WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Vorstandswechsel Chefs auf Abruf

Anleger werden immer ungeduldiger mit ihren Vorstandsvorsitzenden. Beleg dafür sind viele ungeplante Abgänge im ersten Halbjahr 2012. Weil es an qualifizierten Nachfolgern mangelt, stecken die Firmen in einem Dilemma.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Hielt die Geschäfte länger in der Hand als gedacht: Deutsche-Bank-Chef Ackermann. Quelle: Reuters

Düsseldorf Wenn Personalberater an den Chefwechsel bei der Deutschen Bank denken, schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen: eine unendliche Geschichte, die zur Posse verkam.

Dabei war der Abgang des heute 64-jährigen Vorstandschefs Josef Ackermann jahrelang absehbar und durchaus gut planbar. Doch alles lief schief: 2009 brachte sich der gleichaltrige Aufsichtsratschef Clemens Börsig als Nachfolger ins Spiel und scheiterte fulminant. Dann willigte Ackermann ein, bis 2013 zu verlängern.

Die Medien spotteten über den „Krieg der Alphatiere“. Nur in einer Doppelspitze fand sich der Kompromiss: Im Juni traten Anshu Jain und Jürgen Fitschen an. Ackermann selbst verzichtete letztlich auf den umstrittenen Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats. Am Schluss litt durch das ganze Machtgezerre vor allem eines: das Ansehen der Bank.

Wenn ein Chef seinen Sessel räumen muss, ist das immer eine heikle Angelegenheit. Das belegen die zum Teil spektakulären Abgänge der vergangenen sechs Monate. Keine Personalie gleicht der anderen. Mal räumen „Dinosaurier“ wie Ackermann oder RWE-Chef Jürgen Großmann das Feld. Mal beherrscht Tragik die Szene, wie beim Rücktritt des schwerkranken Infineon-Chefs Peter Bauer. Mal dominieren Geschacher und politischer Proporz wie beim Rüstungs- und Luftfahrtkonzern EADS. Hier löste der Westerwälder Thomas Enders den Franzosen Louis Gallois ab.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Manche CEOs (Chief Executive Officer) schmissen einfach hin. Die langjährigen Co-Chefs von Blackberry-Hersteller RIM gaben auf, weil ihr Unternehmen in Schieflage geraten war. Beim Modekonzern Esprit kündigten der Chef und sein oberster Aufseher innerhalb von zwei Tagen ihren Abgang an. Aus Sicht der meisten Anleger verlassen sie ein sinkendes Schiff. Kein Wunder, der Aktienkurs brach ein - den scheidenden Chefs vermag das eine gewisse Genugtuung verschaffen.


    Der Alptraum: Auf den Rücktritt folgt ein Kursfeuerwerk

    In die andere Richtung schnellte der Kurs bei Ex-Beiersdorf-Chef Thomas Quaas. Als im Oktober 2011 bekannt wurde, dass er im April abgelöst wird, legte die Aktie um fünf Prozent zu. Das Signal von der Börse: Dieser Chef war nichts, aber seinem Nachfolger, dem Markenexperten Stefan Heidenreich, trauten sie deutlich mehr zu.

    Quaas mag sich allenfalls damit trösten, dass die Reaktionen der Börse manchmal noch gnadenloser sind. Jürgen Schrempp erlebte bei Daimler eine noch größere Schlappe. Die Berufung seines Nachfolgers Dieter Zetsche feierten die Märkte mit einem Kursfeuerwerk. Binnen weniger Sekunden machten sie den Konzern knapp vier Milliarden Euro wertvoller - „nur“ weil der Lotse Ende des Jahres von Bord gehen sollte. Unrühmlicher kann ein Abgang wohl nicht sein.

    Nach außen werden Chefwechsel gerne als freiwillig kommuniziert. Aber nicht immer ist das so, wie der Doppelwechsel bei Esprit zeigt, oder der Abgang von Jean Bernard Lévy: Der Chef des französischen Telekom- und Medienkonzerns Vivendi verließ seinen Posten Ende Juni im Streit. Andere CEOs wurden durch die Aufdeckung von Skandalen oder unlauteren Geschäften entlassen, so wie Barcleys-Chef Bob Diamond. Yahoo-Chef Scott Thompson musste nach nur vier Monaten gehen, weil er seinen Lebenslauf frisiert hatte.

