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US-Aktien Ritt auf der Rasierklinge

In der Nacht hat Google seine Quartalszahlen veröffentlicht. Skeptiker fühlen sich bestätigt. Doch die Analysten empfehlen die Aktie weiter zum Kauf. Diese Haltung ist derzeit symptomatisch für den US-Aktienmarkt.

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Quelle: Getty Images

Düsseldorf Google ist eine Geldmaschine. Kein Konkurrent kann mit den Bilanzkennzahlen mithalten, die Google seinen Aktionären 2015 präsentiert hat. Google setzte im vergangenen Jahr 65,83 Milliarden Dollar um, die operative Gewinnmarge lag bei 25,4 Prozent, die Nettogewinnmarge bei unglaublichen 21,2 Prozent. Die Zahlen aus dem ersten Quartal 2015 sind immer noch gut, doch die Rückgänge bei den sogenannten Paid Clicks, negative Währungseinflüsse, sinkende Margen und der Rückgang beim Cashflow geben den Skeptikern Recht: Grenzenloses Wachstum sieht anders aus.

Trotzdem bleibt Google auf den Kauflisten der Analysten. Die Kaufempfehlungen überwiegen deutlich, Verkaufsempfehlungen sucht man vergeblich. Das Motto lautet eher: Jetzt nachkaufen! Diese Haltung ist symptomatisch für den US-Markt in diesen Tagen. Die mahnenden Stimmen gehen unter.

Dabei gibt es Grund zur Skepsis. Die historischen Kursverläufe der US-Aktienindizes S&P 500 und Nasdaq geben zu denken. Seit März 2009 hat sich der Wert des S&P 500 fast verdreifacht. Der Wert des Nasdaq-Index hat sich in dieser Zeit sogar vervierfacht. Ernsthafte Korrekturen gab es keine. Nicht zuletzt deshalb werden immer mehr Stimmen laut, die den ungebremsten Kursaufschwung kritisch hinterfragen – und davor warnen, dass es bald vorbei sein könnte mit der US-Aktienrally.

Die Hausse am Aktienmarkt, so der Tenor, ist eher ein Ausdruck von Verzweiflung: Anleihen fallen aufgrund der Niedrigzinspolitik der US-Notenbank als Renditebringer aus. Aktien erscheinen deshalb als letzte Zuflucht vor der Negativrendite. Doch spiegelt der Run auf US-Aktien die Entwicklung der Konjunktur wieder? Schließlich hat sich die US-Wirtschaftsleistung seit 2009 nicht verdreifacht – oder gar vervierfacht. Und es sieht auch nicht so aus, als sich ob die USA in den kommenden Monaten mit neuem Schwung zur Weltkonjunkturlokomotive entwickeln würden.

So hat unter anderem die Federal Reserve Bank of Atlanta ihre Schätzung für das reale Wachstum der US-Wirtschaft im ersten Quartal 2015 auf null reduziert. Noch im Februar hatten die Ökonomen ein Wachstum von plus 2,3 Prozent prognostiziert. Fakt ist: Rechnet man die Ausgabensteigerungen durch die Reform des Gesundheitswesens („Obamacare“) heraus, bleibt schon fürs vergangene Jahr nur ein Nullwachstum übrig.

Die US-Wirtschaft tritt auf der Stelle. Gleichzeitig bleibt die Risikoneigung der Börsianer hoch: Die Volumina der auf Kredit gekauften Aktien an der New Yorker Börse NYSE haben im Februar mit rund 466 Milliarden US-Dollar ein neues Allzeithoch erreicht. Seitdem stagniert das Kreditvolumen. In den Jahren 2000 und 2007 folgte einem Rückgang des Kreditvolumens jeweils eine heftige Korrektur an den Aktienmärkten. Noch läuft die Aktien-Rally. Die Frage drängt sich auf: Wie lange noch?


Experten sind nur noch vorsichtig optimistisch

„Natürlich sollte man die Risiken nicht übersehen“, sagt Jakob Penndorf, Vermögensverwalter bei Gebser & Partner in Frankfurt. „Der zuletzt im Außenhandelswert gestiegene Dollar macht es den US-Firmen nicht leichter, ihre Waren zu exportieren. Und der starke Rückgang des Ölpreises trifft den Energiesektor in den USA empfindlich“, so Penndorf. Auch seien US-Unternehmen vergleichsweise hoch bewertet. Das sogenannte Shiller-KGV, das den Durchschnitt der Kurs-Gewinn-Verhältnisse aus den vergangenen zehn Jahren berechnet, notiert derzeit für S&P 500-Unternehmen bei 27 Punkten, einem historisch hohen Wert.

