WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Xerox-Chefin Ursula Burns "Das papierlose Büro ist Jahre entfernt"

Die Xerox-Chefin Ursula Burns sieht die Sanierung des Drucker- und Kopiererherstellers als beendet an – und verdient zunehmend Geld mit Diensten rund um die Zettelwirtschaft ihrer Kunden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Xerox

WirtschaftsWoche: Frau Burns, Sie und Ihre Vorgängerin Anne Mulcahy haben Xerox nach der Beinahe-Pleite Anfang des Jahrtausends gerettet. Die jüngste Wirtschaftskrise hat Ihr Unternehmen aber wieder arg in Mitleidenschaft gezogen – ein Indiz dafür, dass die Sanierung noch nicht beendet war?

Burns: Nein, wir sprechen hier über zwei getrennte Phänomene. Sanierung, Restrukturierung und Wiederauferstehung von Xerox sind abgeschlossen. Aber 2009 war für jedes Unternehmen ein extrem herausforderndes Jahr. Dennoch war Xerox auch 2009 profitabel. Und die ersten neun Monate 2010 konnten wir bereits wieder ordentlich wachsen. Das heißt: Wir kommen aus der Rezession stärker heraus als das Gros unserer Wettbewerber.

Welche Erkenntnisse aus dem Turn-around haben Ihnen dabei geholfen, Xerox jetzt besser durch die Rezession zu navigieren?

Es klingt zugegebenermaßen wie eine Binsenweisheit: den Kunden zuzuhören. Denn das bedeutet, ihnen nicht nur immer mehr zu verkaufen, sondern zu verstehen, wo genau ihre Wünsche und Probleme sind. Wenn dann die Wirtschaft wieder anzieht und die Unternehmen neue Investitionen erwägen, kaufen sie im Idealfall als Erstes bei uns. Zudem hatten wir in guten wie in schlechten Zeiten unsere Kosten im Auge.

Also kommt es am Ende doch nur auf die nackte Zahl der Mitarbeiter an?

Nein, das ist ja nur einer der Kostenfaktoren. Es geht auch um Kapitalinvestitionen oder Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Wichtig ist ein hocheffizientes Geschäftsmodell. Zwar ist ein Großteil der Kosten mit Mitarbeitern verknüpft.  Man wird aber durch reine Stellenstreichungen nicht automatisch effizient. Das funktioniert erst, wenn die geeigneten Leute an den passenden Stellen arbeiten.

Xerox litt lange unter dem Image, dass die Tage als Wachstumsunternehmen vorbei seien. War dies das Hauptmotiv für die Übernahme des Outsourcing-Anbieters ACS für 6,4 Milliarden Dollar mitten in der Krise des vergangenen Jahres?

Der Hauptgrund für den Zukauf war, die Fertigkeiten wie etwa das vorhandene Dienstleistungsgeschäft von Xerox durch die Kombination mit ACS besser nutzen zu können. Und das wiederum führt dann zu mehr Wachstum.

Warum?

Weil unsere Kunden uns ständig fragen, ob wir mehr für sie tun können. „Hier sind unsere Kopierer und Multifunktionsdrucker, aber könnt ihr auch -unsere gesamte digitale Büro-Infrastruktur für uns betreiben?“ Ja, das können wir. „Könnt ihr jeden papierbasierten -Büroprozess für uns abwickeln?“ Auch das können wir. Daher haben wir mehrere Dienstleistungsgeschäftsfelder gestartet, beispielsweise zum Dokumenten-Outsourcing: Dabei betreiben wir die gesamte Geräte-Infrastruktur für unsere Kunden.

Also alle Services rund um Dokumente?

Ja. Wir haben auch Spezialanbieter gekauft, die auf das Dokumenten--Management von Anwaltskanzleien oder Hypothekenfinanzierern ausgerichtet sind. Beides sind Branchen mit papier--intensiven Prozessen, die eine genaue Nachverfolgung verschiedener -Dokumenten-Versionen sowie deren re-visionssichere Speicherung bedürfen. Dieses Know-how können wir nun in -weitere dokumentenintensive Branchen transferieren.

Viele IT-Anbieter verbreitern ihr Portfolio, um mehr Dollar vom IT-Budget ihrer Kunden abgreifen zu können. So bietet der Softwarehersteller Oracle seit dem Kauf von Sun auch Server-Computer an. Will Xerox in völlig neue Felder vordringen?

Wir haben nicht vor, ein Anbieter von Netzwerkausrüstungen oder Unternehmenssoftware zu werden. Unsere Strategie dreht sich rund um dokumentenbasierte Geschäftsprozesse. Aber wir verfügen durch ACS auch über eine IT-Outsourcing-Sparte mit einem Umsatz von rund 1,5 Milliarden Dollar...

