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Weltbild-Chef Halff "Das ist doch eine Traumwelt"

Der Chef der Verlagsgruppe Weltbild, des größten deutschen Buchhändlers, hält den Hype ums elektronische Buch für verfrüht und rechnet mit einem Ladensterben.

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Carel Halff Quelle: Bernd Auers für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Halff, bei der Frankfurter Buchmesse, die diese Woche startet, steht wieder das elektronische Buch – das E-Book – im Mittelpunkt. Ist das eigentlich gerechtfertigt?

Halff: Das E-Book ist das Messethema schlechthin und erregt die meiste Aufmerksamkeit. Zur Buchmesse wird Weltbild deshalb einen E-Book-Reader anbieten, der eigens für uns hergestellt wird und als erstes Lesegerät in Deutschland unter 100 Euro kosten wird.

Weltbild verkauft E-Book-Reader ja schon länger – lohnt sich das Geschäft?

Wir vertreiben seit zwei Jahren solche Geräte, die sich einer recht netten Nachfrage erfreuen; wir verkaufen im Monat rund 1000 Stück.

„Recht nett“ klingt nicht begeistert?

E-Books sind in Deutschland in Wahrheit ein bislang nicht existenter Markt. Die Gesamtumsätze – Geräte und Inhalte – liegen bei weit weniger als einem Prozent jener fast zehn Milliarden Euro, die der Buchhandel im Jahr umsetzt. Die GfK spricht für 2009 von gerade mal 60.000 verkauften Geräten, nach anderen Statistiken sind es gar erst 40.000. Und von denen wird ein erheblicher Teil offenbar gar nicht mehr genutzt, das sehen wir ja an unseren E-Book-Downloads.

Was sorgt denn dann für den Hype?

Der Blick nach Amerika – dort gibt es einen beachtlichen Markt. Der wird sich unter bestimmten Voraussetzungen auch bei uns entwickeln. Aber man kann nur alle Leser beglückwünschen, die sich bis jetzt noch keinen E-Reader gekauft haben.

Woran hakt es?

Das Titel-Angebot seitens der deutschen Verlage ist viel zu dünn. Aktuell sind nur 40.000 verfügbar – für den normalen Nutzer aber werden E-Reader erst ab 300.000 bis 400.000 Titeln interessant. Diese Titelzahl wird frühestens in neun Monaten verfügbar sein.

Die Ankündigung gab es doch schon mal?

Das ist richtig. Die Verlage hatten im vergangenen Jahr zugesichert, an die 100.000 Titel bereitzustellen. Tatsächlich hat sich nicht viel getan. Dabei müsste inzwischen auch dem Letzten klargeworden sein, dass da ein Markt entsteht mit einer nennenswerten und rentablen Größe.

Sparen Verlage beim E-Book nicht viel Geld für Druck, Papier und Vertrieb?

Schön wäre es. Natürlich fällt der Druck weg. Aber weiterhin müssen Autoren betreut und bekannt gemacht werden, das Lektorat kostet Geld, und digitale Distribution sowie das Vorhalten von Datenbanken sind auch nicht gratis. Unter dem Strich ergibt sich – je nach Buchtyp – eine Kostenreduktion von 10 bis 20 Prozent.

Buchhandlungen

Geben Sie diese Ersparnis über günstigere Preise an den Leser weiter?

Es kommt auf die Feinheiten an: Der Preis für das E-Book sollte 10 bis 20 Prozent unter dem der günstigsten regulären Ausgabe liegen. Wenn es also eine Taschenbuchausgabe gibt, sollte das E-Book ein Zehntel bis ein Fünftel weniger kosten.

Schneller als beim E-Book geht es offenbar mit Buchverkäufen via Internet voran?

Unser Wachstum im Internet ist erstaunlich. Im Vorjahresvergleich ist unser E-Commerce-Umsatz zuletzt um gut 50 Prozent auf mehr als 320 Millionen Euro gestiegen und macht mittlerweile 30 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus. Leider kommt dieses Wachstum nicht oben drauf – das Internet frisst vom Umsatz im stationären Handel und vom Kataloggeschäft. Klar ist aber auch: Das Ladengeschäft wird auf lange Sicht das dominierende Angebot bleiben.

Eines, das auch mit dem neuen Typ von Kunde zurechtkommen muss, der sich längst im Internet informiert. Können Sie sich da nicht teure Kataloge sparen?

Die Oma weiß heute genau, was der Enkel wünscht und wie sie es portofrei bekommt. Dennoch hat die Hoffnung getrogen, wir könnten analog zum Internet-Wachstum die Katalogauflage reduzieren oder auf einzelne ganz verzichten – wir drucken in diesem Geschäftsjahr sogar deutlich mehr Kataloge in deutlich höherer Auflage als noch vor ein, zwei Jahren. Der Katalog hat heute eine andere Funktion: Er ist ein Impulsgeber, um mal wieder ins Internet oder den Laden zu gehen.

Sind damit Anbieter, die Kataloge versenden, Online-Shop und Läden betreiben, besser dran als reine Online-Anbieter?

