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Wirtschaftsspionage Evonik: Mit Keksdosen gegen Chinas Geheimdienst

Bei Evonik landen die Handys bei wichtigen Besprechungen in einer Dose Quelle: Foto: Patrick Schuch

Mit unorthodoxen Methoden und mühevoller Kleinarbeit wehrt sich der Chemieriese Evonik gegen Industriespionage. Die größte Bedrohung kommt von ausländischen Geheimdiensten, vor allem aus China.

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Den Trick mit der blechernen Keksdose beherzigen inzwischen alle Top-Manager bei Evonik. Sobald sie in der Konzernzentrale gegenüber dem Essener Hauptbahnhof oder anderswo Vertrauliches besprechen, läuft immer die gleiche Prozedur: Handys in die Dose, Deckel drauf.

Und schon umgibt die Geräte ein sogenannter Faradaykäfig, der alle elektromagnetischen Wellen draußen hält. Die Funkverbindung bricht ab, kein Anruf und keine E-Mail kommt an. Dies ließe sich zwar auch durch Abschalten erreichen, nicht aber der Missbrauch der Handys durch ausländische Geheimdienste. Denn die leiten die Verbindungen auf eigene, heimlich aufgestellte Mini-Funkstationen um oder schalten das Mikrofon als Wanze scharf. Der Lauschangriff lässt sich nur verhindern, wenn die Handys in der geschlossenen Blechdose liegen.

Die Keksdose als Wanzenkiller gehört zu den unorthodoxen Vorsichtsmaßnahmen, die Andreas Blume bei dem Essener Chemiekonzern als absolutes Muss durchgesetzt hat. Viele Dax-Konzerne verstärken ihre Sicherheitsvorkehrungen. Doch keiner geht so virtuos gegen mögliche Angriffe von Agenten und andere Eindringlinge vor wie der Chef der Spionageabwehr bei Evonik.

Dauerbeschuss aus China

Der 38-Jährige ist einer der Ersten in Deutschland, der sich mit dem Titel Know-how Protection Officer schmückt. Den Posten hat Werner Müller, der Vorgänger des heutigen Evonik-Chefs Klaus Engel, vor vier Jahren geschaffen, damit die neu entwickelten Produkte des Konzerns nicht in fremde Hände fallen. Evonik besitzt zum Beispiel das Patent für Superabsorber, die in Pampers Pipi aufsaugen („Auch wenn sie nass sind, sind sie trocken“).

Chinesische und russische Nachrichtendienste, klagt das Bundesamt für Verfassungsschutz, nehmen High-Tech-Unternehmen wie Evonik wegen solcher Erfindungen unter Dauerbeschuss. Mal hacken sie Computernetze, um E-Mails und andere Dokumente abzufangen. Mal schleusen sie Maulwürfe ein, um direkten Zugriff auf Forschungsergebnisse zu bekommen. Oder sie verwandeln die Handys der Vorstände in Wanzen, um live vertrauliche Gespräche abzuhören. Mitunter finden solche Attacken auch zeitgleich statt.

Wirtschaftskrieg tobt

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner kriegt es mit“, sagt Blume in Abwandlung eines Spruches des US-Dichters Carl Sandburg. „In Deutschland tobt ein heißer Wirtschaftskrieg, der – wenn wir nicht aufpassen – unseren Wohlstand gefährdet.“

Mehr als andere Unternehmen befindet sich Evonik im permanenten Ausnahmezustand, weil der Konzern nach Informationen aus Geheimdienstkreisen ganz oben auf der Liste der begehrtesten Spionage-ziele steht. Zurzeit haben es die leibhaftigen und elektronischen Schlapphüte besonders auf eine Technologie abgesehen, die kurz vor der Serienproduktion steht und die für die Zukunft der Autoindustrie eine zentrale Rolle spielt: die Lithium-Ionen-Batterie, die Evonik zusammen mit dem Stuttgarter Autokonzern Daimler entwickelt.

