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Windenergie Der Windmacher aus der Provinz

An der deutschen Küste wachsen gigantische Windparks. Jede zweite Anlage wird in der schwäbischen Provinz geboren - von der Windreich AG und ihrem umtriebigen Chef Willi Balz. Ein Porträt.

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Willi will's wissen: Windreich-Chef Balz dreht in der Nordsee das große Rad Quelle: Deniz Saylan für WirtschaftsWoche

Willi Balz ist ein Kraftwerk, verteilt auf 1,85 Meter und 85 Kilogramm. Er ist Macher und Motivator, Antreiber und Alphatier zugleich. Mehr als zehn Minuten ruhig am Konferenztisch in seinem Büro sitzen? Das schafft er nicht. Konzentriert bei einem Thema bleiben? Gelingt ihm nur mit Mühe. Immer wieder schweift der 50-Jährige ab, springt auf, flitzt von einem Trakt seines riesigen Büros zum anderen und lässt sich die Genehmigung für einen Windpark vor der Nordseeküste bringen – ein 120 Seiten starkes Buch in rotem Einband mit dem Titel: Global Tech 1.

Global Tech 1, so heißt der Windpark vor der deutschen Nordseeküste, mit dem sich Balz erstmals auf hohe See wagt. Nach der Antragstellung 2001 bekam er 2008 die Genehmigung für die Anlage, die jährlich 1,4 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern soll. Damit könne der Bedarf von 450 000 Haushalten oder rund einer Million Menschen gedeckt werden, schwärmt Balz. Der Großteil der 80 Rotoren werde 2012 am Netz, die volle Leistungsfähigkeit Mitte 2013 erreicht sein. Balz zählt zu den ebenso wichtigen wie unbekannten Machern der Windenergiebranche. Mit seinen zahlreichen Firmen und Beteiligungen – seit rund einem Jahr gebündelt in der nicht börsennotierten Holdinggesellschaft Windreich AG – hat er sich auf Windparks auf offener See spezialisiert und setzt jährlich rund 100 Millionen Euro um. Balz ist Gründer, Vorstandsvorsitzender und Alleinaktionär in einem. Er plant, projektiert und bewirtschaftet Windkraftanlagen, ursprünglich nur auf dem Land, jetzt aber auch auf hoher See.

Zukunft fürs Windreich

Ansturm aufs Meer: Windkraftprojekte der Windreich-AG in der deuschen Nordsee Quelle: Grafik: WirtschaftsWoche

In seinem Büro in Wolfschlugen vor den Toren Stuttgarts, fern jeglicher Küsten, schmiedet der Schwabe milliardenschwere Pläne für die Windnutzung in der deutschen Nordsee. Mithilfe dreier genehmigter und 20 beantragter Windparks will er in den kommenden Jahrzehnten 1700 Windräder für mehr als 30 Milliarden Euro in die Nordsee stellen. Die Leistung von 8500 Megawatt reiche aus, um 23 Millionen Menschen mit Strom zu versorgen, rechnet er vor. 50 Prozent aller möglichen Flächen in der Nordsee habe er sich gesichert. „Wir haben eigentlich nur einen ernst zu nehmenden Wettbewerber, das ist die Firma Bard“, sagt Balz. Der Deutschrusse Arngolt Bekker hatte 2003 das Unternehmen Bard in Emden gegründet. Mit ihm liefert sich Balz ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach gegenwärtigem Stand hat Bard die Nase vorn und wird voraussichtlich vor Balz den ersten kommerziellen Großwindpark Deutschlands an den Start schicken: Bard Offshore 1, wie Global Tech 1 mit 80 Anlagen und 400 Megawatt noch im Bau, geplante Fertigstellung Mitte 2012. Im Gegensatz zu Windreich hat Bard eine enorme Fertigungstiefe, produziert etwa Rotorblätter und Maschinenteile selbst und hat sich sogar ein eigenes Errichtungsschiff gegönnt. Balz hingegen ist der große Projektentwickler im Hintergrund, er beschafft das Kapital, sorgt für die technische sowie kaufmännische Betriebsführung und kauft das Equipment.Balz strotzt vor Zuversicht. Die Bundesregierung will bis 2050 nahezu die gesamte Stromversorgung in Deutschland auf erneuerbare Energien umstellen, die Hälfte davon auf Wind. Auf dem großen Büro-Eichentisch, hinter einem original Ducati-Rennmotorrad, faltet er eine Seekarte auf. Die zeigt die Nordsee vor der deutschen Küste und 21 Rechtecke, gelb markiert, allesamt potenzielle Flächen für Windkraftwerke, für die Balz beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Genehmigung beantragt hat. Drei weitere Flächen sind grün – MEG 1 und Global Tech 1. Die Abkürzungen stehen für zwei Windparks, jeweils mit einer Nennleistung von 400 Megawatt, jeder mit einem Investitionsvolumen von mehr als 1,5 Milliarden Euro. Für beide Projekte hat Balz die Genehmigungen. Auf der dritten grünen Fläche soll die Anlage „Deutsche Bucht“ entstehen, die Balz gerade von seinem Rivalen Bard übernommen hat.  Natürlich steht vieles bei Balz bisher nur auf dem Papier. Ob er das behördliche Okay für alle anderen Vorhaben bekommt, darauf würde er seine Ducati nicht verwetten. Zu unberechenbar und langwierig sind die Genehmigungsverfahren für Windparks. Die Behörden dürften die Auswirkungen auf die Meeresumwelt künftig strenger prüfen.

