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Was zuvor bei Karstadt geschah Wie Missmanagement KarstadtQuelle ruinierte

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März 2009 bis heute: Der Kampf ums Überleben

Essen, Mai 2009 Kein Blatt Papier liegt herum, kein Computer surrt, nur ein chinesisches Schriftzeichen schmückt Raum 314 in der Arcandor-Zentrale. Das Zeichen stehe für „Krise“, bedeute aber auch „Chance“, erläutert der Arcandor-Sprecher als wie aufs Stichwort sein Chef das Zimmer betritt.

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Quelle: dpa

Eick wirkt erstaunlich wach und kämpferisch für einen Mann, der in den vergangenen Nächten kaum mehr als vier Stunden geschlafen hat und dessen Tagesablauf sich auf einen simplen Dreisatz herunterbrechen lässt: Bitten, Betteln, Drohen in Berlin.

650 Millionen Euro Staatsbürgschaften muss Eick auftreiben. Andernfalls würden die Banken ihre Kredite nicht verlängern. „Es gibt keine Alternative“, sagt Eick. „Wenn der Antrag abgelehnt wird, muss ich spätestens am 12. Juni Insolvenz anmelden“.

Anfangs scheint Eicks Strategie aufzugehen. Er räumt Fehler seiner Vorgänger ein, begründet die Schieflage aber vor allem mit der Finanzkrise und der damit verbundenen Kreditklemme bei den Banken. Auch einen Sanierungsplan hat Eick parat: Zwölf Warenhäuser, darunter das KaDeWe in Berlin, will er in eine Verwertungsgesellschaft abschieben und binnen drei Jahren verkaufen oder zu Shoppingcentern umrüsten.

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    Die Politik entdeckt das Thema

    Noch größere Sparmöglichkeiten sieht Eick in einer Bündelung des Einkaufs von Warenhaus- und Versandsparte. Zehn Jahre nach der Fusion will der Konzern endlich umsetzen, was Deuss den Aktionären im Verschmelzungsprospekt versprochen hatte: die „Bündelung der Einkaufsvolumina“.

    Womöglich wäre Eick mit seiner Krisenlegende und dem Sanierungsansatz im Wahljahr durchgekommen, hätte nicht Eckhard Cordes interveniert, der Chef des Konkurrenten Metro. In einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erklärt Cordes seine Bereitschaft zu Gesprächen „über eine privatwirtschaftliche Lösung“, die auch „einen möglichen Zusammenschluss von Karstadt und Galeria Kaufhof beinhaltet“. Kurz: Würden Karstadt und die Metro-Tochter Kaufhof fusionieren, wäre Staatshilfe nicht mehr notwendig.

    Berlin, Mai 2009. Die Politik entdeckt das Thema – auch weil Cordes Stimmung macht. In Hintergrundrunden mit Politikern und Journalisten trommelt der Manager – nebenher Vizepräsident des CDU-Wirtschaftsrats – für die Warenhausallianz und gegen Staatshilfen. Eick hält dagegen: „Herr Cordes “, poltert der Arcandor-Mann, „will uns in der Insolvenz sehen und dann würde er zum Nulltarif die Teile übernehmen, die interessant sind.“

    Prompt wird Arcandor zum Wahlkampfthema. Während FDP- und Unions-Politiker vor einem „VEB Einzelhandel“ warnen, mahnen SPD und Linke einen staatlichen Rettungsversuch an. „Die Beschäftigten bei Karstadt und Quelle haben es nicht verdient, dass ein ordnungspolitisches Exempel an ihnen statuiert wird“, sagt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier.

    Das Aus für Karstadt und Quelle droht

    Brüssel, 3. Juni 2009. Der Bürgschaftsausschuss soll zwar erst am 8. Juni klären, ob der Staat Arcandor hilft. Doch in der EU-Wettbewerbskommission in Brüssel fällt eine Vorentscheidung. Der Konzern sei „nicht förderungswürdig“, weil er schon vor der Finanzkrise in Schwierigkeiten gesteckt habe. Das Veto aus Brüssel schränkt die Möglichkeiten für den Bürgschaftsausschuss drastisch ein. Ist das das Aus für Karstadt und Quelle?

    Die Bilanz von Deuss, Urban und Middelhoff wäre verheerend. Innerhalb von nur zehn Jahren hätten die drei Großmanager den Konzern ruiniert. Von einst 100.000 Arbeitsplätzen bliebe ein Bruchteil bestehen, für die Aktionäre – allen voran Schickedanz – hätten sich Milliardenwerte in Luft aufgelöst.

    Hersbruck, Sommer 2009. In der fränkischen Kleinstadt hat Harald Herbrig seinen Spitznamen weg: „Bellheim von Hersbruck“. Tatsächlich erinnert der 55-Jährige an die Figur des „großen Bellheim“ aus der ZDF-Serie, an den altgedienten Unternehmer, der mit ein paar Weggefährten im Schlepp aus dem Ruhestand einfliegt, um seine Kaufhauskette vor dem Bankrott zu retten.

    Bei Herbrig läuft es eine Nummer kleiner: Gemeinsam mit zwei früheren Quelle-Managern will er das „Lädle“ wieder eröffnen – als Regionalkaufhaus mit hoher Technikkompetenz und ganz ohne Weltstadt-Chichi. In den vergangenen Wochen hat Herbrig mit den Eheleuten Schickedanz-Herl, denen die Immobilie gehört, die Mietverträge ausgehandelt. Bis 15. Oktober soll der Umbau fertig sein. Dann will Herbrig die Wiedereröffnung feiern – gemeinsam mit Madeleine Schickedanz.

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