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Windows Phone 7 Letzte Chance für Microsoft

Im mobilen Internet ist Microsoft zum Zwerg geschrumpft. Das neue Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 soll nun die Wende bringen. Ein Deutscher hat dabei die Fäden in der Hand und soll das verkorkste Mobilfunkgeschäft retten.

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Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung Microsoft Deutschland und Area Vice President International

Der Mann hat den härtesten Job der Softwarebranche. Dafür wirkt er erstaunlich gelassen und entspannt, ja fröhlich. Falls er doch Zweifel haben sollte, kann er sie verdammt gut verbergen.

Doch was, wenn der Plan nicht funktioniert? Wenn das neue Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 von Microsoft floppt, wenn es nicht gegen das erfolgreiche  iPhone von Apple und die wachsende Armada von Mobiltelefonen mit der Software Android von Google ankommt?

"Das klappt. Ich weiß das, weil unsere Partner, die Mobiltelefongesellschaften, von den Windows-Smartphones begeistert sind", sagt Achim Berg und tätschelt seine Umhängetasche. In ihr verbirgt sich eine ganze Palette neuer internetfähiger Handys, also Smartphones, die mit dem neuen Microsoft-Betriebssystem arbeiten.

Berg ist der ehemalige Deutschland-Chef von Microsoft. Im Mai hat ihn Konzernchef Steve Ballmer in die Unternehmenszentrale in Redmond bei Seattle berufen, wo Berg nun der ranghöchste deutsche Manager ist. Der 46-Jährige will das scheinbar Unmögliche erreichen – er soll Microsoft zu einer Größe im Handymarkt machen.

Offiziell wird Windows Phone 7 an diesem Montag, dem 11. Oktober, weltweit vorgestellt. Zu den Partnern beim Marktstart gehören die Handyhersteller HTC aus Taiwan sowie Samsung und LG aus Korea.

Verkorkste Mobilfunkstrategie

Bergs Agenda ist die anspruchsvollste in der 35-jährigen Microsoft-Geschichte. Denn Windows Phone 7 ist die mit Abstand wichtigste Markteinführung eines Microsoft-Produkts seit Langem. Es gibt derzeit schlicht keine wichtigere Aufgabe bei dem größten Softwarekonzern der Welt.

Berg muss nichts Geringeres vollbringen als die verkorkste Mobilfunkstrategie von Microsoft umdrehen. Denn nach anfänglichen Erfolgen ist der Weltmarktführer bei Betriebssystemen ("Windows") und PC-Software ("Office") im Handygeschäft fast eine zu vernachlässigende Größe geworden. Microsoft kommt weltweit auf einen Anteil von nur noch rund fünf Prozent. Um das zu ändern, muss Berg die bisher überlegenen Wettbewerber Research in Motion (RIM) mit dem Business-Smartphone Blackberry, Google mit Android und vor allem Apple mit dem iPhone maximal angreifen. Gleichzeitig muss er verhindern, dass nicht auch noch die zukunftsträchtigen mobilen internetfähigen Flachcomputer auf Betriebssystemen der Wettbewerber laufen. Hewlett-Packard (HP) etwa hat im Mai den Smartphone-Pionier Palm übernommen. Dadurch angelte sich der weltgrößte Computerhersteller ein eigenes mobiles Betriebssystem, das angeblich auf HP-Tablet-Computern installiert werden soll. Und Dell nutzt auf seinem neuen Tablet-Computer Streak, der das iPad von Apple herausfordern soll, bereits Android von Google.

Berg plante Attacke auf Android

Machen die Beispiele Schule, wäre das für Microsoft eine Katastrophe. Denn die Flachcomputer und Smartphones ersetzen zunehmend Notebooks, sind also ein wichtiger Wachstumsmarkt. Machen sich dort Betriebssysteme von der Konkurrenz breit, muss Microsoft nicht nur um die künftigen Umsätze mit Windows, sondern auch mit dem lukrativen Softwarepaket Office fürchten. Die Wettbewerber könnten dann ihre eigenen Programme durchsetzen.

Um dem vorzubeugen, will Berg mit dem neuen Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 vor allem den aufstrebenden Wettbewerber Android von Google attackieren, der in den USA gerade Apple mit seinem speziellen Betriebssystem auf dem iPhone überholt hat. Berg spekuliert darauf, dass der bisherige Vorteil von Android sich zunehmend auch als Schwäche erweist. Denn Android ist offen für Veränderungen. Das heißt, Handyhersteller können das Betriebssystem nach Belieben für ihre eigenen Zwecke anpassen, beispielsweise um verschiedene Bildschirmgrößen zu unterstützen.

Grafik: Weltmarktanteile bei Betriebssystemen für Smartphones

Die vielen Versionen haben jedoch den Nachteil, dass die dafür entwickelten Applikationen im Gegensatz etwa zum streng kontrollierten iPhone von Apple nicht vom Start weg auf allen Android-Mobiltelefonen laufen. Entwickler müssen sie mühsam auf die verschiedenen Geräte anpassen.

Schon jetzt existiert ein Flickenteppich unterschiedlicher Android-Versionen, die auf den Smartphones der verschiedenen Hersteller installiert sind. Dies verlangt von den Telefongesellschaften einen enormen Koordinierungsaufwand, um die Geräte auf den gleichen Softwarestand zu hieven.

