zu aufwendig, etwa einem angeblich gestohlenen Rennrad hinterher zu ermitteln. Die Verluste durch Betrug haben sie in Form höherer Prämien auf alle Versicherten abgewälzt. Das können sie sich schlicht nicht mehr leisten.

Versicherungsbetrug nach Sparten (zum Vergrößern bitte anklicken)

„Die Unternehmen müssen etwas machen“, sagt Björn Hinrichs, Geschäftsführer der Informa Insurance Risk and Fraud Prevention (IIFRP), einer Tochter von Arvato Financial Solutions in Baden-Baden. „Mit der einstigen Cashcow Lebensversicherungen verdienen sie kaum noch etwas.“ Die zu Bertelsmann gehörende Arvato hat mit ihrer Tochter IIRFP zusammen mit dem GDV in Berlin eine elektronische Auskunftei entwickelt, die unter anderem Daten zu Verdachtsfällen speichert und Betrügern das Leben schwerer machen soll.

Wie groß der Kostendruck ist, hat gerade erst Generali Deutschland gezeigt, nach der Allianz der zweitgrößte Versicherer des Landes. Als die Tochter des italienischen Versicherungsriesen vor wenigen Tagen ihre Zahlen für das erste Halbjahr vorlegte, musste Vorstandschef Dietmar Meister einen Rückgang der Gesamtbeiträge in der Lebensversicherung von 6,8 auf 5,4 Milliarden Euro bekannt geben.

Erhöhter Kostendruck

Art des Versicherungsbetrugs (zum Vergrößern bitte anklicken)

Ursache war zwar auch das geplante Herunterfahren des Geschäfts mit Lebensversicherungen gegen Einmalbeiträge. Doch auch im Neugeschäft mit Lebensversicherungspolicen mit laufenden Beiträgen verzeichnete Generali ein Minus von 4,4 Prozent. „Die gesamte Entwicklung ist von einer zurückhaltenden Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten gekennzeichnet“, sagt Meister und verweist zudem auf die zunehmenden Probleme seiner Zunft, Versichertengelder rentabel anzulegen.

Der verstärkte Kampf gegen die immer raffinierteren Betrügereien spart aber nicht nur Kosten, sondern ist für die Versicherer zugleich heikel: Durch die Bank beteuern sie, man wolle die Kunden keinesfalls als Kriminelle hinstellen. Bisher gelingt das offenbar: So gehen beim Versicherungs-Ombudsmann in Berlin keine vermehrten Beschwerden von Versicherten ein, die sich zu Unrecht des Betrugs verdächtigt fühlen. „Der ganz überwiegende Teil unserer Kunden ist ehrlich“, sagt Gothaer-Chef Leicht.

Trotzdem will auch er künftig genauer hinschauen: Auf 16 Mitarbeiter hat der Kölner Versicherer sein Team von Betrugsermittlern aufgestockt. Es sind erfahrene Sachbearbeiter aus der Sparte Schadenversicherung, die sich viele Jahre mit dubiosen Schäden befasst und ein besonderes Gespür für Bluffer entwickelt haben. Bei zweifelhaften Fällen fahren die Experten zu Ermittlungen und Verhandlungen auch zum Kunden hin.

Haltung der Deutschen zum Versicherungsbetrug (zum Vergrößern bitte anklicken)

Erlebt hat Leicht auf diesem Feld schon einiges. Da schließt ein Mann bei zehn verschiedenen Anbietern eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab. Jede Police sieht eine Monatsrente von 1.000 Euro vor. Kaum hat der Mann den letzten Vertrag unterschrieben, meldet er sich als Invalide – und fliegt auf, weil ein Sachbearbeiter wegen des kurzen zeitlichen Abstands zwischen Abschluss der letzten Police und der Schadensmeldung stutzig wird und nachfasst.

