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Wulf Bernotat im Interview "Wie ein Mikadospiel"

E.On-Chef Wulf Bernotat über die chaotische deutsche Energiepolitik, den Teilrückzug aus der Ostseepipeline – und sein verflixtes siebtes Amtsjahr.

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Wulf Bernotat, chief executive Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Bernotat, haben Sie eigentlich schon mit dem neuen Wirtschaftsminister zu Guttenberg gesprochen und über das Gestrüpp der Energiepolitik geklagt?

Bernotat: Wir haben vor allem darüber gesprochen, dass wir für Deutschland ein stimmiges Energiekonzept brauchen, das alle Ziele gleichermaßen berücksichtigt: Sicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung. Und wir brauchen eine neue Art der Diskussion, ohne jeden ideologischen oder politischen Vorbehalt. Weil beides fehlt, gibt es ein ständiges Hin und Her in der Energiepolitik, unter dem vor allem die energieerzeugende Industrie leidet. Die Themen wechseln dabei fast mit den Jahreszeiten. Mal treibt die Gaskrise die Ängste um die Versorgungssicherheit, mal ist es wieder der Klimaschutz, der alles verdrängt. Dann diskutiert man erregt nur noch über Energiepreise. Die einen warnen vor der Kernkraft, obwohl sie CO2 frei ist, andere protestieren gegen Steinkohle, obwohl Kernenergie und Kohle zusammen mehr als 75 Prozent unserer Stromversorgung sichern.

Haben Sie konkrete Forderungen gestellt?

Darum ging es nicht, sondern um Verständigung. Wir müssen in der Energiepolitik generell raus aus den Schützengräben. Wenn die Energieagentur davor warnt, dass uns eine Kraftwerkslücke droht, falls viele Bauprojekte durch Proteste torpediert werden, dann kommen sofort die Umweltverbände und sprechen von einer Kraftwerkslücken-Lüge.

Und die Energieerzeuger sind der ruhige Pol mit den richtigen Argumenten?

Das will ich so nicht sagen. Die Energiewirtschaft ist ja selber kein monolithischer Block mit einheitlichen Interessen und Botschaften. Das Problem ist eher, dass die Politik bei vielen energiepolitischen Vorstellungen nur selten gemeinsam mit der Industrie einen Realitätscheck macht und fragt: Geht das in der Praxis überhaupt – und wenn ja, mit welchen Folgen und zu welchen Kosten und Preisen? Die Energiewirtschaft mit ihrem derzeit breiten Mix von Kernkraft, Kohle, Gas und erneuerbaren Energien gleicht doch einem Mikadospiel. Wenn ich hier etwas bewege, bewegt sich woanders etwas mit. Wenn ich mich gegen Kernkraft und für Gas oder erneuerbare Energien entscheide, hat das Auswirkung auf die Versorgungssicherheit.

Ein Beispiel?

Wenn man Kernkraftwerke ersatzlos auslaufen lässt, bekommen wir Versorgungsengpässe, zum Beispiel in Bayern. Kohle » wäre dabei für Bayern kaum eine Alternative, weil man über die Binnenschifffahrtswege nur sehr schwer Steinkohle nach Süddeutschland transportieren kann. Die Schifffahrtskanäle geben solche Massengut-Verschiffungen nicht her, es würde außerdem sehr teuer. Ersatz für die Grundlast, also für den kontinuierlichen Strombedarf in der Großindustrie, könnten deshalb nur Gaskraftwerke bieten. Die würden aber die Abhängigkeit von russischem Gas deutlich erhöhen.

In Schweden hat die Regierung gerade den Bau neuer Reaktorblöcke politisch ermöglicht. Das ist ein Ausstieg aus dem Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie. Kommt die Atomkraft auch bei uns bald wieder zu Ehren?

In Schweden hat man die politische Ablehnung gegen die Kernkraft gerade aus Klimaschutzgründen aufgegeben. Und die schwedischen Sozialdemokraten haben diesen Beschluss mitgetragen. Bei uns dagegen verläuft in der Kernenergiefrage ein tiefer Riss durch die Politik, auch innerhalb der Parteien selber. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich daran vor der Bundestagswahl im Herbst etwas ändert.

Sie betreiben auch Atomkraftwerke in Schweden – wittern Sie dort jetzt Morgenluft?