Bergs erste Anlaufadressen, um künftig gegen Apple, RIM und Google auf dem Handy zu punkten, sind deshalb die Telekommunikationskonzerne und die Entwickler von Applikationen. Sie will er mit einer Art goldenem Mittelweg auf seine Seite bekommen. Bergs Hauptargument: Alle für Windows Phone 7 entwickelten Programme sollen auf allen Windows-Smartphones laufen, ohne dass die Entwickler sie nachträglich anpassen müssen. "Die Probleme mit den verschiedenen Android-Versionen spielen uns in die Hände“,sagt Berg. "Es vergeht kein Tag ohne Anrufe von Mobilfunkanbietern, die genau deshalb mit mir sprechen wollen."

Strenge Auflagen an Handyhersteller

Um den Aufwand für die Telekommunikationskonzerne zu minimieren, hat Microsoft den Handyherstellern, die Windows Phone 7 installieren wollen, strenge Auflagen für ihre Geräte gemacht. Sie müssen beispielsweise alle für die gleiche Bildschirmauflösung beim Handydisplay sorgen.

Informatiker Berg ist sogar selbst in die Niederungen der Programmierung gestiegen und hat in zwei Stunden ein Programm für Windows Phone geschrieben – eine Übersetzungssoftware vom Deutschen ins Englische und umgekehrt. "Das läuft sauber auf allen neuen Smartphones mit Windows Phone 7", sagt er. Berg ist sich bewusst, welchen Vorsprung die Konkurrenz hat. Apple etwa bietet iPhone-Besitzern über seinen Online-Laden Apple Store inzwischen rund 270.000 Miniprogramme, sogenannte Apps, zum Herunterladen an. Für Android von Google stehen 100.000 Apps zur Verfügung. Zum Start von Windows Phone 7 verspricht Berg genauso viele Apps wie Apple bei der Premiere seines iPhones im Jahr 2007 – rund 500.

Smartphone-Gamer im Visier

Wuchern will Berg mit dem Know-how, das Microsoft beim Abgleichen von E-Mail, Kontakten und Terminen besitzt. Kalendereinträge sollen sich etwa direkt über den Startschirm öffnen lassen und ändern, mit weniger Fingerstrichen als bei der Konkurrenz.

Ins Visier will Berg auch Kunden nehmen, die auf dem Smartphone am liebsten spielen. Sie sollen durch die Integration der erfolgreichen Microsoft-Spieleplattform Xbox Live in Windows Phone 7 angelockt werden. Dadurch können Nutzer im ersten Schritt etwa Xbox-Spielstände am Handy abrufen oder Kontakt zu Mitspielern aufnehmen. Später sollen sie ein am Handy gestartetes Spiel auch zu Hause am großen Bildschirm über die heimische Xbox nahtlos weiterspielen können. Und noch ein Schmankerl hat Berg für die Daddler in petto. Bei Windows Phone 7 ist das erfolgreiche Facebook-Bauernspiel FarmVille direkt mit an Bord.

Eine Frau inspiziert das Apple Quelle: REUTERS

Berg ist zuversichtlich, dass Microsoft  Phone 7 ein Erfolg wird, weil er gelernt hat, wie Mobiltelefongesellschaften ticken. Bei der Deutschen Telekom, wo er vor dem Wechsel zu Microsoft-Deutschland als Vertriebsvorstand in der Festnetzsparte arbeitete, saß er im Aufsichtsrat der Mobilfunktochter. Seitdem weiß Berg, was Mobilfunkanbieter wünschen. Deshalb will er etwa im Gegensatz zu Apple den Telefongesellschaften erlauben, ihre eigenen Unterhaltungsangebote auf dem Startbildschirm der Smartphones zu präsentieren.

Berg mag noch so von technischen Raffinessen schwärmen – entscheidend für den Erfolg dürfte sein, ob den Verbrauchern die neuen Smartphones zusagen, die mit Windows Phone 7 laufen. Mögen die Mobiltelefongesellschaften von dem neuen Betriebssystem noch so begeistert sein,  am Ende fällt die Wahl des Kunden auf ein bestimmtes Gerät.

Microsoft soll cool werden

Hier liegt für Microsoft die eigentliche Messlatte. Und die hat die Konkurrenz – allen voran Apple – sehr hoch gelegt. Letztlich muss es Berg gelingen, Handys mit Microsoft inside als cool zu verkaufen. Er selbst mag diesen Begriff überhaupt nicht. Wer sich selber als cool bezeichne, sei eigentlich schon wieder uncool.

Dialektik hin, Coolness her – Berg glaubt fest daran, das Microsoft mit Windows Phone 7 Anschluss an die enteilte Konkurrenz im Handygeschäft findet. Sein Vorbild ist Microsoft-Manager Steve Sinofsky, der die Windows-Sparte in einem Kraftakt umkrempelte und mit Windows 7 ein elegantes Betriebssystem schuf. Der Nachfolger des ungeliebten PC-Betriebssystems Windows Vista verkauft sich so gut, dass sein Start als der erfolgreichste eines Betriebssystems in der Geschichte von Microsoft gilt.

Berg ist früher in seiner Freizeit Autorennen gefahren, hat beim Gasgeben also Erfahrung. Mehr Tempo ist genau das, was Microsoft, vor allem aber Konzernchef Ballmer braucht, will er seinen Chefsessel nicht bald verlieren.

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