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Volkswagen VW droht übles Nachspiel bei Porsche-Kauf

Mit der Übernahme von Porsche fangen für Volkswagen die Probleme erst richtig an: drohende Klagen von Aktionären, die Integration des Sportwagenherstellers, zu niedrige Produktivität.

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Ursula und Ferdinand Piëch: Quelle: REUTERS

Ursula Piëch sitzt im ersten Stock der Hamburger Messe und nippt an einer Tasse Kaffee. Entspannt parliert sie mit ihrem Tischnachbarn, dem Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz, und hat dabei ihren Gatten fest im Blick: Ferdinand Piëch, Aufsichtsratschef von Volkswagen, füllt mehrere Flachbildschirme an der Wand. Grimmig dreinblickend leitet er die außerordentliche Hauptversammlung von VW und muss sich Fragen kritischer Aktionäre stellen.

Dass Piëchs Gemahlin dennoch so entspannt ist, hat einen einfachen Grund. Mit unangenehmen Überraschungen muss der VW-Patriarch nicht rechnen. Die Aktionäre werden die von VW vorgeschlagene Kapitalerhöhung planmäßig abnicken und damit den Weg frei machen für die Übernahme von Porsche.

Probleme fangen jetzt erst an

Doch mehr als ein Etappensieg ist das Eigentümertreffen am vorigen Donnerstag in Hamburg nicht – weder für die Piëchs, noch für ihren Vollstrecker, VW-Chef Martin Winterkorn. Denn die eigentlichen Probleme fangen für alle Beteiligten jetzt erst an:

Wegen möglicher Gesetzesverstöße des früheren Porsche-Managements drohen dem VW-Mehrheitsaktionär, der Porsche SE, Schadensersatzklagen von VW-Aktionären in Milliardenhöhe. Der WirtschaftsWoche liegen neue Hinweise auf solche möglichen Verstöße vor.Fondsgesellschaften und Aktionärsschützer werfen VW vor, die Übernahme von Porsche diene nur den VW-Großaktionären wie indirekt den Familien Piëch und Porsche, nicht jedoch dem Unternehmen VW, wie Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) meint. Aktionäre und Fonds erwägen deshalb, gegen die Übernahme zu klagen.Die Übernahme von Porsche schadet VW auch im operativen Geschäft. Statt das Unternehmen in der Absatzflaute auf mehr Effizienz zu trimmen, muss VW-Chef Winterkorn erst einmal Porsche und später vielleicht auch den Lkw-Hersteller MAN, auf den Piëch ein Auge geworfen hat, integrieren. Auf diese Weise droht Winterkorns Ziel, die Produktivität des Konzerns jedes Jahr um zehn Prozent zu steigern, in weite Ferne zu rücken.

Porsche musste hochverschuldet aufgeben

Mit der Fusion von Volkswagen und Porsche geht eine der spektakulärsten Übernahmeschlachten Deutschlands zu Ende. Im September 2005 war Porsche bei Volkswagen mit gut zehn Prozent eingestiegen. Später wurde klar, dass Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sich nicht mit einem Minderheitsanteil bei VW zufriedengeben wollte, sondern nach der vollen Macht in Wolfsburg griff.

Es entbrannte ein heftiger Kampf zwischen Porsche und VW, der letztlich von zwei Faktoren entschieden wurde, die Porsche-Chef Wiedeking nicht auf der Rechnung hatte: Die Finanzkrise sorgte dafür, dass Porsche das Geld ausging. Und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) rettete seine Sperrminorität bei wichtigen VW-Entscheidungen. Hoch verschuldet musste Porsche schließlich aufgeben. Wiedeking räumte seinen Posten und machte so den Weg frei für Volkswagen. Die Wolfsburger werden den Sportwagenbauer nun schrittweise übernehmen und integrieren.

Damit beginnt zugleich das üble Nachspiel. Mit einem raffinierten Konstrukt von Aktienoptionen hatte der kleine Sportwagenbauer aus Zuffenhausen versucht, sich den zweitgrößten Autobauer der Welt einzuverleiben. Damit die Rechnung aufging, musste der Aktienkurs von VW in einer bestimmten Höhe liegen. Ein Absturz oder ein Höhenflug hätten die Strategie zunichte gemacht.