Wir betreiben allein oder mit Partnern in Schweden die Kernkraftwerke Forsmark, Oskarsham und Ringhals, jeweils mit mehreren Blöcken. Schon vor Monaten haben wir die Genehmigung der schwedischen Behörden erhalten, diese Kraftwerke zu modernisieren. Dies umfasst sowohl Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Sicherheit als auch zur Steigerung der Kraftwerksleistung. Innerhalb weniger Jahre werden wir somit mehr als 1000 Megawatt zusätzlicher CO2-freier Grundlastkapazität schaffen, das entspricht ungefähr der Leistung eines neuen Kernkraftwerkes. Diese Genehmigung haben wir vor dem Regierungsbeschluss erhalten. Aufgrund unserer Investitionen hat die schwedische Regierung die Laufzeit der Kernkraftwerke auf 60 Jahre verlängert. Es ist möglich, neue Kernkraftwerke zu errichten – wenn auch an den alten Standorten. Das planen wir jedoch derzeit nicht.

Das alles müsste doch den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier umstimmen, der pragmatisch ist und im Ausland sieht, wie dort mit Kernenergie umgegangen wird, nicht nur in Skandinavien, sondern in den Niederlanden, in der Schweiz.

Ich denke, die offizielle Linie seiner Partei lautet anders. Die SPD ist noch immer strikt auf sogenanntem Anti-Atom-Kurs.

Woher kommt Ihrer Meinung nach die besonders tiefe Skepsis der Deutschen gegen die Atomkraft, wir sind ja bald eine einsame energiepolitische Insel...

... ich habe keine wirkliche Erklärung. Es liegt vielleicht an zwei verlorenen Weltkriegen und einer mentalen Vermischung von friedlicher und nichtfriedlicher Nutzung der Kernenergie. Seit den Fünfzigerjahren gibt es da eine „German Angst“, wie es im Ausland oft heißt, die tief sitzt. Das könnte eine mögliche Erklärung sein.

Glauben Sie, dass die deutsche Politik sich je wieder mit der Kernenergie anfreunden kann, nach Vorbild der europäischen Nachbarn?

Zunehmend werden die Vorteile der Kernenergie von der deutschen Politik wieder diskutiert, offenkundig soll das sogar Wahlkampfthema werden. Ich bin da aber eher besorgt, denn das Thema Kernkraft eignet sich aus unserer Sicht nicht für den Wahlkampf. Mir wäre lieber, man würde sich nach der Bundestagswahl zusammensetzen und über den zukünftigen Energiemix reden und über die Frage, ob Kernenergie dabei nicht wieder eine feste Rolle spielt.

Würde die Energiewirtschaft es schaffen, einen Ausstieg aus dem Ausstiegs-Konsensbeschluss hinzukriegen, müssten Sie der Politik vorher etwas bieten, was politisch als Erfolg verwertbar ist. Was könnte das sein?

Dazu gibt es Ideen der Energieunternehmen, die aber noch reifen müssen, bevor sie mit der Politik erörtert werden können.

Die Krise hat auch die Energiewirtschaft erreicht, die jahrzehntelang aus dem Vollen schöpfen konnte und an Liquidität keinen Mangel hatte. Wie spüren Sie die Rezession?

Wir spüren die Krise vor allem am teilweise deutlichen Rückgang des industriellen Strombedarfs. Aber wir können zurzeit keine Prognose abgeben, wie sich die Dinge in den kommenden Monaten weiterentwickeln. Da sind auch alle Experten ziemlich ratlos. Bei den Haushaltskunden gibt es aber beim Stromverbrauch derzeit noch keinen Rückgang, und das dürfte sich auch grundlegend nicht ändern.

Aber es gibt für Sie deutliche Warnsignale: Sie senken Ihre Investitionen für die kommenden Jahre von 36 auf 30 Milliarden Euro.

Wir verschieben nur einige Projekte nach hinten. In dieser Weltwirtschaftskrise müssen wir stärker auf Sicht fahren. Dennoch bewegen wir uns mit unserem Investitionsprogramm auf einem Rekordniveau. In den kommenden drei Jahren werden wir noch immer zehn Milliarden Euro jährlich investieren. Das ist im Vergleich zu anderen Industrien und Unternehmen gerade heutzutage eine beispiellos hohe Summe.

