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Volkswagen In Amerika entscheidet sich die Zukunft von VW

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Wie das Jahr wird, entscheiden weder Winterkorn an seinem Schreibtisch in Wolfsburg noch sein US-Statthalter Browning in der amerikanischen VW-Zentrale in Washington. Die Fäden hält Frank Fischer, der Werksleiter in Chattanooga, in der Hand. Ob der Passat tatsächlich hält, was VW bei der Präsentation des Autos Anfang Januar in Detroit versprach, hängt von dem 48-Jährigen ab, von Hunderten kleinen und großen Entscheidungen, der er jeden Tag fällen muss.

Fischer ist Ingenieur und war Fertigungs- und Werksleiter in den VW-Werken Emden und Braunschweig. Heute sitzt er in der „Pilot Hall“, dem Allerheiligsten des Werkes, wo streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit die ersten Exemplare des US-Passat das Licht der Welt erblickten, wo die Labore der Qualitätsprüfer stehen und der Passat den letzten Schliff bekommt. Für den Mann im Werkshemd mit der schlichten Aufschrift „Frank“ ist Chattanooga der Job seines Lebens. Hier kann er VW-Geschichte schreiben.

Der blonde Norddeutsche plaudert und witzelt mit den Angestellten, doch unter der entspannten Oberfläche steht er spürbar unter Strom. Aber er weiß, dass der große VW-Vorstandssitzende hinter ihm steht. Einmal fragte ihn Winterkorn vor versammelter Mannschaft: „Fischer, brauchen Sie mehr Unterstützung?“ Fischer bejahte und bekam, was er wollte. Chattanooga wurde konzernweit zur Chefsache. Vor allem aus Emden und Braunschweig, seinen früheren Wirkungsstätten, bekam er reichlich Unterstützung, personell wie technisch. Und so wurde Chattanooga rechtzeitig fertig. Auf dem Papier, erzählt Fischer, sei alles im Plan. Bleibt die Frage, ob auch unterm Blech alles im Plan ist. Das weiß niemand so recht in Chattanooga. Erst wenn die Massenproduktion in den kommenden Wochen anläuft, zeigt sich, in welcher Qualität der US-Passat vom Band rollt. Die Erwartungen sind hoch: „Wir wollen 20 bis 30 Prozent effizienter produzieren als das derzeit beste VW-Werk und zu den besten Werken in Nordamerika gehören“, sagt Fischer.

Liebevoll mit Handschuhen

Wo Daimler, BMW und VW in den USA Autos bauen

Das erfordert Fischers ganzen Einsatz. Kritisch beäugt er einen Mitarbeiter, der mit dem Ärmel Staub von einem Passat wischt. Das ist gegen die Vorschrift. Richtig wäre es, ein weiches Tuch zu benutzen. Lächelnd, mit einem kleinen Scherz, aber unzweideutig weist er den Arbeiter darauf hin. „Liebe zum Detail“ nennt Fischer das, und er weiß, dass dies ein wichtiger Teil seiner Mission in der Neuen Welt ist. „Dass die Mitarbeiter unsere Qualitätsansprüche wirklich verinnerlichen“, meint der Ingenieur, „ist wohl der schwierigste Part.“ Deshalb muss er alles daransetzen, dass die Amerikaner das schlucken. Fischer plant gerade eine interne Werbekampagne, die den Arbeitern die deutsche Liebe zum Detail als „Passion for Detail“ nahebringen soll.

Es ist vor allem die Sorge um die Qualität, die die VWler von Chattanooga bis Wolfsburg umtreibt. Volkswagen will das erste Unternehmen sein, das „German Engineering“, also deutsche Ingenieurkunst, im US-Massensegment anbietet. Doch in den Augen der Amerikaner sind die Wolfsburger den Beweis dafür bislang schuldig geblieben. Bei der Qualität landete VW im vergangenen Jahr aus Sicht der US-Kunden im Vergleich zu den Wettbewerbern auf den hintersten Plätzen. Über den neuen Jetta, der in Puebla in Mexiko gebaut wird und Ende 2010 in den USA an den Start ging, hagelte es Kritik. „Konstruiert von Controllern“ und voller „Billigplastik“, wetterte das „Wall Street Journal“, dagegen wirke der Chevrolet Cruze von General Motors wie ein Maybach. Das Design des Jetta entfalte in seiner Durchschnittlichkeit „fast schon hypnotische Wirkung“.

Christian Klingler, VW-Vertriebsvorstand, sorgte sich angesichts solcher Qualitätsdefizite in den USA sogar schon um die Marke Volkswagen insgesamt. In einem internen Schreiben monierte er unlängst: „Insbesondere in den Regionen, in denen das Wachstum von Volkswagen bis 2018 vorrangig stattfindet“ – also die Schwellenländer und die USA – bestehe „enormer Handlungsbedarf, um die Marke auf ein Top-Niveau zu bringen“.

Aldi-Charme für Amerikaner

In den USA soll das nun der eigens entwickelte Passat bringen. „Der muss passen“, sagt VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg mit einer Portion Dramatik. Das Auto ist der einzige Schuss, den Volkswagen in den USA hat. Die Karosserie ist zehn Zentimeter länger und 10.000 Euro günstiger als der Passat, der in Deutschland verkauft wird. Auf seine Kosten will VW kommen, indem die Ausstattung und die innovative Technik gegenüber dem hiesigen Modell zurückbleiben. Im Innenraum gibt es viel Hartplastik, auch die groben Rohre, mit denen der Kofferraumdeckel an der Karosserie befestigt ist, fallen sofort ins Auge. Für deutsche Kunden wäre das ein Tick zu viel Aldi-Charme. Dafür besitzt der US-Passat eine Menge kleiner Spielereien – etwa einen Tempomat und eine Klimaanlage, die schon vor dem Einsteigen den Wagen richtig temperiert –, auf die Amerikaner Wert legen. Das Auto soll auch ins Ausland exportiert werden, auf keinen Fall jedoch nach Europa, wo der US-Passat die europäische Premiumvariante kannibalisieren würde.

Exakt 4,86 Meter misst der große Hoffnungsträger, der VW den Durchbruch bringen soll. Hans-Herbert Jagla hat ihn immer fest im Blick, selbst wenn am Schreibtisch sitzt. Jagla ist Personalchef bei VW in Chattanooga. Durch ein kleines Fenster in Hüfthöhe kann er, so wie alle anderen Verwaltungsmitarbeiter hier, die Produktion im Stockwerk tiefer genau beobachten. „Damit wir nicht vergessen, wofür wir arbeiten“, sagt Jagla.

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