Kalkulierbares Risiko

Balz ist ein alter Hase der Windenergie. Mit seinen zahlreichen Unternehmen, Projekt- und Beteiligungsgesellschaften hat er seit 1999 schon weit über 1000 Windkrafträder an Land errichtet, von der 500-Kilowatt- bis zur 5-Megawatt-Anlage, von Korsika bis Kanada, von Wolfschlugen bis Wolgast an der Ostsee. Sein erstes großes Rad auf hoher See dreht Balz auf 54 Grad nördlicher Breite und 6 Grad östlicher Länge. Dort in der Nordsee, 110 Kilometer nordwestlich von Cuxhaven, wird die Projektgesellschaft Wetfeet, eine Tochter von Windreich, zur Jahresmitte die ersten der 80 gigantischen Windräder für den geplanten Park Global Tech 1 ins Meer stellen lassen. Die gesamten Projektkosten der Anlage beziffert Balz auf rund 1,6 Milliarden Euro.

Das Risiko hält Balz für kalkulierbar. Und obwohl es erst ein Testfeld für Windräder auf hoher See gibt, sieht er keine Probleme bei der Technik. Zudem seien die Stromabnahme und die Preise garantiert. Restrisiken seien versichert. Balz ist es, der die 1,6 Milliarden Euro organisiert hat. 80 Millionen Euro hat er selbst aufgebracht. Nachdem seine Firma den Anteil an Global Tech 1 auf acht Prozent reduziert hat, sind als neue Gesellschafter die Stadtwerke München und HEAG Südhessische Energie AG in Darmstadt mit jeweils 24,9 Prozent eingestiegen. Ebenfalls beteiligt sind die Familie Meltl, bekannt als ehemalige Besitzer des Yachtbauunternehmens Bavaria, der Schweizer Energiehändler EGL sowie die Projektentwicklungsgesellschaft Norderland. Insgesamt sind so fast 600 Millionen Euro zusammengekommen. Die restliche Milliarde decken Banken und staatliche Bürgschaften ab, etwa eine 500 Millionen Euro schwere, sogenannte Pionierbürgschaft der staatlichen KfW-Bank sowie kleinere Garantien der Bundesländer oder der europäischen Investitionsbank in Luxemburg.  Bei seinem nächsten Projekt, dem Windpark MEG 1, der 2009 genehmigt wurde und 2013 ans Netz gehen soll, will Balz neue Wege beschreiten. Dann sollen weniger Stadtwerke und mehr private Investoren, vor allem Pensionskassen, das Geld bringen. „Stadtwerke wollen zu viel mitbestimmen“, sagt Balz. Und: „Es gibt großes Interesse aus den Reihen der Pensionskassen.“

Der Mittelständler aus der schwäbischen Provinz weiß sich zu präsentieren. Jede Viertelstunde schleicht seine Sekretärin herbei und hält ihm schweigend eine Karteikarte mit handgeschriebenen Mitteilungen unter die Nase. Mal lehnt er kopfschüttelnd ab, mal erwidert er freundlich: „Ich rufe später zurück.“ Ansonsten bringt Balz sich ins Gespräch, wo er nur kann. Mal fliegt er in die Schweiz zu einem Treffen mit Andre Hoffmann, dem Vize-Präsidenten der Umweltorganisation World Wild Fund for Nature und Mit-Erben des Chemieriesen Hoffmann-LaRoche. Mal setzt er sich in Düsseldorf bei einem Schaurennen auf den Beifahrersitz des frischgebackenen Formel-1-Weltmeisters Sebastian Vettel. Er schmückt sich mit Baden-Württembergs ehemaligem Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP), den er als stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden angeheuert hat. Dörings Karriere endete 2004 infolge einer umstrittenen Spendenaffäre. Und seine Turbo-Propeller-Flugzeuge – eine Pilatus PC 12 mit zehn Sitzen und eine Piper Malibu mit sechs Sitzen – vermietet er hin und wieder an prominente Politiker wie den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus.