Bei der im Bau befindlichen Ostseepipeline, an der Sie beteiligt sind – ein Prestigeprojekt für E.On mit Altkanzler Gehard Schröder als Aufsichtsratsvorsitzendem – nehmen Sie neben Gazprom, Gasunie und E.On einen weiteren Partner mit ins Boot, die Gas de France (GdF) – eigentlich ein Konkurrent. Tun Sie das, weil die Banken das fordern, da Kredite für solche Großprojekte knapper werden?

Das ist nicht das Thema. Wir haben immer gesagt, dass die Pipeline für die europäische Energieversorgung von großem Wert ist. GdF hat das schon frühzeitig erkannt und jetzt nochmals Interesse signalisiert. Wir hätten nichts dagegen, müssen jetzt aber darüber reden, wie eine solche Beteiligung im Detail aussehen kann.

Wie viel Prozent Ihres 20-Prozent-Anteils würden Sie an North Stream – der Betreibergesellschaft der Ostseepipeline – zugunsten der Franzosen abgeben, und wie viel wollen die haben?

Das wird zurzeit noch verhandelt. Aber wir wären bereit, eventuell 4,5 Prozent unserer Anteile abzugeben. So weit ich informiert bin, denkt GdF daran, neun Prozent zu erwerben.

Sie verstehen sich auf dem europäischen Kontinent als Erzkonkurrent von GdF. Da wundert es doch, dass Sie die finanzstarken Franzosen plötzlich als Mitstreiter akzeptieren...

...nicht nur im Ölgeschäft ist es üblich, dass starke Wettbewerber bei Großprojekten kooperieren. So wollen wir zum Beispiel in Großbritannien zusammen mit RWE Kernkraftwerke bauen, wenn sie dort genehmigt werden. Im Übrigen hat der Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine gezeigt, dass die europäische Gaswirtschaft im Interesse der Versorgungssicherheit stärker als bisher zusammenarbeiten muss.

Sie wollen auch mit dem europäischen Branchenführer, der französischen EdF, ein Projekt angehen. EdF kündigte an, beim Atomkraftwerk Penly in der Normandie zusammen mit E.On in den Bau eines Reaktorblocks zu investieren. Warum arbeiten Sie plötzlich mit EdF zusammen?

Durch die Übernahme von Teilen des spanischen Versorgers Endesa ist E.On heute auch auf dem französischen Markt präsent. Und natürlich sondieren wir jetzt alle Optionen zur weiteren Entwicklung. Zu diesen Optionen gehört selbstverständlich auch die Kernenergie. Außerdem befinden wir uns schon seit vielen Jahren mit EdF in Gesprächen zur Beteiligung an französischen Neubauprojekten, zuletzt beim Projekt Flammanville. Somit sind die aktuellen Gespräche eine Fortführung dieses Dialogs, jetzt aber unter den neuen Vorzeichen unseres Markteintritts in Frankreich.

Das E.On-Reich wirkt überdehnt. Ihre sibirische Kraftwerksbeteiligung OGK-4 liegt 6000 Kilometer von Ihrer Zentrale entfernt. Ist es nicht waghalsig, so weit entfernt Kraftwerke zu kaufen?

In den USA werde ich von den Analysten immer gefragt, ob sich der Einstieg beim sibirischen Stromproduzenten OGK-4 gelohnt hat oder ob er zu teuer war. Wir sind überzeugt, dass es sich auszahlen wird, aber ein Jahr nach einem solchen Investment kann das noch gar nicht sichtbar werden. Der russische Markt muss erst noch vollständig liberalisiert werden. Vor sehr vielen Jahren hat ein Tochterunternehmen der damaligen Veba einen kleinen Anteil der schwedischen Stromwirtschaft erworben, heute gehört uns eines der größten schwedischen Energieunternehmen zu 100 Prozent. Genauso möchte ich, dass vielleicht in 10 oder 15 Jahren einmal meine Nachfolger sagen: Der Einstieg in den russischen Strommarkt war eine goldrichtige Entscheidung von Wulf Bernotat.

Seit sieben Jahren stehen Sie an der Spitze von E.On...

...aha, also im verflixten siebten Jahr, meinen Sie...

...im Mai 2010 läuft Ihr Vorstandsvertrag aus. Wollen Sie verlängern?

Darüber entscheidet der Aufsichtsrat.

Wann?

Zum gegebenen Zeitpunkt.

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