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Volkswagen In Amerika entscheidet sich die Zukunft von VW

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Erinnerung an den Hippie-Käfer

Die US-Fahne spiegelt sich in Quelle: dpa

Bei den Arbeitern in Chattanooga scheint die UAW kein großes Thema zu sein. Die kleine Gruppe, die gerade am Fließband die künftigen Handgriffe übt, hat bald Feierabend. Einer von ihnen ist der farbige Keith Chandler, 37 Jahre, beiger Overall, Audi-Fahrer und ein gehöriges Selbstbewusstsein. Bis 2002 arbeitete er als Monteur in einer Schulbus-Fabrik im US-Bundesstaat Georgia. Nachdem die Fabrik dichtgemacht hatte, hielt er sich mit Handwerkerjobs über Wasser. „Jetzt verdiene ich ein bisschen mehr, und ich kann mehr lernen“, sagt Chandler. „Ich habe schon viele Jobs gemacht“, meint Chandler, „aber die Deutschen, wow, die sind so ordentlich, hier ist alles so sauber.“

Auch Chandlers Kollegin Renee Williams, 44, hat sich offenkundig von der Aufbruchstimmung in Chattanooga anstecken lassen. Nach ein paar Jahren als Krankenpflegerin wollte die stämmige Schwarze als Mechanikerin zurück in die Industrie. Früher malochte sie in einer Rohrfabrik und einer Gießerei, beide Unternehmen gibt es lange schon nicht mehr. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal in einer Fabrik arbeite und schon gar nicht, dass VW mich in meinem Alter nimmt“, sagt die Mittvierzigerin.

Williams und Chandler werden noch so rackern können, entscheidend wird sein, dass ihre Landsleute den Passat aus Chattanooga kaufen. Dafür will sich Bradley Cobb ins Zeug legen, fünf Kilometer westlich des neuen Werkes, in seinem eben erst renovierten Verkaufsraum. Der VW-Händler hat einen gelben VW-Käfer aus der Hippie-Ära ausgestellt, als Reminiszenz an die guten Volkswagen-Jahre in den USA, daneben aber auch den VW-Geländewagen Touareg. Cobb, kleingewachsen, mit Dreitagebart, sagt, er freue sich über die VW-Arbeiter, die sich plötzlich für die Marke VW interessieren. „Seit VW in Chattanooga ist, habe ich jeden Samstag das Autohaus voller VW-Angestellter, die endlich mal einen VW fahren wollen.“ Allerdings hielt der Ansturm zunächst nicht, was er versprach. „Sie wollen nur Probe fahren, nicht kaufen!“, klagt Cobb. „Manche gehen erst, wenn sie alle Modelle gefahren sind.“

Also stellte der findige Amerikaner einen Mitarbeiter ein, der sich speziell um die VW-Mitarbeiter kümmern soll. Das laufe „richtig gut“, sagt Cobb. 50 Volkswagen verkaufe er im Moment pro Monat, jeder dritte davon sei ein Jetta. Das sei mehr, als die Konkurrenzmarken in der Region von vergleichbaren Modellen absetzten. Cobb muss es wissen, denn er betreibt auch Toyota-, Honda-, Hyundai- und Ford-Autohäuser in der Gegend.

Trotzdem ist Cobb auch Lokalpatriot. „Wenn Sie einen Volkswagen kaufen, dann kaufen Sie ein lokales Produkt“, schreibt er in seinen Werbeanzeigen in der Lokalzeitung. „Zum ersten Mal können wir im Massensegment voll angreifen“, sagt er. „Das kann die ganze Branche verändern.“

Jazzmusiker Glenn Miller jedenfalls verkaufte vor 70 Jahren von seinem Superhit Chattanooga Choo Choo binnen Kurzem über eine Million Schallplatten – etwa so viel, wie VW und Audi zusammen jedes Jahr Autos in den USA absetzen wollen.

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