Schutz für die Kronjuwelen

Spionageabwehrchef Blume stoppt die Geheimdienste Quelle: Foto: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Der neuartige, wiederaufladbare Stromspeicher gilt im Konzern laut Blume als „Kronjuwel“, der besonders leistungsstark sei und dank einer hauchdünnen Membran aus hitzebeständiger Keramik Temperaturen von 700 Grad Celsius verkrafte. Dieser Separator, wie die Technik im Branchenjargon heißt, soll letztlich dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen. Wer ihn als Erster zur Serienreife entwickelt, kann auf ein Milliardengeschäft hoffen. Aufstrebenden Autonationen wie China und Russland, sagen Geheimdienstler, sei beinahe jedes Mittel recht, um in den Besitz der neuen Technik zu kommen.

Um die Abwehrschlacht zu gewinnen, hat der oberste Evonik-Know-how-Schützer das gesamte Unternehmen zum Mitmachen verdonnert. Blume hat ein System wie in Regierungen etabliert, bei dem jede Information einer Vertraulichkeitsstufe zugeordnet wird. Streng vertraulich, vertraulich, nicht vertraulich. Jedes Dokument und jede E-Mail wird mit dem entsprechenden Stempel versehen. Die Erfolge zeigten sich sofort. Allein die Diskussion über die Einstufung schärfe das Bewusstsein, welch sensible Daten eine Präsentation enthält oder nicht, sagt Blume.

Blumes Arbeit wirkt unspektakulär. Permanente Aufklärung sei seine wichtigste Aufgabe. Täglich finden Schulungen statt. Vor allem neue Mitarbeiter müssen Basiskurse belegen. Blume dokumentiert Spionagefälle, weist Mitarbeiter ein und erinnert Vorstände daran, vor wichtigen Entscheidungen wie der Elektroauto-Kooperation mit Daimler die Spionageabwehr anzuhören. Denn Kooperationen mit anderen Unternehmen bergen auch die Gefahr, die Kontrolle über aussichtsreiche Technologien zu verlieren.

Schwachstelle Mensch

Mit solchen Arbeiten verbringt Blume einen Großteil seiner Zeit im Unternehmen. „Spionageabwehr lässt sich nicht von oben verordnen“, sagt er. Aus jedem Mitarbeiter müsse ein Abwehrspezialist werden, der einen Angriff durchschaut und sofort meldet. Ein langer Atem sei erforderlich, um diesen Prozess im Konzern zu verankern. Einmalaktionen würden sofort wieder verpuffen.

Blume kann gar nicht genug predigen, Geheimdienste suchten die schwächste Stelle im Unternehmen und dies sei in der Regel der Mensch. „Unwissenheit und Fahrlässigkeit sind des Spions Lieblinge“, wiederholt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Viele Mitarbeiter wissen so wenig über Spionage, dass sie die meisten Attacken gar nicht erkennen.“

Blume durchforstet den gesamten Entwicklungs- und Produktionsprozess nach Lecks, durch die Informationen nach draußen dringen könnten. Da bekommt ein Manager einen USB-Stick als Werbegeschenk zugesteckt – ohne zu ahnen, dass nach dem Einstecken eine Schnüffelsoftware automatisch den PC befällt.

China-Kompetenz in der Pfalz

Als Experte für Produkt- und Markenpiraterie baute Blume direkt nach seinem Studium (Politik, Betriebswirtschaftslehre, Sinologie) das China-Kompetenzzentrum der IHK Pfalz auf und beriet bundesweit Unternehmen vor ihrer Expansion nach China. Anders als viele Kollegen, die aus dem Polizei- oder Nachrichtendienst kommen, versteht er sich deshalb nicht als Hilfssheriff, der Verbote ausspricht.

Viel wichtiger ist für ihn, dass er sich „in schwierige Themen einmischt und aktuelle Trends hinterfragt“. Diskutiert das Top-Management über die Verlagerung von neuen Produktionsstätten in Schwellenländer, ist er mit von der Partie und löchert die Teilnehmer mit unbequemen Fragen. Als ebenso elementar betrachtet es Blume, bei der Auslagerung von Geschäftsbereichen an externe Partner zu intervenieren. Wenn es sein müsse, packe er auch dieses „heiße Eisen“ an.

