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US-Aktienmarkt Warum ein starker Dollar stört

Die USA wollen nicht nur der weltweit größte Binnenmarkt, sondern wieder Exportnation von Weltrang sein. Dazu passt kein starker Dollar. Und deswegen wird es nur ein Zinswendchen geben. Das bietet Anlegern neue Chancen.

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Mit dem derzeit starken US-Dollar können sich die Unternehmen jenseits des Atlantiks nicht anfreunden. Quelle: Getty Images

Düsseldorf Die Finanzkrise, made in USA, scheint abgehakt: Die US-Wirtschaft hat seit 2009 ihr Exportvolumen um 50 Prozent gesteigert, zunehmend angetrieben von immer mehr Öl und Gas aus dem eigenen Boden, „Fracking“ sei Dank. Heute sind die USA der größte Öl- und Gasproduzent weltweit.

Ein weiterer wichtiger Treibstoff für das Wirtschaftswachstum und die stetig steigenden Börsenkurse in den vergangenen Jahren war die Politik des billigen Geldes, einst ausgerufen vom ehemaligen Notenbank-Chef Alan Greenspan, und konsequent fortgeführt von seinen Nachfolgern Ben Bernanke und Janet Yellen.

Seit mittlerweile mehr als sechs Jahren schon belässt die US-Notenbank Fed den Schlüsselzinssatz auf dem historisch niedrigen Niveau von null bis 0,25 Prozent. Die Wirtschaft hat es mit der Rückkehr zu mehr Wachstum und sinkenden Arbeitslosenzahlen gedankt.

Die Erfolgsgeschichte hat allerdings einen Schönheitsfehler: Irgendwann muss der Geldhahn schließlich auch wieder zugedreht werden. Sonst drohen irgendwann eine Überhitzung der Konjunktur, hohe Inflation und schließlich Rezession. Die niedrigen Zinsen haben bereits zu einer Inflation von Vermögenswerten geführt. So stieg der Wert des Aktienindex S&P 500 seit der letzten Zinssenkung im Dezember 2008 von damals 880 auf aktuell rund 2080 Punkte.

Auch am US-Immobilienmarkt hat die Politik des billigen Geldes ihre Spuren hinterlassen: Ein neues Einfamilienhaus in den USA ist heute im Durchschnitt teurer als vor dem Ausbruch der Finanzkrise vor sechseinhalb Jahren. Die Fed beobachtet diese Entwicklungen genau – und wartete bisher geduldig ab. „Patience“, Geduld, ist das Zauberwort, mit dem Janet Yellen bisher in den Presseerklärungen nach der jeweiligen Notenbanksitzung eine Zinswende immer wieder hinausgeschoben hat.

Am Mittwoch, zum ersten Mal, fehlte das Wort in ihrer Erklärung. Für Börsianer war dies ein wichtiges Zeichen. Angesichts der aktuellen Konjunkturdaten stellt sich jedoch die Frage: Welches Zeichen genau wollte Yellen setzen? „Die jüngsten US-Wirtschaftsdaten, die vergangene Woche veröffentlicht wurden, sind alles andere als berauschend“, sagt Markus Steinbeis, von der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung in München.


Auch der Immobilienmarkt schwächelt

„Das Momentum ist raus, seit Monaten sind die veröffentlichten Kennzahlen zur US-Konjunktur schwächer als die vorherige Erwartungshaltung“, so Steinbeis. So fielen zuletzt die Erzeugerpreise um 0,5 Prozent und die US-Einzelhandelsumsätze um 0,6 Prozent. Erwartet wurde jeweils ein Anstieg von 0,3 Prozent. Für ein Land, dessen tragende wirtschaftliche Säule der Binnenkonsum ist, sind das erschreckend schwache Werte.

Auch der Immobilienmarkt schwächelt. Die Baubeginne sind in den USA im Februar um 17 Prozent gefallen. Das ist vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache ein Problem, dass sich viele Eigenheim-Käufer überschuldet haben. Etwa jeder fünfte Eigenheimbesitzer hat einen Kredit zu tilgen, dessen Wert mittlerweile nicht mehr vom Verkaufspreis seines Hauses gedeckt ist.

Da in den USA viele Kredite variabel verzinst sind, würde eine Zinserhöhung viele Verbraucher in Bedrängnis bringen, zusätzlich Kaufkraft entziehen und in der Folge negativ auf die Binnenkonjunktur durchschlagen. „Ein positiver Aspekt sind zwar die starken Zahlen aus dem Arbeitsmarkt. Doch das ist ein nachlaufender Indikator. Negative Entwicklungen machen sich hier erst zeitversetzt bemerkbar“, so Steinbeis.

