WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wulf Bernotat im Interview "Wie ein Mikadospiel"

Seite 2/3

Woher kommt Ihrer Meinung nach die besonders tiefe Skepsis der Deutschen gegen die Atomkraft, wir sind ja bald eine einsame energiepolitische Insel...

... ich habe keine wirkliche Erklärung. Es liegt vielleicht an zwei verlorenen Weltkriegen und einer mentalen Vermischung von friedlicher und nichtfriedlicher Nutzung der Kernenergie. Seit den Fünfzigerjahren gibt es da eine „German Angst“, wie es im Ausland oft heißt, die tief sitzt. Das könnte eine mögliche Erklärung sein.

Glauben Sie, dass die deutsche Politik sich je wieder mit der Kernenergie anfreunden kann, nach Vorbild der europäischen Nachbarn?

Zunehmend werden die Vorteile der Kernenergie von der deutschen Politik wieder diskutiert, offenkundig soll das sogar Wahlkampfthema werden. Ich bin da aber eher besorgt, denn das Thema Kernkraft eignet sich aus unserer Sicht nicht für den Wahlkampf. Mir wäre lieber, man würde sich nach der Bundestagswahl zusammensetzen und über den zukünftigen Energiemix reden und über die Frage, ob Kernenergie dabei nicht wieder eine feste Rolle spielt.

Würde die Energiewirtschaft es schaffen, einen Ausstieg aus dem Ausstiegs-Konsensbeschluss hinzukriegen, müssten Sie der Politik vorher etwas bieten, was politisch als Erfolg verwertbar ist. Was könnte das sein?

Dazu gibt es Ideen der Energieunternehmen, die aber noch reifen müssen, bevor sie mit der Politik erörtert werden können.

Die Krise hat auch die Energiewirtschaft erreicht, die jahrzehntelang aus dem Vollen schöpfen konnte und an Liquidität keinen Mangel hatte. Wie spüren Sie die Rezession?

Wir spüren die Krise vor allem am teilweise deutlichen Rückgang des industriellen Strombedarfs. Aber wir können zurzeit keine Prognose abgeben, wie sich die Dinge in den kommenden Monaten weiterentwickeln. Da sind auch alle Experten ziemlich ratlos. Bei den Haushaltskunden gibt es aber beim Stromverbrauch derzeit noch keinen Rückgang, und das dürfte sich auch grundlegend nicht ändern.

Aber es gibt für Sie deutliche Warnsignale: Sie senken Ihre Investitionen für die kommenden Jahre von 36 auf 30 Milliarden Euro.

Wir verschieben nur einige Projekte nach hinten. In dieser Weltwirtschaftskrise müssen wir stärker auf Sicht fahren. Dennoch bewegen wir uns mit unserem Investitionsprogramm auf einem Rekordniveau. In den kommenden drei Jahren werden wir noch immer zehn Milliarden Euro jährlich investieren. Das ist im Vergleich zu anderen Industrien und Unternehmen gerade heutzutage eine beispiellos hohe Summe.

Bei der im Bau befindlichen Ostseepipeline, an der Sie beteiligt sind – ein Prestigeprojekt für E.On mit Altkanzler Gehard Schröder als Aufsichtsratsvorsitzendem – nehmen Sie neben Gazprom, Gasunie und E.On einen weiteren Partner mit ins Boot, die Gas de France (GdF) – eigentlich ein Konkurrent. Tun Sie das, weil die Banken das fordern, da Kredite für solche Großprojekte knapper werden?

Das ist nicht das Thema. Wir haben immer gesagt, dass die Pipeline für die europäische Energieversorgung von großem Wert ist. GdF hat das schon frühzeitig erkannt und jetzt nochmals Interesse signalisiert. Wir hätten nichts dagegen, müssen jetzt aber darüber reden, wie eine solche Beteiligung im Detail aussehen kann.

Wie viel Prozent Ihres 20-Prozent-Anteils würden Sie an North Stream – der Betreibergesellschaft der Ostseepipeline – zugunsten der Franzosen abgeben, und wie viel wollen die haben?

Das wird zurzeit noch verhandelt. Aber wir wären bereit, eventuell 4,5 Prozent unserer Anteile abzugeben. So weit ich informiert bin, denkt GdF daran, neun Prozent zu erwerben.

Sie verstehen sich auf dem europäischen Kontinent als Erzkonkurrent von GdF. Da wundert es doch, dass Sie die finanzstarken Franzosen plötzlich als Mitstreiter akzeptieren...

...nicht nur im Ölgeschäft ist es üblich, dass starke Wettbewerber bei Großprojekten kooperieren. So wollen wir zum Beispiel in Großbritannien zusammen mit RWE Kernkraftwerke bauen, wenn sie dort genehmigt werden. Im Übrigen hat der Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine gezeigt, dass die europäische Gaswirtschaft im Interesse der Versorgungssicherheit stärker als bisher zusammenarbeiten muss.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%