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Volkswagen Die wunden Punkte in VWs Angriff auf Toyota

Volkswagen sieht sich 2011 weiter auf der Überholspur. Im vergangenen Jahr versiebenfachte sich der Gewinn auf 7,2 Milliarden Euro. Dass VW, wie angepeilt, bis 2018 größter und erfolgreichster Autohersteller der Welt wird, ist indes noch längst nicht besiegelt. Ein Überblick über die Hürden, die der Konzern bis 2018 überwinden muss.

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Volkswagen gibt sich angrifflustig: Nach den Bestmarken des vergangen Jahres stellt Europas größter Autobauer für das laufende Geschäftsjahr weitere Rekordzahlen in Aussicht. „Wir sind mit der aktuellen Geschäftsentwicklung überaus zufrieden und erwarten ein in jeder Hinsicht starkes erstes Quartal“, sagte Vorstandschef Martin Winterkorn heute bei der Präsentation der Bilanz für 2010 in Wolfsburg. Für das Gesamtjahr rechne der Vorstand mit Höchstwerten bei Auslieferungen, Umsatz und operativem Gewinn - und das trotz der Unsicherheiten auf den Rohstoffmärkten sowie neuerlichen Ausschlägen an den Finanzmärkten

Im Jahr 2010 hatte Europas größter Autobauer den operativen Konzerngewinn dank der boomenden Nachfrage aus China und der höheren Bewertung von Optionen auf Porsche-Aktien auf 7,2 Milliarden Euro verachtfacht. Das war nach Konzernangaben das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte. „Damit sind wir 2010 auf die Überholspur gegangen und da wollen wir auch im laufenden Jahr bleiben“, betonte Winterkorn. Für Winterkorn und die restliche Konzernspitze macht sich das Rekordjahr auch finanziell bezahlt. Das achtköpfige Führungsgremium kassierte 36,7 Millionen Euro, wie aus dem Geschäftsbericht hervorgeht. Winterkorn alleine strich 9,3 Millionen Euro im Jahr 2010 ein. Grund für den Anstieg um fast die Hälfte ist ein neuer Bonus, mit dem die langfristige Entwicklung des Unternehmens belohnt wird.

Porsche-Integration kommt "auf jeden Fall"

Der ins Stocken geratene Zusammenschluss von Volkswagen und Porsche steht aus Sicht von Winterkorn nicht zur Diskussion. „Unabhängig von allen formalen Fragen möchte ich eines festhalten: Der integrierte Konzern wird auf jeden Fall kommen“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Die Vorbereitungen zur Eingliederung des Sportwagenbauers aus Stuttgart lägen weiterhin „voll im Plan“ - trotz der Untreue-Vorwürfe gegen die frühere Porsche-Spitze und schwieriger steuerlicher Hürden.

Der VW-Chef sprach sich erneut für ein engeres Zusammenrücken der beiden Lkw-Bauer Scania und MAN aus, an denen die Wolfsburger maßgeblich beteiligt sind. Die beiden Nutzfahrzeugunternehmen arbeiten bereits in Teilbereichen zusammen. Die vollen Größenvorteile ließen sich letztlich aber nur in einem Verbund beider Unternehmen nutzen, sagte Winterkorn. Dabei strebe VW eine Allianz der Lkw-Konzerne „auf Augenhöhe“ an. Die Partnerschaft mit dem japanischen Kleinwagen- und Motorradspezialisten Suzuki, an dem VW knapp 20 Prozent der Anteile hält, solle vertieft werden. Über konkrete Projekte werde zurzeit diskutiert.

Das große Ziel haben die Wolfsburger fest im Blick: In den nächsten Jahren will Volkswagen Weltmarktführer Toyota vom Thron stoßen. Der japanische Rivale will das Feld aber nicht kampflos räumen. Toyota hatte gestern für die nächsten Jahre Zuwächse bei Auslieferungen und Gewinn angekündigt.  Dass VW bis 2018 erfolgreichster Autohersteller der Welt wird, ist noch längst nicht besiegelt. Ein Überblick über die Hürden, die der Konzern überwinden muss.

Hürde Nummer 1: Qualität

Wie Volkswagen trotz des starken Wachstums die Qualität der Fahrzeuge halten kann, gehört zu den Top-Themen im VW-Vorstand. Volkswagen möchte bis 2018 nicht nur der größte, sondern auch der Autobauer mit den zufriedensten Kunden sein. Wie schnell diese Position durch schnelles Wachstum verspielt werden kann, demonstriert derzeit der Wettbewerber Toyota: Der japanische Autobauer muss in diesen Wochen 2,4 Millionen Autos in die Werkstätten zurückrufen. Erst vor einem Monat hatte Toyota 1,7 Millionen Autos wegen Problemen an der Kraftstoffleitung zurückbeordern müssen. Seit 2009 hatte Toyota in mehreren Rückrufaktionen weltweit nahezu 16 Millionen Autos zurückgerufen. Dass dies ausgerechnet bei Toyota passiert, ist die eindringlichste Warnung, die VW bekommen kann. Denn Toyota gilt bis heute – und trotz der Pannen – als der Autobauer mit dem besten Produktionssystem und der besten Qualitätskontrolle.  