„Solch einen Wert gab es zuletzt in den Jahren 1929 und 2000, jeweils vor dem Crash“, so Penndorf. Doch bei solchen Statistiken solle man auch vorsichtig sein, sagt der Vermögensverwalter. „Das Zinsniveau bewegt sich ebenso wie die Inflation in den USA mehr oder weniger auf der Nulllinie. Das ist in der Vergangenheit so noch nicht vorgekommen“, so Penndorf. Auch der starke US-Dollar sei nicht für alle US-Unternehmen gleich schädlich. „Hewlett Packard oder Apple etwa machen jeweils etwa Zweidrittel ihres Umsatzes außerhalb der USA. Doch im Durchschnitt erzielen S&P 500 Unternehmen nur ein Drittel ihrer Umsätze im Ausland und zwei Drittel im Binnenhandel“, so Penndorf.

Der Experte für US-Aktien ist optimistisch. „Wir erwarten in den kommenden Sommer-Monaten eine Fortsetzung der Aktienhausse“, so Penndorf. In der zweiten Jahreshälfte sollten Anleger jedoch vorsichtig agieren und den Markt gut im Blick behalten. Glaubt man den Statistiken, könnte der Kursauftrieb bei S&P 500-Aktien dann nämlich wieder an Schwung verlieren.

„Im kommenden Jahr wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. In den vergangenen Dekaden war die zweite Jahreshälfte vor einem Wahljahr für die Börsen meistens sehr schwierig“, so Penndorf. Einen Crash erwartet der Vermögensverwalter aber nicht. „Unterm Strich sollte der S&P am Ende des Jahres eine positive Jahresperformance aufweisen“, ist Penndorf überzeugt.

„Geht man nach dem Gefühl vieler Anleger, sind US-Aktien immer zu hoch bewertet. Das ist eben der Preis für den amerikanischen Optimismus. Davon können wir aber noch viel lernen“, sagt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Bisher habe die US-Notenbank vieles richtig gemacht. Die Politik des billigen Geldes sei lange Zeit erfolgreich gewesen, das Anleihen-Aufkaufprogramm sei wie angekündigt beendet worden, ohne die Märkte zu beunruhigen.

„Jetzt geht es für die Fed darum, auch zinspolitisch glaubwürdig zu bleiben. Sie wird also vermutlich frühestens im September eine Zinswende einleiten, deren Namen aber eigentlich Zinswendchen sein sollte und daher den Namen eigentlich nicht verdient und deshalb keinen Schaden anrichtet“, so Halver. Sprich: Mit einer einmaligen Zinserhöhung um 25 Basispunkte könnte die US-Notenbank ein symbolisches Zeichen setzen, ohne die US-Wirtschaft komplett auszubremsen. „Vielleicht wird die Volatilität an den US-Börsen im Herbst etwas steigen. Von einem Crash sind wir aber weit entfernt“, ist Halver überzeugt. Damit würde auch ein den amerikanischen Export behindernder, zu massiver Höhenflug des US-Dollar gegenüber dem Euro nicht nachhaltig befeuert.


Kursschwankungen könnten zunehmen

Noch steigen die Aktienkurse in Europa derzeit schneller als in den USA, die europäischen Aktienmärkte ziehen das Geld geradezu magisch an. Das ist unter anderem an den Kapitalströmen in Europa gehandelter ETFs abzulesen: So flossen im März netto 2,2 Milliarden Euro aus US-Aktien-ETFs ab. Gleichzeitig stieg das Marktvolumen von ETFs auf europäische Aktien um 2,3 Milliarden Euro, davon 1,75 Milliarden im Euro-Raum. Es ist fast eine eins-zu-eins Umverteilung.

„In den vergangenen Monaten wurde auch viel Geld aus den USA nach Europa gepumpt. Aber das muss nicht von Dauer sein“, sagt Thomas Heidel vom Vermögensverwalter Fidal in Krefeld. Sein Argument: Anlagen in einem schwachen Euro sind auf Dauer für Anleger nicht attraktiv. „In den vergangenen zwölf Monaten ist der Dax um rund 27 Prozent gestiegen. Das hört sich erst einmal toll an. Aber im gleichen Zeitraum hat der Euro fast 23 Prozent gegenüber dem Dollar an Wert verloren. Aus Sicht eines US-Anlegers ist das Ergebnis ernüchternd“, so Heidel.

