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Weltweite Attacke Japans Pharmariesen blasen zum Angriff

Japans Medikamentenhersteller greifen weltweit an - auch in Deutschland, wie das Beispiel Daiichi Sankyo zeigt: Der Konzern attackiert Bayer und Boehringer – mithilfe eines früheren Bayer-Managers.

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Daiichi Sankyo Quelle: Pressefoto

Andere Konzernlenker würden platzen vor Stolz. Nicht so Takeshi Ogita, Vorstand bei Japans drittgrößtem Arzneimittelproduzenten Daiichi Sankyo mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz und weltweit 30.000 Mitarbeitern. Sein Konzern, bisher einer der großen Unbekannten in der Branche, entwickelt eine Pille gegen Schlaganfall. Strategiechef Ogita soll nun öffentlich über die Vorzüge des Mittels reden. Es ist die Gelegenheit für Werbung in eigener Sache. Analysten prognostizieren dem Präparat Milliardenumsätze, es könnte der Konkurrenz haushoch überlegen sein. Doch Ogita sagt nur, dass er jetzt nicht vorgreifen wolle. Wenn es so weit sei, würden seine Vertriebsleute den Ärzten schon die Vorzüge erläutern. Der 59-Jährige sitzt in einem unauffälligen Bürogebäude in der Innenstadt von Tokio. Bis vor einigen Jahren residierte das Unternehmen noch an der Edelmeile Ginza.

Doch der erste Eindruck der Bescheidenheit täuscht. Tatsächlich verfolgen der nach außen so zurückhaltende Ogita und Konzernchef Joji Nakayama aggressive Ziele: Daiichi Sankyo will den etablierten Pharmariesen in Europa und den USA verstärkt Marktanteile abjagen, vor allem den deutschen Größen Bayer und Boehringer Ingelheim. Die Japaner setzen verstärkt auf ihr neues Mittel gegen Schlaganfall.

Die großen Medikamentenhersteller aus dem Land der aufgehenden Sonne haben in den vergangenen Jahren allesamt Milliardenübernahmen im Ausland gewagt (siehe Grafik). Takeda, Astellas und Daiichi Sankyo leiden unter ähnlichen Problemen wie nahezu die gesamte Branche weltweit: Wichtige Patente laufen aus, Hersteller von billigen Nachahmerpillen (Generika) gewinnen Marktanteile, Regierungen verordnen Preissenkungen. Und ähnlich wie der weltweit größte Arzneihersteller Pfizer aus den USA oder die Schweizer Novartis versuchen sie, über Zukäufe an neue Präparate zu kommen und Größenvorteile auszuspielen.

Noch können sich die Japaner freilich nicht mit den ganz Großen messen: Im weltweiten Pharma-Umsatzranking belegt Takeda Platz 15, Astellas Rang 17 und Daiichi Sankyo folgt auf Position 18. Durch die Übernahmen im Ausland haben sich Nippons Pharmakonzerne aber schon deutlich nach vorne geschoben. Damit reduzieren sie gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom japanischen Heimatmarkt, wo die Regierung gerade wieder eine neue Preissenkungsrunde verordnet hat.

Kampfregion Europa

Die größten Übernahmen japanischer Pharmakonzerne

Beispiel Daiichi Sankyo: Noch erzielt das Unternehmen etwa die Hälfte seines Umsatzes in Japan. Doch der Anteil sinkt zunehmend. Durch die Übernahme von Ranbaxy, einem weltweit führenden Generikahersteller, ist Daiichi Sankyo nun in 54 Ländern der Welt aktiv – zuvor waren es erst 22. Besonders im wichtigsten Pharmamarkt der Welt, den USA, verbessert Ranbaxy die Marktposition der Japaner.

Gleichzeitig stockt Daiichi Sankyo in Europa Personal und Kapazitäten auf, um dort Marktanteile zu gewinnen. In Osteuropa kann sich Reinhard Bauer, der das Europa-Geschäft leitet, auch Zukäufe vorstellen: „Dort sind wir kaum vertreten.“

Der Deutsche soll die Expansion auf dem alten Kontinent vorantreiben. Der 63-jährige Bauer hat zuvor jahrzehntelang für Bayer gearbeitet, wo er 1973 als Trainee begann. Später war der studierte Wirtschaftswissenschaftler für die Leverkusener in Thailand, auf den Philippinen, in Korea sowie in Japan und leitete die Geschäfte in Zentral-Osteuropa. 2002 wechselte Bauer in die Europa-Zentrale des damals nahezu unbekannten Herstellers Daiichi Sankyo.

Nun trifft Bauer wieder auf seinen Ex-Arbeitgeber: Er soll den Japanern dabei helfen, das Schlaganfallmittel Edoxaban zu einem Erfolg zu machen – gegen die Konkurrenz von Boehringer Ingelheim und eben Bayer.

Boom in Pfaffenhofen

Bis zum Geschäftsjahr 2012/13 (zum 31. März) soll der Europa-Umsatz von derzeit etwa 760 Millionen Euro auf 1,2 Milliarden Euro steigen – das wäre ein jährliches Wachstum von 16 Prozent. Ein sehr ehrgeiziger Plan, denn ansonsten muss sich die Branche eher mit niedrigen einstelligen Wachstumsraten zufriedengeben.