Schwer ersetzbar

Balz ist der Typ schwäbischer Aufsteiger und Selfmademan, der sich aus einfachen Verhältnissen an die Spitze einer ganzen Branche hochgearbeitet hat. Aufgewachsen ist er als Ältester von drei Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof in Wolfschlugen, rund 40 Kilometer südlich von Stuttgart. Als Praktikant beim weltbe-rühmten Segelflugzeugbauer Schempp-Hirth in Kirchheim unter Teck entdeckte er in jungen Jahren die Windenergie. In einem Hangar wurde seinerzeit, vor mehr als 30 Jahren, die damals weltgrößte Windkraftversuchsanlage, der Growian, zusammengebaut.

Schon während seines Ingenieurstudiums machte sich Balz selbstständig, gründete 1981 eine Firma für Baufinanzierungen, die ihn reich machte. Jahrelang plante und baute er für Hunderte Millionen Euro Supermärkte und Einkaufszentren für alle möglichen Handelsunternehmen und Shoppingcenter-Betreiber. Doch irgendwann sei ihm „das Steinestapeln“, sagt er, zu langweilig geworden. Und als die rot-grüne Koalition in Berlin nach 1998 die Gesetze so änderte, dass Windstromerzeugung für Investoren rentabel wurde, sah Balz seine Chance gekommen. „Seitdem bin ich ein überzeugter Windmüller.“

Balz versteht es, Geld zu machen. Er gründete 1999 die Natural Energy Corporation, kurz: Natenco, einen Projektentwickler für Windparks an Land. 2006 verkaufte er das Unternehmen für mehr als 100 Millionen Euro an den französischen Konkurrenten Theolia. Das hübsche Sümmchen bildete das Fundament für das Offshore-Geschäft. Inspiriert wurde Balz von Ulrich Hütter. Der segelflugbegeisterte Professor gilt als Erfinder der aerodynamisch ausgefeilten Windkraftanlagen, die den Globus erobert haben. Hütters Visionen begleiten Balz bis auf die Toilette. Dort liegt „Drei Welten – ein Leben“, ein handsigniertes Buch Hütters über Segelflug und Windenergie.

Balz, der solide Schwabe oder Jongleuer mit anderer Leute Geld? Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat sich jedenfalls für die seriöse Variante entschieden. Sie verlieh Balz das Rating BBB, als er vor einem Jahr eine 50-Millionen-Euro-Anleihe auflegte – zu Deutsch: „stark befriedigend“. Mit diesem Rating galt Balz’ Geldbeschaffung nach internationalen Maß-stäben als investitionswürdige Anleihe. Seine Strategie stufte Creditrefom als „sehr aussichtsreich“ ein. Balz wäre nicht Balz, lägen die Hauptrisiken – wie bei vielen Mittelständlern – nicht in seiner Person. Balz ist Windreich und Windreich ist Balz, im Fall eines Ausfalls wäre er nur „schwer ersetzbar“, moniert Creditreform. Auch neigt er dazu, Geschäft und Privates zu vermengen. Im Jahr 2009 habe Windreich seinem Eigentümer Balz Darlehen von 48,5 Millionen Euro gewährt, die er vor allem für den Erwerb historischer Rennwagen verwendete; diese Darlehen seien inzwischen an eine Tochtergesellschaft verkauft. Die kostbaren Oldtimer, kritisierte Creditreform, gehörten wohl eher in die „Privatsphäre“.

Keine Angst vor großer Konkurrenz

Balz ist Motorsportnarr, hat mit seinen Oldtimern schon Rennen in Le Mans gewonnen – und sieht sich in der Tradition der Karosserieschneider. „Als kleiner Hersteller konnte sich Ducati immer wieder gegen die übermächtige Konkurrenz aus Japan durchsetzen“, philosophiert er, „auch wir werden uns gegen große Konzerne durchsetzen.“ Damit meint er vor allem die Energieriesen RWE, E.On, ENBW und Vattenfall, die sich vor der deutschen Küste einen hitzigen Wettkampf mit Stadtwerken liefern.

Als ganz besonderen Coup empfindet Balz eine Personalie vom Ende vergangenen Jahres. Vom ärgsten Konkurrenten Bard habe er sich dessen Top-Manager Heiko Roß als Technikvorstand geangelt. Das hält Balz natürlich nicht am Schreibtisch. Er springt auf und holt seinen Neuzugang aus dem Nachbarzimmer. „Heiko, setz dich und erzähl mal, warum du zu uns gekommen bist.“ Die Antwort des Ex-Bard-Managers fällt aus wie von Balz bestellt: „Ich wollte zu einem Unternehmer, der nicht nur redet, sondern auch macht.“ Abgerechnet, das weiß Windmüller Balz, wird jedoch erst in mehreren Jahren – wenn seine Anlagen beweisen müssen, dass sie wirtschaftlich laufen.

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