Schummeln für das neue iPhone Wie Versicherer Betrüger jagen

Mit immer mehr Raffinesse versuchen Kunden, ihre Versicherung zu täuschen. Doch jetzt rüsten die Assekuranzen auf. Mit welchen Tricks sie gegen Betrüger vorgehen.

Scheinbar gelangweilt steht der junge Mann in der Mitte der Kniebrücke, die sich in Düsseldorf unweit des nordrhein-westfälischen Landtags über den Rhein spannt. Die untergehende Sonne taucht die schicken Bürogebäude und Restaurants im nahen Medienhafen in malerisches Licht. Irgendwann zieht der Mann sein iPhone aus der Hosentasche, beugt sich über das Geländer und fotografiert die romantische Szenerie.

Von der Seite naht ein scheinbar unbeteiligter Mann auf dem Fahrrad. Auf Höhe des Fotografierenden gerät er ins Schlingern und stößt schließlich mit ihm zusammen – das weiße Smartphone saust in die Tiefe und landet mit einem kaum hörbaren Platschen im Rhein. Der Radfahrer meldet den Schaden am nächsten Tag seiner Haftpflichtversicherung.

Das sind die Macken des iPhone 5
Die Begeisterung beim Verkaufsstart des iPhone 5 kannte in den Apple-Stores der Welt keine Grenzen. Doch trotz der schönen Bilder und noch besseren Verkaufszahlen ist wohl kein iPhone-Verkaufsstart je so schief gelaufen, wie dieser. Die Netzgemeinde überschlägt sich mit Kritik am neuen Apple-Smartphone. Quelle: REUTERS
KratzerDa nimmt man das neue iPhone aus der Packung und statt schwarzer Eleganz sticht einem ein Kratzer ins Auge. Erste Tests haben ergeben, dass das iPhone 5 trotz neuem Metallrücken deutlich anfälliger für Kratzer ist als noch das iPhone 4S. Und das nicht nur auf dem Rücken, sondern auch auf dem vergrößerten Display. Quelle: REUTERS
KostenDie günstigste Variante des iPhone 5 soll ohne Vertrag immerhin 679 Euro kosten. Das sind 50 Euro mehr als noch das Vorgängermodell 4S. Dabei liegen die Produktionskosten für das neue Apple-Smartphone bei etwa 170 Euro. Apple begründet die Preiserhöhung unter anderem mit Personalkosten. Obwohl sich viele Apple-Fans abgezockt fühlen, greifen sie zu - und die Preispolitik des Unternehmens scheint aufzugehen. Quelle: REUTERS
iOS6-MapsDie Kombo zeigt zwei Screenshots von Karten des Gebiets um den Bahnhof Shinjuku Station in Tokio: Links ist die Darstellung im bisherigen Google Maps zu sehen, rechts die Darstellung in Apples neuem Kartendienst. Apple hat zum Start des neuen iPhone 5 auch die bisherigen Google-Karten durch einen eigenen Dienst ersetzt. Fehler und fehlende Details in den neuen Karten verärgerten jedoch viele Nutzer. Teilweise wurden Städte gar nicht angezeigt, Routen quer durch das Meer empfohlen oder Straßennamen nicht sauber ausgespielt. Quelle: dpa
AkkuDas iPhone 5 ist dünn wie nie. Doch auf die 17 Prozent, die das Gerät schlanker daher kommt, hätten viele iPhone-Fans gerne verzichtet, wenn stattdessen ein leistungsstärkerer Akku zum Einsatz gekommen wäre. Viele User beschweren sich via Twitter über eine schlechte Akku-Leistung. Quelle: REUTERS
SteckerApple-Marketing-Chef Phil Schiller hat in San Francisco den neuen Stecker des iPhone 5 angepriesen. Dieser soll der neue Standartstecker für alle künftigen Apple-Geräte werden, hieß es weiter. Alte Zusatz-Gadgets können mit Hilfe eines Adapters weiter genutzt werden. Für dieses Adapter verlangt das Unternehmen satte 29 Euro, mit Kabel sogar 39 Euro. Ein cleveres Zusatzgeschäft für Apple, das viele Kunden aufregt. Quelle: REUTERS
LTEDesweiteren kündigte Apple an, den Datenturbo-LTE weltweit für das iPhone 5 zur Verfügung zu stellen. Allerdings entschied sich das Unternehmen, lediglich die Frequenz von 1800 MHz zu unterstützen. Die Nutzungsrechte für diese Frequenz hält in Deutschland derzeit die Telekom. Und die verlangt einen LTE-Zuschlag von fast zehn Euro, dabei ist das LTE-Netz auf 1800 MHz bisher fast nur in städtischen Gegenden ausgebaut. Andere Anbieter wie Vodafone oder O2 müssen darauf hoffen, dass Apple auch bald die Frequenz 800 MHz unterstützt. Quelle: REUTERS