Um sein Expansionsziel zu erreichen, darf Bauer jedenfalls in die Vollen gehen: Während Pfizer oder Bayer Stellen abbauen, stellt Bauer neues Personal ein, einen Großteil davon in Deutschland. 2008 beschäftigte Daiichi Sankyo Europe 1776 Mitarbeiter, derzeit sind es 2435. Bis Ende März will der Europa-Chef auf 2600 aufstocken. Bauer übernahm etwa Außendienstler des Darmstädter Merck-Konzerns. Für 150 Millionen Euro kaufte er 2008 das Biotech-Unternehmen U3 Pharma mit etwa 30 Mitarbeitern. Die Forschertruppe aus Martinsried bei München soll künftig Krebsmedikamente liefern. Die Produktionskapazitäten im Werk Pfaffenhofen bei München will Bauer verdoppeln – von derzeit zwei auf vier Milliarden Tabletten. Pfaffenhofen ist der einzige große Herstellungsbetrieb von Daiichi Sankyo außerhalb Japans.

Daiichi-Sankyo-Europa-Chef Reinhard Bauer Quelle: Pressefoto

Noch sorgt vor allem der Blutdrucksenker Olmetec für steigende Umsätze. Die Einführung des Mittels Efient zur Vorbeugung gegen Blutgerinnsel verlief dagegen bislang enttäuschend.

In einigen Jahren soll Edoxaban für Umsatzsprünge sorgen. Das Präparat gilt als Hoffnungsträger im Kampf gegen Thrombosen und Schlaganfälle. Es zählt zu einer neuen Klasse von Medikamenten, denen Branchenexperten in einigen Jahren ein jährliches Umsatzpotenzial von bis zu 15 Milliarden Dollar prophezeien.

Allerdings ist Daiichi Sankyo spät dran – und die Konkurrenz groß. Unter anderem tummeln sich auch Boehringer Ingelheim und Bayer in dem Markt. Weit vorn liegt Boehringer: Deren Schlaganfallmittel Pradaxa darf nach der kürzlich erfolgten Genehmigung durch die Aufsichtsbehörden bereits in den USA und Kanada verordnet werden; mit der Zulassung für den europäischen Markt könnte es dieses Jahr auch noch klappen.

Bayer ist den Ingelheimern mit Xarelto dicht auf den Fersen. Die Leverkusener haben kürzlich ihre Zulassungsanträge bei der europäischen und der US-amerikanischen Prüfbehörde eingereicht – in etwa einem Jahr könnte das Mittel auf dem Markt sein. Bayer traut dem Medikament einen jährlichen Spitzenumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro zu.

Edoxaban dagegen dürfte erst gegen 2013 – etwa ein Jahr nach Bayer – in den USA und Europa verfügbar sein. Dann aber könnte das Präparat, urteilen die Analysten der australischen Investmentbank Macquarie, zum Besten seiner Klasse aufsteigen. Sie loben, dass sich bei Edoxaban bislang keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zeigten.

Da kann Bayer nicht ganz mithalten. Es gebe bei Xarelto aber „nur wenige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nahrungsmitteln“, erklärt Bayer dazu. Die Leverkusener verweisen darauf, dass sie bei einem Vergleich mit dem jahrzehntealten Standardmedikament Warfarin deutlich besser abschnitten.

Geduld zahlt sich Aus

Europa-Chef Bauer sieht für Daiichi Sankyo einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: „Wir haben die klinischen Studien sorgfältiger durchgeführt. Wir haben uns mehr Zeit genommen, die richtige Dosierung zu finden und die Patienten genauer auszuwählen.“

Japanische Investoren, wie sie bei Daiichi Sankyo die Mehrheit stellen, gelten als geduldiger als ihre US-Kollegen. Die Entwicklung eines neuen Medikaments darf schon mal etwas länger dauern, wenn am Ende die Qualität stimmt.

Ihren Langmut haben die Aktionäre vor nicht allzu langer Zeit aber schon einmal beweisen müssen – nach der Übernahme von Ranbaxy 2008. Denn der Kauf des indischen Generikaherstellers führte zunächst zu einem Problem: Anfang 2009 schrieben die Japaner wegen Ranbaxy mehr als zwei Milliarden Euro ab – und wiesen am Ende einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro aus. Die FDA hatte gegen einige Ranbaxy-Präparate einen Einfuhrstopp in die USA verhängt, nachdem den Prüfern in zwei indischen Fabriken Produktionsmängel aufgefallen waren. Der Bann dauert bis heute an, eine Einigung scheint aber bevorzustehen.

Der Langmut der Aktionäre scheint sich auszuzahlen. Daiichi Sankyo schreibt wieder schwarze Zahlen, weil sich der Ranbaxy-Kauf nun doch immer mehr auszahlt und der Blutdrucksenker Olmetec nach wie vor gut läuft. Für das Geschäftsjahr 2010/11 erwartet der Konzern 833 Millionen Euro Gewinn bei einem Umsatz von 8,1 Milliarden Euro.

2010 hatte Daiichi Sankyo seine Gewinnprognose erhöht. Doch bescheiden, wie sich die Japaner geben, brachten sie dies der Öffentlichkeit nur verklausuliert zur Kenntnis: Es habe sich zwischen dem erwarteten und dem tatsächlichen Halbjahresgewinn eine Differenz ergeben. 

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