Ein Bürohaus des Quelle: dpa

Ein solches „heißes Eisen“ ist der Wunsch von Daimler, bei der Entwicklung der Batterietechnik für Elektroautos mit weiteren Partnern zusammenzuarbeiten. Im Zentrum steht dabei das 2008 gegründete Gemeinschaftsunternehmen Li-Tec zur Serienproduktion von Lithium-Ionen-Batterien. Jetzt diskutieren die beiden Unternehmen, ob sie ihr Joint Venture für weitere Partner öffnen. Daimler würde gern einen weiteren strategischen Partner, die französisch-japanische Renault-Nissan-Gruppe, aufnehmen. Doch diesem Plan muss Evonik-Chef Engels zustimmen, der mit 50,1 Prozent die Mehrheit an Li-Tec hält.

Natürlich äußert sich Blume nicht zu den laufenden Gesprächen. Als oberstem Know-how-Schützer von Evonik muss es ihm aber durch den Kopf schießen: „Ausgerechnet Renault.“ Der französische Autobauer hatte Anfang des Jahres drei Top-Manager wegen einer Spionageaffäre entlassen. Sie standen im Verdacht, geheime Informationen aus dem Elektroautoprogramm an China verraten zu haben.

Zwar stellten sich die Anschuldigungen als Fehlalarm heraus. Renaults Sicherheitsabteilung war offenbar Falschinformationen eines Betrügers aufgesessen, Renault-Chef Carlos Ghosn musste sich bei den drei Managern entschuldigen. Doch ein vertrauenswürdiger Partner sieht anders aus. Die Neigung, solch einem Gegenüber die neue Lithium-Ionen-Technik anzuvertrauen, hat dadurch bei Evonik einen Dämpfer erhalten, heißt es hinter vorgehaltener Hand im Unternehmen.

Know-how-Klau per Annonce

Blume gibt sich dazu 100-prozentig diplomatisch. „Wir sind nicht die Abteilung, die Geschäfte verhindert“, sagt er. „Aber wir haben die Aufgabe, uns auch die Risiken bei potenziellen Partnern genau anzugucken.“

Alarmanlagen gehen auch an, wenn Gerüchte über einen Personalabbau kursieren. Plötzlich erscheinen Stellenanzeigen in Zeitungen oder im Internet, die verdächtig gut auf das Profil der überzähligen Mitarbeiter passen. Denn möglicherweise stammen solche Annoncen von ungeliebten Konkurrenten oder deren Handlangern. Vorstellungsgespräche haben in solchen Fällen einzig das Ziel, den Bewerber auszuhorchen. Wer seinen künftigen Arbeitgeber überzeugen will, beeindruckt ihn meist mit möglichst vielen Details über das Projekt, an dem er gerade arbeitet. Im konzerneigenen Intranet schildert Blume solche Fälle, damit keine Evonik-Mitarbeiter in diese Falle tappen.

Wichtiges nur draußen

Auch im umgekehrten Fall schreitet Blume ein, nämlich wenn sich auf Stellenangebote von Evonik Bewerber mit auffällig passenden Anforderungsprofilen melden. Schon oft entdeckte er bei genauerer Überprüfung aufgemotzte Tätigkeitsbeschreibungen und Auslandsaufenthalte, die sich nur schwer verifizieren ließen. „In Deutschland sind bis zu 20 Prozent aller Bewerbungen manipuliert“, glaubt Blume inzwischen.

Für den Fall, dass sich doch ein Maulwurf bei Evonik einschleicht, gibt es für Blume nur einen Tipp. „Bei wirklichen geheimen Verhandlungen“, empfiehlt er Evonik-Chef Engel und seinen Kollegen, „sollten die Geschäftspartner am besten einen Spaziergang um den nächsten Häuserblock machen.“ 

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