Hürde Nummer 2: Profitabilität

Volkswagen will bis 2018 Toyota, General Motors, Ford und den Hyundai-Kia-Konzern – mittelfristig der fünfte Kandidat für die Weltspitze – auch bei der Profitabilität abhängen. Hier hat VW noch einen langen Weg vor sich. Der noch vor wenigen Jahren fast insolvente Autobauer Ford erwirtschaftete 2010 mit 164.000 Mitarbeitern 6,4 Milliarden Euro operativen Gewinn. VW schaffte mit fast 400.000 Mitarbeitern rund 7,1 Milliarden Euro. Im VW-Vorstand hieß es dazu vor nicht allzu langer Zeit, niemand werde künftig entlassen, aber aus der bestehenden Mannschaft müsse mehr herausgeholt werden. In der vergangenen Woche gab der Konzern Gegenteiliges bekannt. Es würden weltweit zusätzliche 50.000 Mitarbeiter eingestellt, teilte VW mit. Wollte VW mit 450.000 Mitarbeitern die gleiche Mitarbeiterproduktivität erreichen wie Ford, so hat das CAR-Center Automotive Research der Uni Duisburg-Essen berechnet, müsste VW die Zahl der verkauften Autos von sieben auf völlig unerreichbare 15 Millionen steigern. Volkswagen wird es in den kommenden Jahren gelingen, über eine Baukastenstrategie hohe Summen zu sparen. Ob die Einspareffekte jedoch so hoch sind, wie bei anderen Konzernen, die mit Weltautos – also weltweit fast unverändert angebotenen und gebauten Autos – arbeiten, muss sich zeigen. 

Hürde Nummer 3: USA

Im US-Markt ist VW mit zwei bis drei Prozent Marktanteil seit Jahren ein kleines Licht. Mit einem neuen Jetta- und Passat-Modell will VW nun den Markt aufmischen. Ob der Passat, der im neu errichteten, eine Milliarde Euro teuren VW-Werk Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee hergestellt wird, ein Erfolg werden kann, muss sich noch zeigen. In den kommenden Tagen laufen die ersten verkaufsfertigen Passat vom Band. Der Jetta scheint aber nicht der erhoffte Erfolg zu werden. Die Verkaufszahlen liegen rund 30 Prozent über dem Vorjahr, als noch das alte Modell verkauft wurde. Doch das dürfte vor allem der abklingenden Krise geschuldet sein. Die großen Wettbewerber Toyota, GM, Ford und Hyundai sind mit ihren Modellen nach wie vor erfolgreicher. In ihrem jüngsten Autotest kommt die renommierte US-Verbraucherzeitschrift Consumer Reports zum Ergebnis, dass der US-Jetta das schlechteste Auto seiner Klasse sei.

Hürde Nummer 4: Markenführung

Volkswagen verfügt mit VW, Audi, Skoda, Seat, Bentley, Lamborghini, Bugatti, der VW-Transportersparte und dem schwedische Lkw-Bauer Scania über neun Marken. Zudem besitzt der Wolfsburger Konzern den Sportwagenbauer Porsche zur Hälfte und ist wesentlich am japanischen Kleinwagenspezialisten Suzuki sowie dem Münchner Lkw-Bauer MAN beteiligt. Der US-Chef von Volkswagen, Jonathan Browning, hält VW für führend beim Markenmanagement. Andere Konzerne hätten ihre Marken nicht so gut im Griff, sagt der Manager, der zuvor bei General Motors und Ford tätig war. Doch Volkswagen läuft Gefahr, sich mit seiner Vielzahl an Marken zu verzetteln. Bei Ford hat das letztlich dazu geführt, dass mehrere Marken verkauft oder eingestellt werden mussten, und dass sich Ford heute fast ausschließlich auf die Marke Ford konzentriert. Ganz anders die Richtung bei VW, wo der bald 74-jährige Porsche-Enkel Ferdinand Piech am liebsten auch noch die Fiat-Tochter Alfa Romeo in sein Imperium holen würde. Der italienische Mutterkonzern lehnt dies allerdings ab.

