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Volkswagen In Amerika entscheidet sich die Zukunft von VW

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Das meint er natürlich ironisch, denn wie könnte er das vergessen. Der grauhaarige 57-Jährige, der seit 1979 als Personalplaner und Personalchef für die Wolfsburger arbeitet, wirkt ruhig und besonnen. Seine Aufgabe besteht darin, sich den ganzen Tag den Kopf zu zerbrechen, welche Leute unter welchen Bedingungen den Passat so bauen, dass er optimal auf die Straße kommt. Leute wie Jagla mögen in anderen Unternehmen eine Nebenrolle spielen. In Chattanooga jedoch gehört dem Personalchef eine der Hauptrollen. Denn die Werker sind die Achillesferse des ganzen Projekts. Ihre Ausbildung, ihre Einstellung, ihre Motivation entscheiden über top oder flop.

Und es gibt Schwächen, gewaltige. Jagla würde das natürlich so nie sagen, denn er ist ein Personaler der leisen Töne. Doch andere Mitarbeiter im Werk machen keinen Hehl aus den Problemen unten in der Fabrik. In Chattanooga prallen amerikanischer Pragmatismus und deutscher Perfektionismus hart aufeinander, geschürt auch von VW-Übervater Piëch, der im Konzern „Fugen-Ferdl“ heißt, weil er gern von Hand den Spalt zwischen Motorhaube und Kotflügel auf Exaktheit überprüfte.

Vorbild Fugen-Ferdl

Aktien-Info VW

Den US-Werkern ist derlei so fremd wie ihren deutschen Kollegen der Cheeseburger zum Frühstück. 2000 Männer und Frauen ließ Jagla unter 85.000 Bewerbern für Chattanooga auswählen. Viele von ihnen haben in früheren Jobs gelernt, sich besser nicht zu sehr zu engagieren, weil sie womöglich sowieso bald wieder gefeuert werden. Sie haben gelernt, Probleme lieber schnell und billig zu lösen statt langsam und gründlich. Solche Einstellungen soll Jagla ausmerzen. Er soll aus den Arbeitern, die er in der Region anheuert, allesamt kleine Qualitätsfanatiker und Fugenfühler machen. Anders kann die VW-Marketingnummer vom „German Engineering“ nicht aufgehen.

Wer sich darauf einlässt, dem hat Jagla einiges zu bieten. An erster Stelle stehen Weiterbildung und Qualifizierung im 40 Millionen Dollar teuren Schulungszentrum, das mit öffentlichen Mitteln auf dem Werksgelände errichtet wurde. Dazu kommen in den USA auffällige Sozialleistungen: eine ordentliche Krankenversicherung und ein großes Ärztehaus direkt am Werk, eine Kantine mit gesunder Vollwertkost, einen Werkskindergarten, ein Fitnessstudio in der Fabrik und Pausenräume für die Bandarbeiter, wie sie in vielen anderen Werken selbst die Chefs nicht haben. Und einen freundlichen Mitarbeiter, der jeden Werker beim morgendlichen Betreten der Fabrik fragt, ob er gesundheitlich in Ordnung sei oder VW ihm irgendetwas Gutes tun könne.

Doch weil nach Bertolt Brecht erst das Fressen und dann die Moral kommt, riskiert Jagla mit dieser Strategie zugleich eine Gratwanderung. Denn so gut es die Arbeiter haben, so klar liegt ihr Einstiegsstundenlohn in Chattanooga mit 14,50 Dollar auf unterstem Branchenniveau.

Werden die betütelten Werker VW da langfristig die Treue halten? Jagla ist optimistisch. „Unsere Löhne steigen über die nächsten zwei Jahre automatisch auf fast 20 Dollar“, sagt er, „dazu kommen Erfolgsbeteiligungen.“ Ohnehin sei der Lohn angesichts der niedrigen Lebenshaltungskosten in Chattanooga nicht schlecht.

Dennoch droht Jagla Ungemach – in Gestalt der US-Autogewerkschaft UAW. Bislang haben die Gewerkschafter nur die alten Werke rund um die Autohochburg Detroit fest im Griff. Doch weil dort die Jobs zu Hunderttausenden wegbrachen, schickt sich die UAW an, den Süden der USA zu erobern, wo Gewerkschaften auf wenig Widerhall stoßen. Nicht zufällig haben Hersteller wie Toyota, Honda, BMW oder Mercedes ihre Werke hier.

Jagla gibt sich in der heiklen UAW-Frage neutral, sagt, er stehe für eine gute Mitarbeitervertretung, in welcher Form auch immer. Was soll er auch sonst sagen als VW-Manager. In Wolfsburg ist die Belegschaft zu fast 100 Prozent in der IG Metall, und die Gewerkschaft hat einzigartige Veto-Rechte, etwa wenn es um den Bau oder die Schließung von Werken geht. „Im VW-Konzern gab es immer den Ausgleich von Wirtschaftlichkeit und Beschäftigung“, sagt Jagla brav. Genau auf diesen sozialdemokratischen Geist bei VW setzt nun aber die UAW. Damit könnte VW das perfekte Einfallstor der Gewerkschaft in den Süden der USA sein. Die IG Metall und der VW-Betriebsrat haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Konzernbetriebsratchef Bernd Osterloh bekundete ganz offen: „Ich habe Verständnis dafür, dass die UAW die Fabriken organisieren will.“

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