Ja, daher versuchen andere Firmen, die aus dem Online-Handel entstanden sind, jetzt in einer Hauruck-Aktion, Filialen zu eröffnen.

Angeblich denkt auch Ihr Online-Konkurrent Amazon über Läden nach?

Das sind Gerüchte, die wir nicht kommentieren möchten. Es dürfte auch schwierig sein, denn in Deutschland gibt es eine zu große Verkaufsfläche für Bücher. Das wird sich aber spürbar ändern. In den kommenden fünf Jahren werden bis zu 40 Prozent der Buchverkaufsflächen verschwinden. Die eine Hälfte davon über die Umwidmung der vorhandenen Flächen auf andere Sortimentsgruppen...

...Spielwaren statt Bücher?

Genau, und dazu Geschenkartikel, CDs, DVDs, Gesellschaftsspiele und Ähnliches. Zusätzlich werden weitere 20 Prozent der heutigen Verkaufsflächen ersatzlos verschwinden, weil wir an vielen Orten bereits einen Überbestand haben.

An dem waren Sie und die anderen Buchketten doch mit schuld, indem Sie immer neue Filialen eröffnet haben.

Sicher ist der auch der Entwicklung der vergangenen drei bis fünf Jahre geschuldet. Einzelne Marktteilnehmer haben über die Möglichkeiten des Marktes hinaus investiert. Fakt ist aber, dass das Buch wie jedes andere Produkt an 1a-Standorten bestimmte Quadratmeterumsätze braucht. Die sind aber an vielen Standorten nicht erzielbar. Allein die Laufzeit vieler Mietverträge verhindert derzeit ein Einklappen dieser Läden, das wird aber mittelfristig kommen.

Es werden also Geschäfte verschwinden – und was passiert mit der klassischen inhabergeführten Buchhandlung?

Moment – es gibt Standorte, an denen würden wir sogar gern weitere Läden eröffnen, wenn uns das passende Angebot begegnet, in Frankfurt etwa oder Stuttgart. Unterm Strich rechne ich aber auch für uns mit rückläufigen Quadratmeterzahlen. Klassische Buchhandlungen mit allgemeinem Sortiment mittlerer Größe in mittlerer Lage tun sich durch die Konkurrenz des Internets und die vielen neuen Einkaufscenter schwer. Die Frequenz in den Innenstädten konzentriert sich immer mehr auf kleine Abschnitte. Da reicht es schon, 50 Meter daneben zu liegen und man sitzt im toten Winkel.

Und da, wo es sich lohnt, sitzt ein Filialist, der nur noch auf Bestseller setzt – dem klassischen Feuilleton gelten Sie genau wie Ihre Konkurrenten Thalia und Mayersche als die Totengräber der Buchkultur.

Das ist doch eine Traumwelt. Wer anders als die Thalias, Hugendubels und die Mayersche haben denn das Buch in die Fußgängerzone gebracht? Buchhandel war früher: B-Lage, viel Personal. Buchhandel heute ist: A-Lage, wenig Personal. Wir brauchen für unsere Weltbildläden zwischen vier und fünf Angestellte – im normalen Buchladen sind es doppelt so viele. Weltbild ist Boulevard. Die Feuilletons aber wollen uns noch immer zu Kulturmissionaren machen. Wir lesen alle gern. Aber wir sind auch Kaufleute, die Quadratmeter müssen sich rechnen.

Tun sie das denn?

Ja, wir haben eine tragfähige Antwort auf die sich verändernde Landschaft gefunden. Der Buchmarkt ist allen Unkenrufen zum Trotz stabil, er wächst sogar leicht. Unser Geschäftsjahr ist gerade zwei Monate alt und wir haben in allen Feldern echtes flächenbereinigtes Wachstum. Aktuell liegen wir über unseren Erwartungen – vor einigen Monaten habe ich ein „kleines Wachstum“ prognostiziert, im Moment würde ich das „klein“ weglassen.

Wird damit der 2009 wegen der Krise abgeblasene Verkauf der Verlagsgruppe Weltbild wieder akut?

Ich bin Sprecher des Unternehmens und nicht der Gesellschafter. Diesen steht das Recht zu, an jedem Tag des Jahres über ihre Anteile zu befinden. Seit dem Gesellschafterbeschluss vom April 2009, die Verlagsgruppe nicht zu verkaufen, hat sich jedoch nichts verändert.

Sie sind doch sicher im Gespräch mit Karstadt-Investor Nicolas Berggruen, in dessen Häusern Sie 25 Buchshops betreiben?

Ich habe persönlich noch nicht mit Herrn Berggruen gesprochen. Aber in Karstadt steckt enormes Potenzial. Schon vor der Berggruen-Lösung hatten unsere Shops dort spürbares flächenbereinigtes Wachstum; seither haben wir sogar Zuwachsraten zwischen 10 und 25 Prozent. Viele Kunden waren wohl durch die Insolvenz verunsichert – nun erleben wir einen positiven „Berggruen-Effekt“.

Wenn Berggruen Karstadt gerettet hat, kann er ja Weltbild kaufen?

Ich wäre jedenfalls neugierig, ihn kennenzulernen, er soll ja ein hochinteressanter Mann sein. 

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