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Wäschehersteller Fein R.I.P. - Wie Missmanagement Schiesser in die Pleite trieb

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Um seine Strategie durchzupeitschen, feuert Daltrop den Schiesser-Marketingleiter Oliver Than und ersetzt ihn durch Rebekka Kröger, eine Vertraute aus Reebok-Zeiten. Daltrop schließt Lizenzverträge mit bekannten Marken wie Hugo Boss, Levi’s, Mexx, Ralph Lauren, Puma und Tommy Hilfiger, für die Schiesser fortan produzieren soll. Zu diesem Zweck stampft der neue Herr der Unterhosen für viel Geld die Firma Schiesser Lifestyle aus dem Boden. Aus dem biederen Hersteller vom Bodensee soll eine Art paneuropäischer Slip- und Schlüpferplayer werden. Seine Vision umschrieb Daltrop in der WirtschaftsWoche im November 2006 so: „Wir wollen eines Tages an jedem in Europa verkauften Wäschestück irgendwo in der Wertschöpfungskette Geld verdienen.“

In Wahrheit düngt Daltrop damit den Keim des Niedergangs. Um die Wäsche unters Volk zu bringen, wagt er eigene Läden unter dem Fantasienamen Kju. Ein teurer Spaß: Kju geht mit feinstem Interieur in die schicksten und teuersten Lagen von Düsseldorf, Köln und Wiesbaden. Der Flop ist grandios: „Es gab Tage, da haben wir keinen Cent eingenommen“, sagt eine Ex-Mitarbeiterin. Schiesser muss alle Läden schließen.

Nach Computer-Chaos Produktion nach Erfahrungswerten

Neben der Niederlage an der Verkaufsfront richtet Daltrop Schiesser im Innern zugrunde. Gegen den Willen der Fachleute aus den eigenen Reihen, die eine neue Betriebssoftware von SAP favorisieren, drückt er das Konkurrenzprodukt Movex von Lawson Software durch – und produziert schlimmes Chaos. Kundennummern werden nicht erkannt, Aufträge verschwinden, Stoffe und Rechnungen bleiben liegen. Manchmal stehen bei Schiesser tagelang die Computer still. „Movex war bis dahin für große Unternehmen überhaupt nicht erprobt“, erinnert sich ein Schiesser-Mitarbeiter.

Den vorläufigen Tiefpunkt erlebt Schiesser im Sommer 2006, als das Unternehmen in dem Chaos die Kollektion für das Frühjahr 2007 auflegt. „Weil keine Bestellungen kamen, haben die Werksleiter einfach nach Erfahrungswerten produziert“, sagt ein Insider. Die Folgen sind verheerend. In der Spitze stapeln sich weit über 30 Millionen » Wäschestücke in den Schiesser-Lägern. Ware, die bis spätestens Februar beim Handel eintreffen muss, kommt gar nicht oder erst Monate später an. Von März 2007 an ist Schiesser gezwungen, die Produktion mit Abschlägen bis zu 70 Prozent zu verhökern. Edle Spitzen-BHs, die im Fachhandel 49,95 Euro kosten, landen für zwei Euro auf den Grabbeltischen der Supermarktkette Real.

Seitdem reißen die Schreckensnachrichten vom Bodensee nicht mehr ab. Daltrop beauftragt den griechischen Modeschöpfer Kostas Murkudis mit dem Entwurf eigener Designerwäsche, die nur in 40 ausgewählten Shops in Deutschland verkauft werden soll. Doch damit verprellt Schiesser Hunderte traditionelle Fach- und Einzelhändler, jene treuen Feinripp-Abnehmer, mit denen das Unternehmen bis heute den Löwenanteil seines Umsatzes erzielt. Edle Kultläden wie Manufaktum können den Einbruch nicht wettmachen, Murkudis’ Kollektion wird zum Ladenhüter, der Grieche bekommt den Laufpass. Ähnlich erfolglos läuft Schiesser-Revival, die traditionelle weiße Feinripp-Ware, die Daltrop in einer aufwendigen Retro-Verpackung auf den Markt wirft. Wer kauft schon Unterhosen für 60 Euro? 

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