Doch der kleine „Unfall“ war von Anfang bis Ende fingiert. So erzählt es Thomas Leicht, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Versicherung in Köln. Der Bluff flog nur auf, weil die Schadenregulierer nachhakten und sich die Männer – der Radfahrer war ein Freund des Handybesitzers – in Widersprüche verstrickten.

Schadenwelle mit dem iPhone

Andere Betrüger haben mehr Glück. In diesen Wochen werden Deutschlands Versicherer überhäuft mit Meldungen über angeblich versehentlich zerstörte Smartphones. Denn voraussichtlich am 9. September stellt Apple das iPhone 6 vor. „Es ist jedes Mal dasselbe“, klagt Leicht. „Immer wenn Apple mit einem neuen Gadget auf den Markt kommt, ergießt sich über uns eine Flut von Schadensmeldungen.“ Jeden einzelnen Fall zu prüfen ist für die Assekuranz aber viel zu aufwendig. Viele Schummler wiegen sich denn auch in Sicherheit.

„Versicherungen sind relativ einfach zu betrügen“ (zum Vergrößern bitte anklicken)

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die Unternehmen blasen zum Gegenangriff. „Viele Versicherer tun heute deutlich mehr gegen Betrug“, sagt Peter Holmstoel, Leiter der Kriminalitäts- und Geldwäschebekämpfung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), „vor allem auch, weil immer mehr Kunden dies erwarten.“

Unternehmen vom Branchenriesen Allianz bis zur Gothaer gründen oder erweitern Spezialtruppen zur Betrugsbekämpfung. In speziellen Labors stellen sie Beschädigungen an Elektrogeräten nach, um Schadensmeldungen auf Plausibilität zu prüfen. Neuartige Datenbanken und Softwareprogramme liefern den Versicherern bei verdächtigen Fällen in Sekundenschnelle Hinweise, die bei der Antwort auf die Frage aller Fragen helfen: zahlen oder nicht zahlen? Einige Versicherer ließen die WirtschaftsWoche in den vergangenen Wochen hinter die Kulissen ihrer Betrugsbekämpfung blicken.

Grund für die Aufrüstung auf breiter Front: Der wachsende Kostendruck aufgrund der dauerhaft niedrigen Zinsen führt in den Chefetagen zu einem Umdenken. Für die Versicherer ist es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, Betrügern auf die Schliche zu kommen. Geschickt gestellte Autounfälle, angeblich versehentlich beschädigte iPads, vorgetäuschte Bandscheibenvorfälle, komplett mit ärztlichem Gutachten, sogar Selbstverstümmelungen: Betrüger schrecken vor nichts zurück, haben ihre Methoden immer weiter verfeinert.

Rund die Hälfte aller technischen Schäden, die den Versicherungen hierzulande gemeldet werden, sind Betrugsfälle, schätzen Branchenexperten. Allein in der Schaden- und Unfallversicherung schlagen Betrügereien jedes Jahr mit gut vier Milliarden Euro zu Buche. Das sind etwa zehn Prozent aller regulierten Schäden.

Im Internet gibt es seitenlange Kataloge mit Tipps und Kniffen zum Beschummeln der Assekuranz. Auf dem Balkan hat sich eine ganze Industrie gebildet, spezialisiert auf die Beratung von Kunden in Westeuropa, die ihre Versicherung betrügen wollen.

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