Auch an den Anleihemärkten sei der Effekt auf Dauer spürbar. „Warum sollte ich mir als Investor Bundesanleihen ohne Rendite mit einer Weichwährung ins Depot legen, wenn ich dafür US-Staatsanleihen in einer harten Währung haben kann, die mir neben dem Zins auch noch Währungsgewinne bescheren“, fragt Heidel. Der US-Dollar, so steht für den Vermögensverwalter fest, wird gegenüber dem Euro immer mehr zur Fluchtwährung werden. Die Entwicklung werde noch an Dynamik gewinnen – und der S&P 500 weiter steigen.

Dass es derzeit viele kritische Stimmen gebe, die vor einer starken Korrektur an den US-Börsen warnen, sieht Heidel positiv: „Es ist gut, wenn noch keine grenzenlose Euphorie herrscht und die Überzeugung, dass Aktienkurse nur noch steigen können, wie es 2000 beim Internet-Hype der Fall war.“ Denn erfahrungsgemäß sei Euphorie die letzte Stufe vor dem Crash.

Anleger, die davon ausgehen, dass sich die US-Börsen in den kommenden Monaten gut entwickeln werden, können in Index-Zertifikate und ETFs auf den S&P 500 setzen. Dazu zählt zum Beispiel ein ETF von iShares (WKN 622391) oder db x-trackers (WKN DBX0F2) – wobei der ETF von der Deutschen Bank eine nur halb so hohe Gesamtkostenrate ausweist wie das Konkurrenzprodukt von iShares. Anleger, die eher einen Seitwärtstrend bei US-Aktien erwarten, können mit Bonuszertifikaten trotzdem zweistellige Rendite erzielen.

Beispiel: ein Bonuszertifikat von der Société Générale auf den S&P 500 (WKN SG9XPC). Die Laufzeit endet am 18.12.2015. Sofern der S&P 500 bis zu diesem Zeitpunkt nicht die Barriere von 1.860 Punkten unterschreitet, lockt am Ende eine Rendite von mindestens zehn Prozent. Das sind 15,4 Prozent per annum. Die Bonusschwelle liegt bei 2.580 Punkten. Es gibt jedoch keine Gewinnbeschränkung. Sollte der Index über die Marke von 2.580 Punkten hinaus steigen, sind deshalb weitere Gewinne möglich. Das Zertifikat hat keine Währungsabsicherung.



Defensivere Anlageprodukte

Angesichts des schwachen Euros erscheint dies auch unnötig. Eine etwas defensivere Anlage ist ein Discountzertifikat auf dem S&P 500, herausgegeben von HSBC Trinkaus (WKN TD1CW8). Das Papier bietet bis zum Laufzeitende am 21.12.2015 eine maximale Rendite von 4,16 Prozent (6,34 Prozent per annum). Damit diese Maximalrendite erreicht wird, darf der S&P 500 am 21. Dezember nicht unter 2000 Punkten notieren.

Eine negative Rendite kann bei diesem Zertifikat erst dann entstehen, wenn der Index am Stichtag mehr als 8,6 Prozent verloren haben wird – und der Euro zum Dollar stabil bleibt. Anleger, die beim US Technologie-Index Nasdaq auf eine Fortsetzung des Aufschwungs hoffen, haben die Auswahl unter mehreren ETFs, darunter ein Nasdaq ETF von Lyxor (WKN 541523) und ComStage (WKN ETF011). Anleger, die Google im Depot haben wollen, müssen sich übrigens nicht zwischen S&P 500 oder Nasdaq entscheiden: Die Internetsuchmaschine ist in beiden Indizes gelistet.

Fazit: Die USA bleiben als Anlagemarkt für Aktionäre weiterhin attraktiv. Vor allem der gegenüber dem Euro starke US-Dollar lockt europäische Anleger mit der Perspektive auf Währungsgewinne. Ein Selbstläufer ist eine Investition in S&P Aktien, ETFs und Zertifikate jedoch nicht. Der US-Markt ist schon gut gelaufen.

Eine Korrektur, verbunden mit höherer Volatilität an den US-Märkten in der zweiten Jahreshälfte ist nicht ausgeschlossen. Zudem lief es in der Vergangenheit jeweils in der zweiten Jahreshälfte vor einem Präsidentschaftswahljahr meistens nicht so gut an den US-Börsen. Deshalb: Wer jetzt bei US-Aktien Gas gibt, sollte das mit angeschnalltem Sicherheitsgurt tun.

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