Auch der Fall eines Millionärs, der seine Luxusyacht selbst im Mittelmeer versenkte, ist Leicht schon begegnet. „In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es deutlich mehr Betrugsfälle“, sagt der Gothaer-Chef mit Blick auf die Finanzkrise.

Mit Abstand am häufigsten versuchen Kunden ihre Versicherung mit Schäden an Elektronikgeräten übers Ohr zu hauen. Besonders bei Techniksprüngen wie der Einführung von Flüssigkristallbildschirmen oder der 3-D-Technik bei Fernsehgeräten schnellen die Schadensmeldungen in die Höhe. Das Gleiche gilt vor Sport-Großereignissen wie der Fußball-WM. Da wollen sich viele schnell noch auf Kosten der Versicherung einen neuen Bildschirm sichern.

Drei Arten des Betrügens

Jeder vierte Schaden an Flachbildfernsehern ist nicht plausibel, hat der GdV herausgefunden. In den Schadensmeldungen stolpert der Nachbar über ein Kabel und reißt den Fernseher vom Tisch oder ein Sektkorken trifft den Bildschirm und zertrümmert diesen – alles Schäden, die genauso entstanden sein könnten. Aber in vielen Fällen passt das Schadensbild nicht zur Schilderung des Hergangs.

Nur ein Kavaliersdelikt?

Es gibt drei Arten des Versicherungsbetrugs: Erstens, der Schaden ist nicht versichert, also stellt der Kunde den Hergang gegenüber seiner Versicherung anders dar. Fast zwei Drittel aller Betrüger gehen so vor. Zweitens: Ein Drittel aller Schummler übertreibt bei der Schadenssumme. Und drittens: Nur vier Prozent betrügen, indem sie ihrer Versicherung einen Schaden vorgaukeln, der gar nicht existiert. Die Zahlen haben der GdV und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in einer breit angelegen Untersuchung ermittelt.

In den Augen der Bevölkerung gilt Versicherungsbetrug ähnlich wie Schwarzfahren als Bagatelle. Gut 20 Prozent der Deutschen meinen, es sei ein Kavaliersdelikt, wenn man die Versicherung mehr bezahlen lasse, als gerechtfertigt sei, so die Studie von GdV und GfK.

Die Haltung dahinter sei simpel, sagt Gothaer-Mann Leicht: Jahrelang habe man in die Versicherung eingezahlt, dächten sich Betrüger, da müsse man schließlich auch mal „was rausbekommen“. Andere treiben Verärgerung und Frust über die mächtigen Versicherer, die etwa bei Arzt- oder Klinikfehlern die Auszahlung verschleppen oder gleich ganz verweigern.

Beim Betrug kennt die Kreativität kaum Grenzen. So meldete sich ein Reitlehrer bei der Allianz. Vor Jahren hatte er eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Nun erklärte er, ein chronisches Rückenleiden erlaube ihm nur noch zwei Stunden Büroarbeit am Tag, was der Mann durch ein ärztliches Gutachten untermauerte. Um seine monatliche Rente zu ermitteln, bat die Allianz um eine aktuelle Gehaltsabrechnung. Als diese einging, stutzten die Sachbearbeiter: Für eine wöchentliche Arbeitszeit von zehn Stunden fiel das aktuelle Salär, das die Reitschule ihm zahlte, ungewöhnlich hoch aus. Vor seiner angeblichen Invalidität hatte er kaum weniger verdient.