Kursverlauf der VW-Aktie in den vergangenen drei Jahren (Angaben in Euro´)

Hat Porsche deshalb mit gezielten Falschinformationen den Kurs der Aktien beeinflusst und damit den Markt manipuliert? Diesem Vorwurf geht die Staatsanwaltschaft Stuttgart nach. Seit August läuft dort ein Ermittlungsverfahren gegen Wiedeking und den ehemaligen Finanzvorstand des Unternehmens, Holger Härter. Porsche und die verdächtigten Manager bestreiten die Vorwürfe. Fondsgesellschaften klagen, sie hätten durch die angeblichen Manipulationen Milliardenschäden erlitten. Sollten die Staatsanwälte die möglichen Straftaten nachweisen, drohen Porsche – und damit auch dem neuen Eigentümer VW – Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe. Kanzleien in Deutschland bereiten Klagen in dieser Größenordnung vor.

Über erste Ungereimtheiten in der Porsche-Informationspolitik hatte die WirtschaftsWoche bereits im Mai berichtet. Porsche, so der damalige Verdacht, könnte die vollständige Übernahme von VW womöglich schon im Februar 2008 geplant haben, offiziell jedoch dementierte Porsche diese Absicht auch noch im März 2008. Ein Unterhändler der niedersächsischen Landesregierung war nach einer Unterredung mit Porsche-Vertretern schon am 25. Februar 2008 zu dem Schluss gekommen, dass „Porsche letztlich das Ziel“ eines Beherrschungsvertrages verfolge.

Verdacht auf Marktmanipulation

Neue Unterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, erhärten den Verdacht, dass Wiedeking und Härter den Kapitalmarkt manipuliert haben könnten. Marktmanipulation liegt laut Wertpapierhandelsgesetz (WPHG) unter anderem dann vor, wenn „unrichtige oder irreführende Angaben“ gemacht werden, die den Aktienkurs beeinflussen können.

Eine offizielle Äußerung von Porsche am 25. September 2005 könnte sich nun als eine solche „irreführende Angabe“ entpuppen. An diesem Tag hatte Porsche den Einstieg bei VW bekannt gegeben. In einer Pressemitteilung versicherte das Unternehmen: „Die Beteiligung wird auf keinen Fall die Schwelle erreichen, bei der Porsche ein öffentliches Angebot zur Übernahme von Volkswagen abgeben müsste.“ Diese Schwelle liegt bei 30 Prozent.

Eineinhalb Jahre später entschied Porsche, doch die Schwelle von 30 Prozent zu überschreiten, obwohl das Unternehmen erklärt hatte, dies „auf keinen Fall“ zu tun. Wie aus einem Schreiben von Porsche hervorgeht, hat das Unternehmen damit keinen plötzlichen Sinneswandel vollzogen. Vielmehr spielte Porsche schon vor und während des Einstiegs im Jahr 2005 eine vollständige Übernahme von VW durch – und hat deshalb womöglich mit der Beteuerung „in keinem Fall“ über 30 Prozent zu gehen, den Kapitalmarkt manipuliert.

Porsche weist Vorwürfe zurück

In dem Schreiben vom 24. November 2009, das von Porsche-Justiziar Konrad Wartenberg unterzeichnet ist und der WirtschaftsWoche vorliegt, heißt es: „Bereits vor dem Einstieg bei VW hatte die Porsche SE diverse Szenarien für den Beteiligungserwerb (…) geprüft. Zu diesen Szenarien gehörte unter anderen der Erwerb einer Sperrminorität, (…) das Überschreiten der 50-Prozent-Schwelle, (…) der Abschluss eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages zwischen Porsche SE und VW, bis hin zu einem Squeeze-out. Auch nach dem Einstieg bei VW im September 2005 wurden die verschiedenen Szenarien fortlaufend überprüft.“

Nach Einschätzung des Wirtschaftsrechtlers Thomas Möllers, Professor an der Universität Augsburg und Experte für Fragen der Marktmanipulation, legen die Widersprüche zwischen den Angaben des Porsche-Justiziars und der Äußerung aus dem Jahr 2005 „tatsächlich den Verdacht nahe, dass der Markt manipuliert wurde“. Für die ermittelnden Staatsanwälte, so Möllers, „müssten diese Angaben von hoher Bedeutung sein, da ein vorsätzlicher Verstoß gemäß Paragraf 20 a des Wertpapierhandelsgesetzes im Sinne einer unrichtigen und irreführenden Angabe plausibel erscheint.“

Porsche weist die Vorwürfe zurück: „Die Gesellschaft und zwei renommierte Rechtsexperten haben die von der BaFin bzw. der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe eingehend geprüft. Dabei haben sich keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass sich Herr Dr. Wiedeking oder Herr Härter der Marktmanipulation schuldig gemacht haben.“ Die Aussage, dass die Beteiligung auf keinen Fall die Schwelle erreiche, bei der Porsche ein öffentliches Angebot zur Übernahme von Volkswagen abgeben müsste, stehe „nicht im Widerspruch dazu, dass Porsche bereits vor dem Einstieg bei VW diverse Szenarien für den Beteiligungserwerb geprüft hat“.

