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Zugsausfälle Bahn fahren: Die moderne Odyssee

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Abenteuer im halben ICE

Weil die Klimaanlage Quelle: dpa

Stendal, Montag 16:40 Uhr: Gleich hinter Berlin-Spandau fing es an, wärmer zu werden im ICE. Das heißt, in dem überfüllten halben ICE, denn die andere Hälfte war schon in Berlin-Ostbahnhof ausgefallen. Als der Zug dann notgedrungen in Stendal hielt, hatte eine Gruppe Luxemburger Jugendlicher nur noch Badesachen an, alles fächelte sich stickige Luft zu, die Sirenen heulten schon. Sogar junge, gesunde Menschen lagen käsebleich auf dem Bahnsteig und wurden versorgt.

Nach über einer Stunde kam ein Ersatzzug. Auf der Strecke von Stendal bis Düsseldorf hielt er noch zweimal für jeweils über 30 Minuten: „Sehr geehrte Fahrgäste, wir haben momentan leider keinen Zugführer.“ Auch Schaffner ließen sich während der Fahrt nicht blicken. Vom Höllenzug in den Geisterzug.

Als Trostpflaster zahlt die Deutsche Bahn die Hälfte des Fahrpreises zurück. Für eine Stunde schwitzen, zweieinhalb Stunden Verspätung, eine Viertel Stunde Formular ausfüllen und eine dreiviertel Stunde im Reisezentrum anstehen gibt das (bei einer Fahrkarte Berlin-Düsseldorf mit BahnCard50) 23,50 Euro zurück – ein magerer Stundenlohn.

Annika Reinert

Tour de France

Düsseldorf, Freitag 10.07.2010, 17:40 Uhr: Mit neidischem Auge schielen die schwitzenden Passagiere in den deutschen ICE angeblich nach Frankreich, wo die TGV wie rasende Eisschränke der Hitze trotzend die Passagiere erfrischend befördern. Wer sich jedoch einer Tochter der französischen Keolis-Gruppe, deren Hauptaktionär wiederum die französische Bahngesellschaft SNCF ist, in Deutschland anvertraut, dem schwindet rasch das Vertrauen in überlegene Klimatechnik aus Gallien. Die Klimaanlage einer Eurobahn zwischen Hamm und Venlo gab vergangenen Freitag genauso den Dienst auf, wie die der ICEs. Es transpirierten die Passagiere, wie es sich die Fans der Les Bleu wohl von den Fußballspielern in der Vorrunde der WM gewünscht hätten. Allein - es half nichts, denn die Fenster waren verriegelt und nur ein Fahrgast versuchte mit einer Plastikarte, die Schlösser zu überwinden. Einen Schaffner, dem man sein Leid hätte klagen können, sah man erst gar nicht - wer mag sich auch schon einer schwitzenden, verärgerten Masse gegenüberstellen und noch nach den Tickets fragen.

Thorsten Firlus

Ohne Zusatzticket

Düsseldorf, Dienstag 17: 35 Uhr. Der nächste Zug nach Köln hat 40 Minuten Verspätung, die S-Bahn fällt wegen Unwetter ganz aus. Frage an den Bahnbediensteten, ob der ICE bis Köln freigegeben ist. Antwort: "Nein." Warum nicht? "Das hat die Transportleitung so entschieden." Punkt. Mehrere entnervte Menschen steigen trotzdem in den ICE und sind fest entschlossen, kein Zusatzticket zu bezahlen.

Stephanie Heise

Klartext von der Schaffnerin

Montabaur/Siegburg, Sonntag, 16:55 Uhr: Seit dem späten Nachmittag bin ich Besitzer eines Reisegutscheins der Deutschen Bahn. Er soll eine Art Wiedergutmachung sein, mit der sich die Bahn für meine Geduld bedankt. Dabei hatte sie diesmal gar nicht schuld an der zweistündigen Verspätung des ICE. Zwischen Montabaur und Siegburg im schönen Westerwald war es einem Lebensmüden eingefallen, sich vor den Zug zu werfen. Es kam zu einer dieser plötzlichen Bremsvorgänge, auf die dann die einschlägige Durchsage folgt: Wegen eines „Personenunfalls“ komme es zu einer Fahrtunterbrechung „auf unbestimmte Zeit“. Es gehört zur Sprachregelung der Bahn, dass die traurige Wirklichkeit nicht beim Namen genannt wird – womöglich, um Nachahmungen vorzubeugen. Sie spricht lieber von „Notfallmanagement“. Nur die Schaffnerin, die die Gutscheine verteilte, sprach Klartext: Einem Fahrgast, der sich über die Verzögerungen mokierte, empfahl sie, sich doch bitte beim Lokführer oder, noch besser, beim Selbstmörder zu beschweren.

Christopher Schwarz

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