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Zugsausfälle Bahn fahren: Die moderne Odyssee

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Eigentlich eine kurze Stippvisite

Ein Mitarbeiter eines Quelle: dpa

Essen Hauptbahnhof, Montag 12:30 Uhr: Es sollte eigentlich nur eine kurze Stippvisite werden. Raus aus der Redaktion, kurzes Treffen in der Essener City und dann zurück in die Redaktion nach Düsseldorf. Doch als ich mittags auf  Gleis 1 oder 2 mit dem erstbesten Zug Richtung Duisburg/Düsseldorf zurückfahren wollte, ging gar nichts mehr. Die schwarzen Wolken und die heftigen Sturmböen hatte ich selbst gesehen. Doch welchen Schaden sie angerichtet hatten, blieb lange unklar.

Fünf Stunden harrte ich mit tausenden Bahn-Fahrern aus - aber bis auf die ständig wiederkehrenden Lautsprecher-Durchsagen, dass der gesamte Bahnverkehr in NRW zusammengebrochen sei, passierte nichts. Die Redaktion hätte längst eine Vermisstenanzeige aufgeben müssen. Besonders nervtötend war, dass es keine Informationen gab, wie groß die Schäden auf der Strecke waren und wie lange eine Reparatur dauert. Selbst hilfsbereite Schaffner kamen nicht zur Bahn-Leitstelle durch. Meine Frage, ob man von Duisburg besser wegkomme, konnte niemand beantworten.

Gegen 17.30 Uhr war meine Geduld zu Ende und ich beschloss, mit den völlig überfüllten Straßenbahnen mein Glück zu versuchen. Mit Umsteigen in Mülheim Hbf und Duisburg Hbf schaffte ich es schließlich in zweieinhalb Stunden in völlig überfüllten U-Bahnen bis Düsseldorf Hbf. Gegen 22 Uhr war ich dann zu Hause in Köln. Der Intercity, der mit aufgabelte, sollte eigentlich um 13.08 Uhr abfahren und hatte über sieben Stunden Verspätung. Die Passagiere waren völlig dehydriert. Denn die Getränkereserven vom Bistro waren schon nach kurzer Zeit aufgebraucht.    

Jürgen Berke

Nicht besser als in San Salvador, aber sauberer

Düsseldorf, Montag 17:15 Uhr: Dass es ein langer Heimweg werden würde, ahnte ich bereits, als ich die weißlich flackernden elektronischen Banderolen auf der großen Anzeigetafel des Düsseldorfer Bahnhofs sah. Ich hatte einen Frühdienst hinter mir, war also früher dran als sonst: 17.15 Uhr zeigte die Bahnhofsuhr, Verspätungen von 60 Minuten oder mehr verkündeten die Banderolen. Etwas mutlos ging ich zum Bahnsteig 16, dort, wo mein Regionalexpress Richtung Köln sonst immer abfährt. Auf den Gleisen standen zwei Züge. Sie sollten Richtung Berlin und Richtung Essen fahren, doch sie bewegten sich 20 Minuten nicht vom Fleck.Ringsum rollte nur das Chaos langsam an. Zuerst fielen die Anzeigentafeln auf den Bahnsteigen aus. Als ich dann zum großen Display in der Haupthalle eilte, war dort alles weiß. Die Bahn hatte die Anzeige einfach abgeschaltet. Dutzende Menschen drängten sich um den Infoschalter. Hunderte hasteten den Hauptgang entlang. Dann begannen die Lautsprecherdurchsagen, welche Züge auf welches Gleis verlegt würden, unmissverständlich unverständlich. Es war Szenen wie auf einem indischen Provinzbahnhof - nur dass es dort keinen McDonald’s gibt. Ich traf die beste Entscheidung dieser langen Heimreise: Ich ging ins Multiplex-Kino nebenan und schaute mir passend zur allgemeinen Stimmung den Streifen „Please Give“ an. Der Film war ebenso wenig erbaulich wie das Krisenmanagement der Bahn. Als ich dann um 18.30 wieder Richtung Anzeigentafel ging, war diese immer noch ausgefallen, und der Lautsprecher quäkte alle paar Minuten.

Nach Hause fuhr ich letztlich in einem Intercity, der eine Stunde Verspätung und eine ausgefallene Klimaanlage hatte. Immerhin hatte ich mich schon im Multiplex-Kino gut abgekühlt. Kurz nach 20 Uhr war ich in meiner Wohnung. Am Abend las ich noch ein wenig in Paul Therouxs Reiseklassiker „Der alte Patagonien-Express“. Darin beschreibt der Autor seine Eisenbahntour von Boston nach Feuerland. Erkenntnis: In Deutschland ist Bahnfahren nicht unbedingt besser als in San Salvador – aber etwas sauberer.

Wilfried Eckl-Dorna

Anlaufpunkt Bordrestaurant

Köln, Samstag 11.07.2010, 9:10 Uhr: Die Fahrt mit dem "IC 2310" nach Osnabrück wollte ich gerne mit einem frischen Kaffee beginnen. Doch im Bordrestaurant war die Kaffeemaschine defekt. Es gab überhaupt keine Heißgetränke. Witzigerweise wollten gleich vier Fahrgäste zusätzlich zu ihrem Kaffee auch ein Wasser mit Kohlensäure bestellen, doch auch das war nicht vorrätig. Immerhin gab es Vittel ohne Blubberblasen. Zur großen Freude der Fahrgäste im Bordrestaurant kam später ein Verkäufer des Snack-Express, der im Bordrestaurant mit seinen Kaffeekannen reißenden Absatz fand. Allerdings kam der erst nach zwei Stunden Fahrt - kurz vor Osnabrück.

Osnabrück, Sonntag 11.07.2010, 16:37 Uhr: Um dem hohen Andrang im Sonntagsreiseverkehr von vorne herein aus dem Weg zu gehen, nutze ich gerne das Bordrestaurant, in dem sich normalerweise immer freie Sitzplätze finden. Die gab es im IC 2213 auch, allerdings bei wenig angenehmen Innentemperaturen von geschätzten 40 Grad. Grund: Die Klimaanlage war defekt. Immerhin: Andere Abteile waren gut gekühlt, in die ich nach einer dreiviertel Stunde Fahrt ausweichen konnte. 

Christian Schlesiger

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