Was bei der Kündigung von Versicherungen zu beachten ist
Krankenkassenkarten von gesetzlichen Krankenkassen Quelle: dpa
Kündigungsfristen einhaltenUnabhängig davon, ob es um eine ordentliche Kündigung ohne Angabe von Gründen geht oder eine sogenannte Sonderkündigung, weil beispielsweise die monatlichen Beiträge erhöht wurden, wichtig ist, die Kündigungsfristen einzuhalten. Wird der Termin verpasst, ist die Kündigung unwirksam und der Vertrag verlängert sich. Die meisten Policen wie die Kfz-Versicherung haben eine dreimonatige Kündigungsfrist, bei Lebensversicherungen ist es dagegen ein Monat - nachschauen ist also unerlässlich. . Quelle: Fotolia
Formalien beachtenAußerdem müssen sowohl ordentliche als auch Sonderkündigungen schriftlich erfolgen. Ein Anruf bei der Assekuranz oder eine E-Mail reichen nicht aus. Es ist außerdem ratsam, die Kündigung per Einschreiben mit Rückschein zu verschicken. So können Sie im Zweifelsfall nachweisen, dass Sie fristgerecht gekündigt haben. Quelle: Fotolia
Kündigungsgrund BeitragserhöhungEin Grund für eine sogenannte Sonderkündigung ist beispielsweise die Erhöhung der Versicherungsbeiträge. Wer einen Brief von seinem Versicherer bekommt, dass es künftig teurer wird, hat das Recht, die Police - auch vorzeitig - zu kündigen. Die Kündigung muss allerdings spätestens einen Monat nach Bekanntgabe der Erhöhung stattfinden. Zwei Jahre lang zahlen und dann bemängeln, dass es zu teuer ist, geht nicht. In einem solchen Fall müssen Sie ordentlich - sprich: ein bis drei Monate vor Vertragsende - kündigen. Quelle: Fotolia
Ein Feuerwehrmann steht am 13.01.2013 neben einem verunglückten Personenwagen auf der Bundesautobahn A 38 bei Friedland (Niedersachsen). Quelle: dpa
Kündigungsgrund: VertragsbruchSollte sich die Versicherung widerrechtlich vor einer Schadensregulierung drücken, hat der Kunde das Recht, den Vertrag sofort zu kündigen. Gleiches gilt natürlich auch für die jeweilige Assekuranz, falls der Versicherungsnehmer sich nicht an den Vertrag hält. Quelle: Fotolia
Gebrauchtwagen verschiedener Marken stehen am Dienstag, 5. Februar 2002, bei einem Audi-Haendler in Koblenz zum Verkauf. Quelle: AP

Jetzt legten die Ermittler los. Im Internet fanden sie aktuelle Fotos, auf denen der Mann Kinder im Reiten unterrichtete. Die Allianz forderte ein Gutachten eines anderen Arztes an. Das Rückenleiden stellte sich als Hexenschuss heraus. Später fanden die Ermittler heraus, dass der Reitlehrer und der Arzt des ersten Gutachtens in derselben Straße wohnten.

440.000 Euro habe sein Haus in diesem Fall durch die Ermittlungen gespart, rechnet Alexander Vollert vor, im Vorstand der Allianz Deutschland für das Schaden- und Unfallgeschäft zuständig. In diesem Bereich verzeichnen die Münchner wie alle Versicherer die meisten Betrügereien.

Auch Vollert will dem Treiben der Trickser nicht länger tatenlos zusehen. Darum hat die Allianz im Frühjahr eine eigene Einheit zur Betrugsabwehr gegründet. Insgesamt 80 Spezialisten beschäftigen sich bei dem Münchner Versicherer inzwischen mit dem Thema. Außerdem hat Vollert die neue Position eines Betrugskoordinators geschaffen. Der soll künftig die Arbeit der Abwehrspezialisten in Sach-, Kranken- und Lebensversicherung steuern.

Ingenieure contra Betrüger

Am Stadtrand von München betreibt die Allianz zudem ein spezielles Test- und Forschungsinstitut, in dem Ingenieure Unfälle nachstellen und auf Plausibilität testen können. Ist ein Totalschaden an einem VW Golf möglich, wenn er in einem 45-Grad-Winkel bei einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern mit einem Smart zusammenstößt? Bricht das Display eines iPads, wenn man sich bei geschlossener Schutzhülle auf das Gerät setzt? Bekommt eine Doppelglasscheibe wirklich Risse, wenn fünf Zentimeter dicke Hagelkörner in spitzem Winkel auf das Fenster treffen? Mit solchen Tests überführen die Techniker oft Betrüger.