    Doch nicht jeder CEO, der massiv in der Kritik steht, tritt gleich zurück. Investmentbanker Dirk Notheis etwa, Deutschland-Chef von Morgan Stanley, geriet wegen seiner Rolle beim EnBW-Rückkauf schwer in Bedrängnis. Er nahm eine „Auszeit“. Ob er zurückkehrt, ist unklar. Solch ein „Abschied auf Raten“ ist wohl die denkbar schlechteste Alternative für ein Unternehmen.

    „Der Erwartungsdruck, der auf Vorstandschefs lastet, hat signifikant zugenommen“, beobachtet Thomas Tomkos, Deutschland-Chef der Personalberatung Russell Reynolds. Er spricht von "extremer Transparenz" für heutige CEOs. Details rund um die Personalie dringen schnell nach außen. In einem sehr unbeständigen Umfeld seien Unternehmen viel schwerer zu steuern als früher. „Die Wahrscheinlichkeit, als Chef anzuecken oder bestimmte Ziele nicht zu erreichen, ist sehr hoch“, sagt der Headhunter.


    Die Märkte wollen sofort neue Köpfe sehen

    Zusätzliches Problem: „Bei einem CEO-Abgang ist der Druck der Märkte enorm, sofort einen Nachfolger zu präsentieren“, sagt Tomkos. Bei Vivendi suchen derzeit Headhunter fieberhaft nach einem neuen Boss - ein Zeichen mangelhafter Nachfolgeplanung. „Unternehmen sollten stets mehrere Talente im Hintergrund als potenzielle Chefs aufbauen“, rät der Personalexperte.

    Weltweit kommen 80 Prozent der CEO-Nachfolger aus dem eigenen Haus. Solche Eigengewächse können sich im Schnitt ein Jahr länger im Amt behaupten als Externe. Dies ergab eine Studie der Strategieberatung Booz & Comp., die seit vielen Jahren die Wechsel von CEOs der 2500 weltgrößten Börsenunternehmen analysiert.

    Im vergangenen Jahr wechselten 14,2 Prozent der Vorstandschefs weltweit. Jeder siebte davon musste unfreiwillig gehen, bei den größten 250 Firmen war es sogar jeder dritte. „Je größer das Unternehmen, umso stärker steht der Chef unter Erfolgsdruck“, sagt Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Chef von Booz. „Anteilseigner werden schnell nervös, wenn eine Strategie nicht sofort Früchte trägt.“ Das muss gerade Thorsten Heins leidvoll erfahren, der den angeschlagenen Blackberry-Hersteller führt. Kaum fünf Monate im Amt, schon fordern ungeduldige Investoren seinen Rücktritt. Die Studie belegt auch: CEOs, die geschasst wurden, haben ihrem Unternehmen meist eine negative Aktienrendite beschert.

    Als Fazit bleibt: Am Ende gelingen immer die Wechsel am besten, die kaum einer bemerkt - wie beim Dax-Konzern Fresenius Medical Care (FMC). Zum Jahreswechsel wird auf den Amerikaner Ben Lipps sein Landsmann Rice Powell folgen. Die im März verkündete Personalie brachte FMC bereits 2009 auf den Weg, indem Powell Stellvertreter wurde. Kursreaktionen löste die Entscheidung erwartungsgemäß nicht aus.

    Powell wird die zweifelhafte Ehre zuteil, den unbekanntesten Dax-Chef zu beerben, obwohl Lipps FMC immerhin 13 Jahre lang führte. Trotzdem zählt die Aktie des Dialysespezialisten seit mehr als einem Jahrzehnt zu den erfolgreichsten im Dax. Der Nachfolger verspricht Kontinuität - genauso wie die Erträge des Konzerns. Mehr können sich Anleger und Mitarbeiter von ihrem Chef kaum wünschen.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%