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Bei VW ist man sich indes der Risiken möglicher Schadensersatzklagen bewusst. Der Konzern habe bei den Jura-Professoren Joachim Vogel und Mathias Habersack von der Universität Tübingen eine „Prüfung der Haftungsrisiken beauftragt“, sagt VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch. „Der Vorstand wird vor der Verschmelzung entscheiden, ob das Risiko als vertretbar angesehen werden kann.“

Auch ein Porsche-Dementi vom 10. März 2008 erscheint angesichts des Schreibens in neuem Licht. Damals war in den Medien darüber spekuliert worden, dass Porsche seinen VW-Anteil auf 75 Prozent aufstocken wolle. Porsche widersprach mit den Worten: „Hintergrund der aktuellen Medienberichte sind offenbar Börsengerüchte, die auf Gedankenspiele von Analysten und Investoren zurückgehen.“ Offenbar gab es, wie das Schreiben zeigt, diese Gedankenspiele auch bei Porsche, das Unternehmen lenkte die Aufmerksamkeit jedoch gezielt auf Analysten und Investoren.

Preis für Porsche deutlich zu hoch?

„Obwohl die Aussage an sich richtig ist, ist es eine Täuschung“, sagt Franz Braun, Kapitalmarktexperte der Münchner Kanzlei CLLB. „Denn eine Täuschung ist laut Rechtsprechung auch dann gegeben, wenn eine isoliert betrachtet richtige Erklärung planmäßig eingesetzt wird, um einen Irrtum über andere Tatsachen hervorzurufen.“

Wie auch immer die Justiz dies bewerten wird, Ungemach droht VW auch wegen der Porsche-Übernahme direkt. Der norwegische Staatsfonds NBIM, der rund 270 Millionen Euro in VW-Aktien investiert hat, kritisiert die Fusionspläne als „inakzeptabel“. Die Transaktion erwecke den Eindruck, sie sei darauf angelegt, „die Interessen der Eigentümerfamilien von Porsche zu Lasten des Unternehmens VW und der übrigen VW-Aktionäre zu verfolgen“. Der Preis, den VW für Porsche bezahle, sei deutlich zu hoch. Die größte deutsche Fondsgesellschaft DWS hat sich der Kritik der Norweger angeschlossen. Die Fonds prüfen Klagen gegen VW, haben darüber aber noch nicht entschieden.

Piëch hat Großes im Sinn

Solche Kritik ficht Ferdinand Piëch jedoch kaum an. Denn er hat Großes im Sinn. Seit Jahrzehnten baut er an einem Autokonzern, der zu den größten der Welt gehört und der die ganze Palette motorengetriebener Vehikel, vom Kleinwagen bis zum schweren Lkw, anbietet. Nun ist der 72-Jährige kurz vor dem Ziel: Ist Porsche erst eingemeindet, sollen, so will es Piëch offenbar, die Anteile an MAN auf mehr als 50 Prozent aufgestockt werden. Dann kann, zusammen mit der VW-Tochter Scania, eine gemeinsame Lkw-Sparte entstehen. Und damit nicht genug: Piëch gelüstet es nach einer weiteren Marke. In VW-Vorstandskreisen wird nicht dementiert, dass es sich dabei um Suzuki handeln könnte. Allerdings, so heißt es in VW-Kreisen, „ruht das Thema“, da andere Projekte Vorrang hätten.

Was Piëch bei seiner Expansionslust unterschlägt: VW hat enormen Nachholbedarf bei der Produktivität. Mit durchschnittlich rund 35 Arbeitsstunden pro Auto ist VW einer der ineffizientesten Volumenhersteller Europas. Nissan braucht 14 Stunden, selbst Opel ist mit 21 deutlich besser. Den Nachholbedarf hat VW-Chef Martin Winterkorn erkannt: Bis 2018 will er die Produktivität des Konzerns jährlich um zehn Prozent steigern. Langfristig, so beteuerte Winterkorn auf der Hauptversammlung in Hamburg, strebe VW eine Umsatzrendite von acht Prozent an.

Doch statt dieses Ziel zu verfolgen, muss sich der VW-Chef erst mal mit den Reibungsverlusten bei der Integration der neuen Marken befassen. Wegen der Porsche-Übernahme hätten andere wichtige Projekte um Monate verschoben werden müssen, heißt es auf der VW-Chefetage. Die Übernahmeschlacht habe viele Manager über die Grenzen belastet.

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