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Windenergie Der Windmacher aus der Provinz

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Schwer ersetzbar

Balz ist der Typ schwäbischer Aufsteiger und Selfmademan, der sich aus einfachen Verhältnissen an die Spitze einer ganzen Branche hochgearbeitet hat. Aufgewachsen ist er als Ältester von drei Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof in Wolfschlugen, rund 40 Kilometer südlich von Stuttgart. Als Praktikant beim weltbe-rühmten Segelflugzeugbauer Schempp-Hirth in Kirchheim unter Teck entdeckte er in jungen Jahren die Windenergie. In einem Hangar wurde seinerzeit, vor mehr als 30 Jahren, die damals weltgrößte Windkraftversuchsanlage, der Growian, zusammengebaut.

Schon während seines Ingenieurstudiums machte sich Balz selbstständig, gründete 1981 eine Firma für Baufinanzierungen, die ihn reich machte. Jahrelang plante und baute er für Hunderte Millionen Euro Supermärkte und Einkaufszentren für alle möglichen Handelsunternehmen und Shoppingcenter-Betreiber. Doch irgendwann sei ihm „das Steinestapeln“, sagt er, zu langweilig geworden. Und als die rot-grüne Koalition in Berlin nach 1998 die Gesetze so änderte, dass Windstromerzeugung für Investoren rentabel wurde, sah Balz seine Chance gekommen. „Seitdem bin ich ein überzeugter Windmüller.“

Balz versteht es, Geld zu machen. Er gründete 1999 die Natural Energy Corporation, kurz: Natenco, einen Projektentwickler für Windparks an Land. 2006 verkaufte er das Unternehmen für mehr als 100 Millionen Euro an den französischen Konkurrenten Theolia. Das hübsche Sümmchen bildete das Fundament für das Offshore-Geschäft. Inspiriert wurde Balz von Ulrich Hütter. Der segelflugbegeisterte Professor gilt als Erfinder der aerodynamisch ausgefeilten Windkraftanlagen, die den Globus erobert haben. Hütters Visionen begleiten Balz bis auf die Toilette. Dort liegt „Drei Welten – ein Leben“, ein handsigniertes Buch Hütters über Segelflug und Windenergie.

Balz, der solide Schwabe oder Jongleuer mit anderer Leute Geld? Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat sich jedenfalls für die seriöse Variante entschieden. Sie verlieh Balz das Rating BBB, als er vor einem Jahr eine 50-Millionen-Euro-Anleihe auflegte – zu Deutsch: „stark befriedigend“. Mit diesem Rating galt Balz’ Geldbeschaffung nach internationalen Maß-stäben als investitionswürdige Anleihe. Seine Strategie stufte Creditrefom als „sehr aussichtsreich“ ein. Balz wäre nicht Balz, lägen die Hauptrisiken – wie bei vielen Mittelständlern – nicht in seiner Person. Balz ist Windreich und Windreich ist Balz, im Fall eines Ausfalls wäre er nur „schwer ersetzbar“, moniert Creditreform. Auch neigt er dazu, Geschäft und Privates zu vermengen. Im Jahr 2009 habe Windreich seinem Eigentümer Balz Darlehen von 48,5 Millionen Euro gewährt, die er vor allem für den Erwerb historischer Rennwagen verwendete; diese Darlehen seien inzwischen an eine Tochtergesellschaft verkauft. Die kostbaren Oldtimer, kritisierte Creditreform, gehörten wohl eher in die „Privatsphäre“.

Keine Angst vor großer Konkurrenz

Balz ist Motorsportnarr, hat mit seinen Oldtimern schon Rennen in Le Mans gewonnen – und sieht sich in der Tradition der Karosserieschneider. „Als kleiner Hersteller konnte sich Ducati immer wieder gegen die übermächtige Konkurrenz aus Japan durchsetzen“, philosophiert er, „auch wir werden uns gegen große Konzerne durchsetzen.“ Damit meint er vor allem die Energieriesen RWE, E.On, ENBW und Vattenfall, die sich vor der deutschen Küste einen hitzigen Wettkampf mit Stadtwerken liefern.

Als ganz besonderen Coup empfindet Balz eine Personalie vom Ende vergangenen Jahres. Vom ärgsten Konkurrenten Bard habe er sich dessen Top-Manager Heiko Roß als Technikvorstand geangelt. Das hält Balz natürlich nicht am Schreibtisch. Er springt auf und holt seinen Neuzugang aus dem Nachbarzimmer. „Heiko, setz dich und erzähl mal, warum du zu uns gekommen bist.“ Die Antwort des Ex-Bard-Managers fällt aus wie von Balz bestellt: „Ich wollte zu einem Unternehmer, der nicht nur redet, sondern auch macht.“ Abgerechnet, das weiß Windmüller Balz, wird jedoch erst in mehreren Jahren – wenn seine Anlagen beweisen müssen, dass sie wirtschaftlich laufen.

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