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Zeitarbeitsbranche Leiharbeit im OP-Saal

Die Umwandlung regulärer Stellen in Leihjobs bleibt erlaubt. Besser wird das Image der Zeitarbeitsbranche dadurch nicht.

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OP Quelle: Laif/Andre Zelck

„Schleckern“ könnte das Wort des Jahres werden. Immer wenn Unternehmen Stammbeschäftigte vor die Tür setzen und als billigere Leiharbeitnehmer wieder einstellen, heißt es inzwischen: die schleckern.

Berühmt und berüchtigt für diesen Missbrauch der Zeitarbeit wurde im Herbst 2009 Deutschlands größter Drogeriemarktbetreiber, der Unternehmer Anton Schlecker. Zwar schwor der schwäbische Patriarch der Methode inzwischen ab. Anfang Juni vereinbarten seine Unternehmen Schlecker AS und Schlecker XL mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, dass die 34.000 Beschäftigten künftig nach dem Einzelhandelstarif bezahlt werden und nicht mehr nach Leiharbeitstarif.

Doch geschleckert wird weiter – beim Reisekonzern TUI, beim Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr und bei vielen anderen Unternehmen, besonders massiv aber in privaten und öffentlichen Krankenhausgesellschaften und in gemeinnützigen Unternehmen wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Daran ändern auch die Versuche nichts, per Tarifvertrag oder Gesetz der Umgehung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes einen Riegel vorzuschieben. Beim näheren Hinsehen erweisen sich alle Paragrafen als zahnlose Tiger.

So haben der Bundesverband Zeitarbeit (BZA), der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) und der Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) in Branchentarifverträgen mit den Gewerkschaften strengere Regeln vereinbart: Unternehmen, die Mitarbeiter entlassen und über konzerninterne Zeitarbeitsfirmen weiter beschäftigen, müssen die Betroffenen künftig so bezahlen wie ihre Stammbelegschaft. Durch die Regelung – der finanzielle Anreiz entfällt – sei der Missbrauch des BZA-Tarifvertrags „für die Zukunft ausgeschlossen“, behauptet BZA-Präsident Volker Enkerts, der die Großen der Branche wie Adecco, Manpower und Randstad vertritt.

Doch die Praxis sieht anders aus. Marcus Schulz, Geschäftsführer des Branchensechsten USG People Germany und mit seinem Unternehmen ebenfalls BZA-Mitglied, warnt eindringlich: „Diese Klauseln taugen nur bedingt, um Umgehungstatbestände wirksam zu beseitigen.“

„Um Jahre zurückgeworfen“

Gestoppt werden durch die Tarifverträge allenfalls die extremen Varianten des Personaltricks: der sogenannte Drehtüreffekt, bei dem Mitarbeiter auf direktem Wege zu firmeneigenen Billigablegern verschoben und zurückgeliehen werden. Wer jedoch nicht einzelne Beschäftigte, sondern systematisch und im großen Stil frei werdende Stellen zu Zeitarbeitstöchtern verschiebt und dafür neue Leute einstellt, dem lassen die Tarifklauseln weiter freie Hand. An derselben Hürde scheitert auch der Gesetzentwurf, den das Bundesarbeitsministerium am vergangenen Dienstag vorlegte und der die „Einführung einer Drehtür-Regelung“ in Paragraf 3 des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) vorsieht.

Lobbyorganisationen und Manager der Zeitarbeitsfirmen haben eigentlich erkannt, welchen Imageschaden das Schleckern fürs eigene Geschäft bedeutet. „Das hat uns in der öffentlichen Wahrnehmung um Jahre zurückgeworfen“, sagt USG-Chef Schulz. Doch die Branche bekämpft den konzerninternen Verleih nur gebremst. Schließlich gehören allen drei Verbänden Unternehmen an, die selber schleckern. So zählt der BZA 16 Zeitarbeitstöchter diverser Kliniken sowie die Telekom-Zeitarbeits-Tochter Vivento Interim Services mit neun Regionalgesellschaften zu seinen Mitgliedern.

„Auch Gruner + Jahr schleckert“

Geschleckert wird also weiterhin. Das Deutsche Rote Kreuz mit seiner DRK-Kinderklinik in Siegen etwa verlagert systematisch reguläre Jobs in die Zeitarbeits-Tochterfirma Persana. Klinik-Geschäftsführer Jochen Scheel strebt an, dass am Ende der Personalmetamorphose allenfalls noch 60 seiner 750 Mitarbeiter direkt bei dem DRK-Krankenhaus arbeiten, und zwar „nur noch die Führungskräfte“.

„Schlecker auch bei Gruner + Jahr“ prangert der Betriebsrat des zu Bertelsmann gehörenden Hamburger Zeitschriftenverlages an: „G+J missbraucht die Regelung der Leiharbeit seit 2004.“

Die Arbeiterwohlfahrt Westliches Westfalen (AWO) in Dortmund steht mit vier eigenen Zeitarbeitsunternehmen im Bezirk inzwischen mächtig unter Druck. Ein Schlichter aus dem Landesarbeitsministerium versucht zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretern zu vermitteln. „Zu glauben, die AWO sei sozial und arbeitnehmerfreundlich, das kann man vergessen“, zürnt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende im Bezirk Westliches Westfalen, Detlev Beyer-Peters. AWO-Bezirksgeschäftsführer Wolfgang Altenbernd gibt jetzt nach und verfügt, dass seine Zeitarbeitstochter PSG nicht mehr wächst, sondern schrumpft: „Wir senken die Zahl der Beschäftigten in der PSG von 300 auf 180 ab.“

Schleckern lohnt kaum

Auch die Uniklinik Essen hinkt hinter ihrem Plan her. „Wir werden künftig nur noch Ärzte und Krankenschwestern fest einstellen“, verkündete ein Kliniksprecher noch im Herbst 2009, „ansonsten machen wir das über die PSG.“ In Zahlen hieß das, dass rund 3000 der 5500 Uniklinik-Mitarbeiter irgendwann als hauseigene Leihkräfte beschäftigt werden sollten. Tatsächlich sind es aber erst 250. Denn die Mitarbeitervertretung stimmt keiner einzigen Einstellung zu, die über die PSG läuft. Die Klinik muss jeden Einzelfall mühsam juristisch durchfechten.

Dass sich Schleckern kaum lohnt, weiß nun auch Schlecker. Imageschaden und leere Kassen machten den Konzern mürbe. Von Januar bis Ende April – als die Debatte hochkochte – brachen die Erlöse gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16 Prozent ein. Jeder zehnte Schlecker-Kunde ging zur Konkurrenz.

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