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Zugausfälle Riskante Sparpolitik sorgt für Chaos bei der Bahn

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Sapsan: Die russische Variante Quelle: REUTERS

Eigentlich dürfte es Zugausfälle wegen Minusgraden gar nicht geben. Züge stecken Temperaturen bis minus 25 Grad Celsius weg. Das Problem der Bahn: Sie „ist vielleicht gleich zuverlässig wie das Auto“, sagt Gabriel Haller, Wissenschaftlicher Leiter der Fahrzeugversuchsanlage RTA Rail Tec Arsenal in Wien, in der Züge in Klimakammern auf extreme Kälte und Hitze getestet werden, aber die Bahn sei in der Vergangenheit „nicht besser geworden“. Es müsse daher „noch mehr getan werden“, so sein Credo.

Wie sich fehlende Investitionen in Prävention und Qualitätssicherung auswirken können, zeigt der Eurostar zwischen Paris und London: „Die Versuche, die die entsprechenden Witterungsbedingungen nachgebildet hätten, sind aus Kostengründen abgesagt worden“, sagt Haller. Ein Wintercheck in der Wiener Klimakammer kostet 16.000 bis 25.000 Euro pro Tag – im Schnitt geben die Unternehmen 200.000 Euro pro Zug aus.

Eine durchaus lohnende Investition. Im Dezember bescherte der sogenannte Simplon-Effekt dem Fahrbetrieb des Eurostar ein abruptes Ende: Die bis zu 22 Grad Celsius warme Tunnelluft ließ den Schnee auf Zügen schmelzen und könnte Kurzschlüsse ausgelöst haben, da Leitungen zu eng zueinander liegen. Züge blieben im Tunnel stecken, Passagiere mussten evakuiert werden, der Schaden lag bei mehr als zehn Millionen Euro.

Bahn investiert in neue Wartungssysteme

Dass das nicht zu Problemen führen muss, zeigt der Sapsan, die russische Variante des ICE von Siemens. Temperaturen bis minus 40 Grad hält der Zug, der seit Dezember zwischen Moskau und Sankt Petersburg pendelt, stand. Der Betrieb laufe reibungslos, heißt es bei Siemens. So sorgt eine spezielle Ansaugvorrichtung dafür, dass Luft vom Dach über einen Kanal in die Aggregate am Unterboden geleitet wird. Der dadurch entstehende Überdruck verhindert, dass Schnee in die Technik eindringt. Eigentlich, verspricht Siemens, sollten auch ICEs der DB Temperaturen bis minus 25 Grad aushalten.

Inzwischen hat die Bahn auf erhöhten Wartungsbedarf reagiert. Der Konzern investierte in ein neues ICE-Werk in Leipzig und elf Ultraschallanlagen zur Prüfung der Radsatzwellen und unterzieht seine ICE-Flotte einer außerplanmäßigen Frühjahrsinspektion. Seit 2008 stellte sie 150 Mitarbeiter für die Wartung ein.

Die personelle Verstärkung kommt den Gewerkschaften recht. Sie kritisieren seit Monaten Personalmangel und wünschen sich alte Zeiten zurück. Damals saß „auf jedem Bahnhof und jedem Stellwerk ein Mensch“, sagt GDBA-Chef Hommel. Da gab es eine Schneebereitschaft. War die Weiche verschneit, wurde freigeschaufelt. „Wenn heute irgendwo eine Schneewehe in der Weiche ist, ist der nächste Mensch 50 Kilometer entfernt.“

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