Hürde Nummer 5: Lkw-Allianz

Auftakt zur Klagewelle: Fonds Quelle: dpa

Um das automobile Riesenreich besser steuern zu können, wird in Wolfsburg erwogen, den Konzern aufzuteilen. Ein Modell sieht vor, die Pkw-Marken auf der einen Seite und das Lkw-Geschäft auf der anderen Seite zu je einer anderen Gruppe zu formieren. Für die Pkw-Marken wären zwei Untergruppen denkbar, eine für die Volumenmarken und eine für Luxusautos. Hindernis für die Lkw-Allianz ist jedoch die Korruptionsaffäre bei der einstigen MAN-Tochter Ferrostaal. Hier verhandeln die Münchner seit Monaten über eine Lastenverteilung – etwa einer drohenden Strafzahlung der Staatsanwaltschaft – mit dem Hauptaktionär IPIC. MAN hat seine Hauptversammlung auf Ende Juni verschoben, um Zeit zu gewinnen. Bis dahin soll der Konflikt beigelegt sein. Die VW-Tochter Scania könnte dann eine Offerte für MAN abgeben, an der die Wolfsburger knapp 30 Prozent halten. Porsche-Fusion: Für seinen Megakonzern will Piech Volkswagen mit Porsche verschmelzen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die beiden Ex-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter drohen dieses wichtige Vorhaben allerdings bis 2013/2014 verzögern. Zudem gibt es erhebliche finanzielle Risiken: Investmentfonds könnten die Untersuchungsergebnisse für Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe gegen Porsche nutzen. Die Fonds fühlen sich von dem Unternehmen getäuscht. Sie werfen dem damaligen Management vor, seine Übernahmepläne lange verschleiert und damit Börsenkurse manipuliert zu haben. Porsche hatte 2008 versucht, mit riskanten Finanztransaktionen den deutlich größeren VW-Konzern zu schlucken. Dabei verspekulierte sich die Konzernspitze um Wiedeking jedoch, Porsche drohte unter der Schuldenlast zusammenzubrechen. VW dreht den Spieß um, rettete Porsche und will sich nun seinerseits das Stuttgarter Unternehmen einverleiben. Alternativ zur Fusion könnte sich VW für knapp vier Milliarden Euro die andere Hälfte des Sportwagengeschäfts einverleiben. Die wechselseitig eingeräumten Optionen können erstmals im November 2012 ausgeübt werden, letztmals Ende Januar 2015. Dann bliebe die Porsche-Holding bestehen, die mit knapp 51 Prozent an Volkswagen beteiligt ist.

Hürde Nummer 6: Porsche-Fusion

Für seinen Megakonzern will Piech Volkswagen mit Porsche verschmelzen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die beiden Ex-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter drohen dieses wichtige Vorhaben allerdings bis 2013/2014 verzögern. Zudem gibt es erhebliche finanzielle Risiken: Investmentfonds könnten die Untersuchungsergebnisse für Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe gegen Porsche nutzen. Die Fonds fühlen sich von dem Unternehmen getäuscht. Sie werfen dem damaligen Management vor, seine Übernahmepläne lange verschleiert und damit Börsenkurse manipuliert zu haben. Porsche hatte 2008 versucht, mit riskanten Finanztransaktionen den deutlich größeren VW-Konzern zu schlucken. Dabei verspekulierte sich die Konzernspitze um Wiedeking jedoch, Porsche drohte unter der Schuldenlast zusammenzubrechen. VW dreht den Spieß um, rettete Porsche und will sich nun seinerseits das Stuttgarter Unternehmen einverleiben. Alternativ zur Fusion könnte sich VW für knapp vier Milliarden Euro die andere Hälfte des Sportwagengeschäfts einverleiben. Die wechselseitig eingeräumten Optionen können erstmals im November 2012 ausgeübt werden, letztmals Ende Januar 2015. Dann bliebe die Porsche-Holding bestehen, die mit knapp 51 Prozent an Volkswagen beteiligt ist.

Hürde Nummer 7: Indien

VW braucht Suzuki, um im Zukunftsmarkt Indien zu wachsen. Deshalb will VW seinen Anteil von knapp 20 Prozent an dem japanischen Unternehmen Suzuki, das in Indien stark ist, erhöhen. Doch der 81-jährige Firmenpatriarch Osamu Suzuki will keine Macht aus der Hand geben. Als Mittler hat Volkswagen den früheren Opel-Chef Hans Demant angeworben. Der 60-Jährige soll die Zusammenarbeit mit den als empfindlich geltenden Japanern behutsam vertiefen.

Hürde Nummer 8: China

Wichtigster Markt für Volkswagen ist China, wo der deutsche Konzern mit zwei Partnern zusammenarbeitet. An einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem größten chinesischen Autobauer SAIC ist VW zur Hälfte beteiligt, an einem weiteren mit FAW (First Automobile Works) halten die Wolfsburger 40 Prozent der Anteile. Doch der Markt ist alles andere als seine sichere Bank. Sollte sich das Wirtschaftswachstum abkühlen oder Unruhen wie im arabischen Raum das Land erschüttern, könnte das wichtigste Standbein von VW gefährdet sein. Auch steigt in China mit wachsendem wirtschaftlichem Erfolg das Selbstbewusstsein. „Es gibt Tendenzen, dass sich die VW-Partner verselbständigen wollen“, sagt Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB. Die chinesische Staatsführung will, dass die Chinesen verstärkt Autos heimischer Marken fahren. VW gibt dem Druck offenbar nach, indem der Konzern in China eine neue, lokale Marke einführt. China könnte aber auch für Volkswagen in anderen Märkten gefährlich werden: Experten erwarten in den kommenden Jahren eine Expansion chinesischer Autobauer nach Europa.

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