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Zeitarbeit Leiharbeit wie in der Fußball-Bundesliga

Metallunternehmen an der Ruhr definieren Leiharbeit neu - und kopieren ein Modell der Fußball-Bundesliga: Wer Fachkräfte zeitweise nicht braucht, überlässt sie anderen Betrieben.

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Borussia-Dortmund-Profi Mats Quelle: dpa

Immer mal wieder hat der FC Bayern hoch bezahlte Spieler, die kaum zum Einsatz kommen. Anstatt das brach liegende Humankapital versauern zu lassen, leiht Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Ersatzmänner dann einfach aus. So kam der Abwehrspieler Mats Hummels zu Borussia Dortmund und schlüpfte von Anfang 2008 bis Mitte 2009 als Leihspieler ins gelb-schwarze Trikot. Im vergangenen Jahr gaben die Bayern den jetzt 21-Jährigen dann endgültig an die Borussen ab. Dort steht er nun bis 2013 unter Vertrag.

So ähnlich lief das mit Ralf Ophoven. Der ist kein Fußballstar, sondern Bohrwerksdreher. Ophoven arbeitete in der Baumaschinenfabrik von Atlas Copco Construction Tools in Essen, der es seit 2008 wirtschaftskrisenbedingt eklatant an Aufträgen mangelt. Um Ophoven nicht kündigen oder auf Kurzarbeit setzen zu müssen, lieh Atlas Copco den heute 47-Jährigen an das benachbarte Unternehmen Cantec aus. Da die Auftragslage bei Atlas Copco immer noch mau ist und Cantec gleichzeitig gut ausgelastet ist – produziert werden dort bis zu 40 Meter lange Anlagen zur Produktion von Konservendosen –, wechselte der verliehene Ophoven im September ganz zu Cantec. Dort arbeitet er jetzt als Qualitätsprüfer: „Ist doch gut so. Die Alternative wäre Kurzarbeit gewesen, und wer das erst mal ein Dreivierteljahr gemacht hat, der weiß, wie rot dabei die Zahlen auf dem Konto werden können.“

Personalausleihe klappte bisher nur in Einzelfällen

Die Überlassung von Fachkräften an andere Betriebe ist eine seltene, kaum bekannte, in der Krise aber durchaus praktizierte Form der Leiharbeit. Die Beteiligten müssen dabei weder die komplizierten Anforderungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) für die Zeitarbeit erfüllen noch kommerzielle Verleihfirmen einschalten. Alles bleibt beim Alten: Arbeitszeit, Gehalt, nur der Arbeitsplatz ist vorübergehend ein anderer.

Die Vorteile der Personalausleihe auf dem ganz kurzen Dienstweg liegen auf der Hand. Der abgebende Betrieb spart Personalkosten, der aufnehmende Betrieb füllt eine Personallücke, für die meist weder Arbeitsagentur noch Zeitarbeitsunternehmen adäquate Angebote machen. Und der Arbeitnehmer kommt passabel durch die Krise – ohne finanzielle Einbußen und ohne untätig sein zu müssen.

Bisher klappte die pragmatische Variante der Leiharbeit von Betrieb zu Betrieb nur in Einzelfällen und als Insellösung am jeweils selben Ort. Insbesondere ehemalige Krupp-Betriebe in Essen – wie Atlas Copco Construction Tools und Cantec – helfen sich so seit Längerem gegenseitig. Die beiden Unternehmen arbeiten als Nachbarn unter dem Dach einer riesigen Halle. Ophoven muss deshalb morgens bloß in einem anderen Schiff, wie die Fabriktrakte dort heißen, antreten. Auch in Bochum und Gelsenkirchen haben Metallarbeitgeber und IG Metall in den vergangenen Jahren Tarifvereinbarungen geschlossen, die den Personalaustausch branchenintern und innerhalb der Stadtgrenzen ermöglichten.

Lieber pendeln als arbeitslos

Nun aber wird aus der Ausnahme ein Projekt mit Modellcharakter. Künftig dürfen und wollen die Metall- und Elektrobetriebe im Ruhrgebiet über die Stadt- und Verbandsgrenzen hinweg Arbeitskräfte austauschen. 350 Unternehmen der Branche mit über 60.000 Beschäftigten können dadurch jetzt ihre Personalprobleme gemeinsam lösen. Ein Mitte Dezember abgeschlossener sogenannter Krisentarifvertrag („Zusammenarbeiten und Jobs retten!“) zwischen den Metall-Arbeitgeberverbänden der Ruhrpott-Städte und der IG Metall in Nordrhein-Westfalen (NRW) macht es möglich.

