WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Versicherungen und Banken Allianz in Kauflaune: Was bringt die Postbank-Übernahme?

Seite 2/3

Aktien-Info Allianz

Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter versucht der Verunsicherung zu begegnen, indem er das Geschäft so weiterführt wie bisher und geplante Projekte umsetzt. So startete kürzlich eine neue Mittelstandsinitiative und Anfang Mai der Direktableger Dresdner Bank Direct24 — unter einem gold-orangen Label. Schon dieses Detail verstört einige Mitarbeiter: Die Farbe der Billigmarke sei ein Indiz dafür, dass die Dresdner sich bereits vom altehrwürdigen „grünen Band der Sympathie“ verabschiede.

Dass sich die Unsicherheit auch auf die Attraktivität als Arbeitgeber auswirkt, zeigt das Betriebsratsschreiben. „Wiederholt haben Bewerber von anderen Banken darauf verzichtet, ihren Dienst bei unserer Bank aufzunehmen, obwohl sie einen unterschriebenen Arbeitsvertrag in der Tasche hatten“, heißt es dort. Der Vorstand habe eingeräumt, dass er die Fluktuationsquote mit Besorgnis beobachte, auch wenn sie nicht wesentlich über dem Marktdurchschnitt liege. Wenn man sich jedoch anschaue, wer die Bank verlässt, müsse man „sich schon einige Fragen stellen“. Dem Schreiben zufolge will sich der Vorstand bemühen, den Mitarbeiterschwund aufzuhalten. Konkrete Schritte seien in Planung.

Ähnlich ist die Situation bei der Allianz: Auch hier klagen Mitarbeiter über ein katastrophales Betriebsklima, die Abwanderung der besten Köpfe, dramatische Rückstände in der Bearbeitung von Verträgen und Schäden – alles andere als gute Voraussetzungen für eine neue Megafusion mit der Postbank.

Seit zwei Jahren wird der Versicherer in Deutschland mit dem Ziel umgebaut, die Verwaltungskosten zu senken. Mit der neuen Organisation geht ein Abbau von über 5700 Arbeitsplätzen einher. Doch das Effizienzstreben hat seinen Preis, wie etwa eine Allianz-Mitarbeiterin aus Nordrhein-Westfalen berichtet: „Wir gehen hier auf dem Zahnfleisch, die Arbeit türmt sich. Allein bei uns im Verwaltungsgebiet Nordwestdeutschland sind derzeit über 54.000 Verträge und Schäden unbearbeitet.“

Mit zusätzlichen Arbeitseinsätzen am Abend und am Wochenende sowie dem Abzug von Personal aus anderen Unternehmensbereichen versuche man der Rückstände Herr zu werden. Außerdem würden in Deutschland „mehrere Tausend Aushilfen“ beschäftigt. „Die Kollegen aus anderen Bereichen und die Aushilfen haben oft keine Ahnung von dem, was sie tun sollen, entsprechend fehlerhaft ist ihre Arbeit“, so die Allianzlerin. Zudem würde der Posteingang oft erst so spät bearbeitet, dass gesetzliche Fristen bereits verstrichen seien. „Der Service bleibt auf der Strecke, die Beschwerden häufen sich. Das ist der Abschied von der Premiummarke Allianz.“

Die Allianz räumt ein, dass beim Unternehmensumbau „aufgrund technischer Anfangsprobleme, der notwendigen Schulungen und Umzüge sowie durch den Personalabbau Arbeitsrückstände entstanden sind“. Seit Ende 2007 liefen die Systeme jedoch „stabil“, sagt ein Allianz-Sprecher, und die neuen Strukturen hätten „ihre Funktionsfähigkeit voll bewiesen“.

Die Arbeitsrückstände lägen „bundesweit betrachtet leicht über Vorjahresniveau“. In einzelnen Gebieten und Fachbereichen sind sie aber offensichtlich deutlich höher: „Es gibt Bereiche, in denen zeitweise erhöhte Rückstände vorliegen.“ Wie hoch die Rückstände sind, will der Versicherer nicht sagen, lobt jedoch die Mitarbeiter, die „in hohem Maße und sehr engagiert Mehrarbeit leisten, um die Rückstände abzuarbeiten“.

Viele Mitarbeiter aus dem Innendienst sehen das weniger optimistisch. Wie sie übereinstimmend berichten, sei die Stimmung so schlecht, dass die überwiegende Mehrheit der Belegschaft bereit sei, das Unternehmen zu verlassen. „Es gehen aber vor allem die, die schnell etwas Neues finden, also die jungen und guten Leute“, sagt ein Berliner Allianzler. „Die Besten gehen, das ist gefährlich für die Allianz.“

Seit Herbst versucht Allianz-Personalvorstand Ulrich Schumacher gegenzusteuern. Dazu hat er eine „Integrierte Personalstrategie zum Entgegenwirken der Fluktuation von Leistungsträgern“ entwickelt. Das gleichnamige, vertrauliche Strategiepapier liegt der WirtschaftsWoche vor. Daraus geht hervor, dass es zwischen Anfang 2006 und Sommer 2007 „kritische Abgänge von Leistungsträgern“ im Controlling, bei IT- und Finanzspezialisten sowie bei den Versicherungsmathematikern gab. „30 Prozent der Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen haben, werden als Leistungsträger eingeschätzt“, heißt es in dem Papier. Dem sei mit „Kurzfristmaßnahmen“ zu begegnen.

Offenbar gilt die Sorge aber nur den identifizierten Leistungsträgern. Weitere interne Unterlagen der Personalabteilung lassen keinen Zweifel daran, dass es Bereiche und Mitarbeitergruppen gibt, in denen Fluktuation erwünscht ist. In einem „arbeitgeberinternen Verhandlungspapier“ gibt Schumacher die Anweisung: „Für die Umsetzung des ZBM (Anm. der Red.: neues Betriebsmodell der Allianz) ist Druck auf Ortsveränderungen und Änderung der Arbeitsinhalte zwingend erforderlich, um einvernehmliche Lösungen zu fördern.“

Solche Druckmittel sind bei vielen der gut 10.000 selbstständigen Vertreter der Allianz offenbar gar nicht nötig – sie gehen von selbst. So hätten nach Angaben eines Generalvertreters der Allianz über 15 Prozent der bayrischen Vertreter allein im vergangenen Jahr ihren Vermittlervertrag mit der Allianz gekündigt. Diese Zahl will die Allianz nicht kommentieren. Bundesweit sei „die Fluktuationsquote seit zehn Jahren stabil“, sagt ein Allianz-Sprecher.

„Rund ein Drittel der Agenturen haben ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten, in manchen Gegenden Deutschlands sind es deutlich mehr“, berichtet ein Insider. Aufgrund hoher Verschuldung bei der Einrichtung der Agenturen, verschärften Wettbewerbs, mangelnder Qualifikation der Vertreter und rigider Vorgaben der Allianz werde die Situation der Agenturen immer schwieriger. „In den kommenden Jahren“, so die Einschätzung des Insiders, „wird bei jeder dritten Allianz-Vertretung das Licht ausgehen.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%