...die Sie weiter betreiben wollen?

Ja. Das Geschäft läuft gut und richtet sich an kleinere und mittlere Firmen.

Aber ist es groß genug, um mit Konkurrenten wie IBM mithalten zu können?

Natürlich ist unser Geschäft kleiner. IBM bietet eine globale IT-Infrastruktur an, das macht Xerox nicht. Aber es gibt einen sehr großen, noch weitgehend unerschlossenen Markt von mittelgroßen Firmen, die Hilfe beim Betrieb ihrer IT benötigen. Die bekommen sie heute nur von ganz kleinen oder sehr großen Anbietern, die ihnen aber wenig Aufmerksamkeit entgegenbringen. Das ist einer unser wichtigsten Pluspunkte im Wettbewerb.

Während das Service-Geschäft von Xerox bereits ganz gut wächst, schwächeln die Geräteverkäufe weiterhin. Diese sind aber wichtig für künftige Dienstleistungsaufträge. Wie wollen Sie das ändern?

Indem wir weltweit dafür sorgen, dass unsere Kunden in Richtung Farbdruck gehen. Noch sind nämlich immer noch 80 Prozent aller Ausdrucke schwarz-weiß – da besteht ein enormes Wachstumspotenzial. Aber auch bei steigender Zahl verkaufter Geräte gibt es gleichzeitig einen jährlichen Verfall bei den Preisen – schlicht, weil wir ein Technologieunternehmen sind. Daher ist es tatsächlich schwierig, im Hardwaregeschäft dauerhaft Umsatzwachstum zu erzielen.

Wäre es da nicht sinnvoll, sich eines Tages ganz vom Hardwaregeschäft mit seiner geringeren Profitabilität zu trennen?

Es stimmt, Hardware hat geringere Margen. Aber es erzeugt Cash, ist profitabel, und wir sind Marktführer – warum sollten wir das abgeben? Das ist doch ähnlich wie bei Automobilkonzernen: Die haben andere Zahlen und werden anders gemanagt als Dienstleistungsunternehmen, dennoch würde keiner ihre Daseinsberechtigung anzweifeln.

Xerox hat jetzt die ganze Palette rund um Dokumente im Angebot. Wie sieht es da mit dem papierlosen Büros aus – bleibt das für immer eine Vision?

Nein, wir helfen unseren Kunden bereits heute dabei, Papier zu sparen. Unser Dokumenten-Outsourcing-Geschäft schlägt eine Brücke zwischen einem papierbasierten und einem digitalen Büro. Das bedeutet: Wir reduzieren die Menge der auszudruckenden Dokumente deutlich, indem wir bei der intelligenten digitalen Verteilung helfen. Wir haben Software und Services im Angebot, die etwa bei der digitalen Versionskontrolle helfen. So muss man nicht jede Änderung wieder extra ausdrucken und verteilen.

Also nur eine Frage der Zeit, bis Papier überflüssig wird?

Wir sind Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vom papierlosen Büro entfernt. Denn jedes neue Gerät – sei es die Digitalkamera oder das iPad – erzeugt in irgendeiner Weise eine neue Notwendigkeit, Dinge auszudrucken. Vor einigen Jahren dachten alle, dass E-Mail eine papiersparende Innovation wäre. Aber sie sorgt sogar für größeren Papierverbrauch. Wir wollen die Menschen nicht in die eine oder andere Richtung drängen, sondern ihnen mit unserer Technologie die Option geben, Dinge mit oder eben auch ohne Papier zu erledigen.

Positive Reputation

Xerox ist mehr als 100 Jahre alt und hat vor 70 Jahren den ersten Kopierer erfunden. Im Englischen heißt Kopieren „to xerox“, ähnlich wie in vielen Sprachen „googeln“ für Web-Suche steht. Könnten Sie da nicht mehr aus diesem Erbe machen?

Wir sind eines der wenigen Unternehmen, bei dem der Markenname stellvertretend für den gesamten Sektor steht. Das ist gut und schlecht zugleich. In allen entwickelten Märkten wie Deutschland oder den USA wissen die Menschen automatisch, für was wir stehen. Wir haben eine Reputation, die erst einmal positiv ist. Wenn wir diesen Ruf nicht beschützen, können wir ihn aber schnell wieder verlieren. Daher achten wir stark darauf, in welcher Form das Verb „to xerox“ verwendet wird. Nachteilig wäre für uns, wenn der Begriff in den Köpfen der Menschen die Vorstellung zementiert, Xerox sei immer noch ein schnöder Kistenschieber.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%