In der Sachversicherung etwa hat die Allianz 2013 Schäden im Umfang von 5,2 Milliarden Euro reguliert. Rund 100 Millionen Euro konnten die Münchner hier durch erfolgreiche Betrugsermittlung sparen – etwa zwei Prozent. „Diese Aufklärungsquote wollen wir weiter erhöhen“, sagt Vollert.

Daher nutzt die Allianz wie rund 150 andere deutsche Versicherer neben ihrem Ermittlerteam die von Arvato entwickelte Online-Auskunftei Hinweis- und Informationssystem für die Versicherungswirtschaft (HIS). Bis vor drei Jahren verschickte der GDV alle zwei, drei Monate eine CD mit Daten und Zahlen zu den neuesten Betrugsfällen in der Branche an seine Mitglieder. Als Datenschützer warnten, die Beispielsammlung sei juristisch nicht gedeckt, setzte sich der Branchenverband mit den Entwicklern von Arvato zusammen.

Entstanden ist eine von den Versicherern finanzierte Datenbank. Die füttern die Unternehmen etwa bei der Kfz-Versicherung mit jedem Totalschaden, jedem Diebstahl und jeder Abrechnung ab einer bestimmten Schadenhöhe. In der Lebensversicherung melden die Unternehmen dem System beispielsweise, wenn jemand eine Police mit ungewöhnlich hoher Rente abschließt oder zum Zeitpunkt des Abschlusses eine Beeinträchtigung angibt.

Schöpft dann ein Sachbearbeiter bei einer Schadensmeldung Verdacht, gibt er die entsprechenden Daten ein und bekommt innerhalb von Sekunden Auskunft darüber, ob der Kunde schon einmal aufgefallen ist.

Anfang April 2011 ist das System gestartet. 2013 haben die Versicherer schon fast 30 Millionen Anfragen an HIS gerichtet, nach 21 Millionen 2012. „Das Risiko, erwischt zu werden, ist heute viel größer“, sagt GDV-Experte Holmstoel. Er hat sogar schon Betrugsfälle erlebt, bei denen sich Inhaber einer Berufsunfähigkeitsversicherung eine Hand abgesägt haben, um die Rente zu kassieren.

„In Deutschland ist es immer noch relativ einfach, seine Versicherung zu betrügen“, sagt Arvato-Manager Hinrichs und verweist auf den strengen Datenschutz. In den Niederlanden oder Großbritannien haben es Betrüger schwerer.

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet der Branche in Deutschland der organisierte Versicherungsbetrug mit oftmals engen Verbindungen zu Banden aus Südosteuropa. Bei der Allianz etwa beobachtet man mit zunehmender Sorge, wie junge Männer an Samstagvormittagen auf Parkplätzen von Bau- und Supermärkten ihr Unwesen treiben. Während der Autobesitzer seine Einkäufe erledigt, sorgen die Männer flink und unauffällig für eine kleine Beschädigung an der Windschutzscheibe.

Bulgarische Banden als Berater

Kommt der Fahrer zurück, weisen sie diesen freundlich auf den Riss hin – natürlich nicht ohne den Zusatz, so etwas decke die Teilkaskoversicherung komplett ab. Auf Wunsch könne man direkt einen Reparaturdienst rufen. Der Verdacht: Die Banden arbeiten mit den auf Glasschäden spezialisierten Reparaturwerkstätten zusammen.

Von 100 gemeldeten Brillenschäden werden… (zum Vergrößern bitte anklicken)

In Balkanländern wie Bulgarien gibt es inzwischen Dienstleister, die Interessenten in Deutschland gleichsam Rundum-Pakete für den wasserdichten Versicherungsbetrug anbieten. Tagessatz: ab 1.000 Dollar.