Atlas Copco könnte Facharbeiter Ophoven heute also nicht nur an einen Essener, sondern auch an einen Duisburger Betrieb ausleihen. Cantec könnte benötigte Spezialisten auch von einem Dortmunder Betrieb bekommen. „Wir machen einen unkomplizierten Personalaustausch möglich“, lobt Oliver Burkhard, NRW-Bezirkleiter der IG Metall, den ungewöhnlichen Schritt.

In dieser Dimension sei das „bundesweit einmalig“, lobt Atlas-Copco-Chef Ulrich Schoene das Projekt, und das Procedere sei „ganz einfach“. Bezahlt werden die verliehenen Mitarbeiter ohne Einbußen weiterhin von ihrem Stammbetrieb. Bisherige zusätzliche Leistungsentgelte bekommen sie als durchschnittliche Pauschale auf Grundlage der letzten sechs Monate. Der abgebende Betrieb stellt dem aufnehmenden Unternehmen dann die Arbeitsleistung in Rechnung.

Atlas-Copco-Chef Schoene

Die Rechtsgrundlage für die Regelung liegt im AÜG. Nach Paragraf 1 Absatz 3 Ziffer 1 bedarf es keiner Erlaubnis zum gewerblichen Arbeitnehmerverleih, wenn Arbeitnehmerüberlassung zur Vermeidung von Kurzarbeit oder Entlassung zwischen zwei Unternehmen desselben Wirtschaftszweiges auf der Grundlage eines für beide geltenden Tarifvertrages erfolgt. Der Betriebsrat muss dem Personalaustausch zustimmen. Der Arbeitnehmer selber allerdings kann laut NRW-Krisentarifvertrag zum Einsatz im fremden Betrieb sogar verpflichtet werden, sofern er nicht älter als 55 Jahre ist oder seinem Stammbetrieb mehr als 25 Jahre angehört. Höhere Fahrtkosten werden ausgeglichen. Metall-Gewerkschafter Burkhard: „Ein weiter entfernter Arbeitsplatz ist besser als der komplette Wegfall der Stelle oder Lohneinbußen.“

Die Verantwortlichen in den Unternehmen setzen einige Hoffnung in das Modell. „Jetzt kommt es darauf an“, sagt Personalchef Hans-Georg Klaus von Atlas Copco Construction Tools, „dass ein Netzwerk entsteht, damit Angebot und Nachfrage auch zusammenkommen.“ Die Kontakte zwischen den Unternehmen vermitteln die jeweiligen Arbeitgeberverbände. Gut möglich, dass etwa Arbeitskräfte vorübergehend von Bochumer in Dortmunder Betriebe wechseln, weil dort weniger Unternehmen am Automobilbau ausgerichtet sind. Bisher haben sechs Betriebe Interesse am Personalaustausch angemeldet.

Branchenübergreifender Austausch gewünscht

Die Arbeitgeberverbände an der Ruhr schätzen vorsichtig, dass sie so in diesem Jahr 150 bis 200 Jobs retten können. Doch es könnten viel mehr sein, würde die Idee auf andere Großregionen und auf andere Branchen übertragen. „Warum macht das nicht auch das Hotel- und Gaststättengewerbe?“, fragt Cantec-Chef Rolf Geide. Er wünscht sich sogar einen branchenübergreifenden Austausch. Dafür allerdings müsste der Gesetzgeber das AÜG ändern.

Missbrauchsmöglichkeiten wie beim Drogerieriesen Schlecker, der Stammkräfte als Leiharbeiter für weniger Geld neu anheuerte, gibt es keine. Beim Personalaustausch von Betrieb zu Betrieb werden weder Löhne gedrückt noch Tarifverträge umgangen. Es gibt auch keinen rein finanziellen Anreiz, Mitarbeiter von Betrieb zu Betrieb zu schicken.

Eine Grenze sieht Atlas-Copco-Chef Schoene: „Einem direkten Wettbewerber würde ich keine Fachkräfte ausleihen – da gilt es, Betriebsgeheimnisse zu wahren.“ Wer will schon Konkurrenten mit den eigenen Leuten zum Erfolg verhelfen?

Das könnte Bayern München passieren. Beim aktuellen Hauptgegner und Bundesliga-Tabellenführer Bayer Leverkusen ist Toni Kroos einer der Leistungsträger. Der Mittelfeldspieler kickt wie einst Hummels in Dortmund als Bayern-Leihgabe für die Werkself. Im Rückrundenspiel am 10. April in Leverkusen kann er seinem Stammverein den Weg zur Meisterschaft verbauen.

Vereinsboss Rummenigge hat schon klargestellt: Der verliehene Jungstar wird – obwohl die Leverkusener Kroos gerne behalten würden – in der nächsten Saison wieder für die Bayern antreten.

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