Besonders raffiniert etwa ist der gestellte Autounfall, bei dem in einem der verunfallten Fahrzeuge angeblich eine hochschwangere Frau sitzt. Da, so die – wohl richtige – Annahme der Betrüger, schöpft kein Sachbearbeiter Verdacht, so etwas könne gestellt sein. Die Trickser fingieren den Unfall und lösen dabei die Airbags aus. Nahe der Unfallstelle hat sich die Schwangere versteckt, die dann zum Wagen eilt und unauffällig ihr Gesicht mit Make-up über den ausgelösten Airbag reibt. Dann wird die Polizei gerufen, die im Protokoll vermerkt, im Auto habe bei dem Unfall eine schwangere Frau gesessen. Die Auszahlung der Haftpflichtversicherung teilen sich die an dem Schwindel Beteiligten.

Diese Methode haben die Betrugsberater aus Südosteuropa nach Erkenntnissen von Versicherungs-Insidern hierzulande schon mehrmals verkauft – mit Erfolg.

Im Kampf gegen Betrüger bauen die Versicherer nicht nur ihre Betrugsbekämpfungsteams aus oder lassen sich an die Online-Auskunftei HIS anschließen. Immer mehr Anbieter nutzen die Digitalisierung, um Tricksern ihr Handwerk zu legen. Softwarehäuser wie der US-Konzern SAS bieten Unternehmen maßgeschneiderte Programme, die auf weltweiten Erfahrungswerten und gigantischen Datenmengen zu bereits passierten Betrügereien basieren. Die Versicherer können im Verdachtsfall das System mit den relevanten Angaben füttern und bekommen am Ende eine Empfehlung: zahlen oder nicht zahlen.

Häufigste Schadenhergangsschilderungen bei Betrug mit Brillen (zum Vergrößern bitte anklicken)

Hilfe durch Big Data

In Europa, sagt Henrik Becker, der für SAS in Deutschland die Abteilung für Compliance und Betrugsbekämpfung leitet, verkaufe man die neue Software bisher vor allem in Italien, Großbritannien und Belgien. „Wegen der Zunahme an Missbrauchsfällen mussten wir unsere Systeme zur Betrugsbekämpfung verbessern“, sagt Ioannia Lapatas, Chef der griechischen Atlantic Union General Insurance, „und wir sind glücklich mit der SAS-Lösung.“

Die deutschen Versicherer seien zurückhaltend gewesen, erst in jüngster Zeit gebe es ein Umdenken, hat Becker festgestellt und implementiert seine Software nun bei den ersten Kunden in Deutschland.

Unternehmen wie die Sparkassenversicherung mit Sitz in Stuttgart, einer der wichtigsten Gebäudeversicherer, setzen hingegen vor allem auf konventionelle Methoden der Betrugsbekämpfung – so beim Hagelsturm vom 28. Juli 2013.

Tagelang hatte Deutschland unter einer Hitzeglocke gelegen. Am Nachmittag entlud sich die Schwüle über dem Schwarzwald. Abends tobten über Esslingen, Tübingen und Reutlingen, später auch über Hannover Unwetter mit Hagelkörnern von bis zu zehn Zentimeter Durchmesser.

Versicherer



Durchlöcherte Fassaden, zerstörte Fotovoltaikanlagen, zerborstene Autoscheiben, sogar zertrümmerte Dachziegel hinterließ der Sturm. Mehrere Hundert Menschen wurden durch das teuerste Hagelunwetter in Deutschland verletzt. Die versicherten Schäden lagen bei 1,4 Milliarden Euro. Die Sparkassenversicherung war am Ende mit rund 600 Millionen Euro dabei. Zuvor hatten die Stuttgarter entschieden, jeden Schaden von mehr als 3.000 Euro durch Sachverständige begutachten zu lassen.

Ein weitsichtiger Entschluss: Zahlreiche Kunden, die einen Hagelschaden gemeldet hatten, zogen ihre Meldung nach der Ankündigung schnell wieder zurück.

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