Ein weiterer Punkt ist der erstarkte US-Dollar, der die eigene Exportwirtschaft derzeit eher schwächt. Schon auf die Ankündigung einer möglichen Zinserhöhung regierten die Märkte sofort und zeigten an, wohin die Richtung tatsächlich gehen könnte: Der Eurokurs stieg im Verlauf des Mittwoch zwischenzeitlich bis auf 1,1034 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit zwei Wochen. US-Unternehmen wünschen sich jedoch eher einen schwachen Dollar.

„Die Notenbank ist in der Zwickmühle. Einerseits spielt sie seit Monaten mit der Ankündigung, vielleicht die Zinsen zu erhöhen. Ein nachhaltiger Zinserhöhungszyklus wie beispielsweise zwischen 2004 und 2006 ist aber unmöglich, da ansonsten die größte Anlageblase aller Zeiten, nämlich die Anleiheblase, platzt. Dagegen wäre das Platzen der Immobilienblase 2008 ein Kindergeburtstag gewesen. Die Notenbank kämpft deshalb im Moment vor allen Dingen um ihre Glaubwürdigkeit“, analysiert Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.


"Technologie-Aktien haben noch Luft nach oben"

„Der Königsweg, um sich aus dem Dilemma zu befreien, in dem sich die Fed befindet, besteht darin, aus der großen Zinswende ein kleines Zinswend-chen zu machen. Dann ist die Katze aus dem Sack, und es kehrt erstmal Ruhe ein“, so Halver. Sprich: Mit einer einmaligen Zinserhöhung um 25 Basispunkte, frühestens im Juni, könnte die US-Notenbank ein symbolisches Zeichen setzen, ohne die US-Wirtschaft komplett auszubremsen. Auch der Höhenflug des US-Dollar gegenüber dem Euro würde nicht nachhaltig befeuert.

„Der starke Dollar gibt der Fed einen guten Grund, mit dem Zinsschritt noch etwas zu warten. Wir erwarten deshalb, dass die US-Notenbank vermutlich erst im September die Zinsen anheben wird, und dann tatsächlich auch nur um 25 Basispunkte“, sagt Andreas Schenk von der Performance IMC Vermögensverwaltung in Mannheim. Ein Effekt des hinausgezögerten Zinsschritts könnten steigende Aktienkurse an den US-Börsen sein. „In der Vergangenheit sind die Kurse in Erwartung einer Zinserhöhung oftmals gestiegen“, so Schenk.

Gerade bei Technologieaktien sieht der Vermögensverwalter noch Chancen. „Nasdaq 100-Aktien werden im Durchschnitt, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, höher bewertet als die Aktien im S&P 500. Der Abstand ist aber in der letzten Zeit deutlich geschrumpft. Da ist noch Luft nach oben“, so Schenk.

Auch bei den US Energieunternehmen sieht Schenk Perspektiven: „Durch die gesunkenen Preise für Gas und Öl kommt es derzeit zu einer Konsolidierung in der Branche. Hoch verschuldete Unternehmen kommen bei einer Zinserhöhung zusätzlich unter Druck. Große Konzerne mit solider Bilanz werden gestärkt aus dieser Situation hervorgehen“, ist Schenk überzeugt.

Auch Banken und andere Finanzdienstleister würden von einem Zinsschritt profitieren. „Ein angekündigter kleiner Zinsschritt in einigen Monaten, auf den sich die Marktteilnehmer in Ruhe einstellen können, könnte dem US-Aktienmarkt also noch einmal Auftrieb geben. Und damit meine ich nicht einen Schlussspurt, sondern eine langfristige Aufwärtsbewegung über Jahre hinweg“, so Schenk. Ein Starker Dollar ist nach Überzeugung des Vermögensverwalters für die US-Wirtschaft dabei kein großes Problem. Sein Argument: Zwei Drittel der Umsätze der S&P 500 Unternehmen werden im Binnenhandel erzielt.

Anleger, die davon ausgehen, dass die US-Börsen in den kommenden Monaten gut performen werden, können in Index-Zertifikate und ETFs auf den S&P 500 setzen. Dazu zählt zum Beispiel ein ETF von iShares (WKN 622391) oder db x-trackers (WKN DBX0F2) – wobei der ETF von der Deutschen Bank eine nur halb so hohe Gesamtkostenrate ausweist wie das Konkurrenzprodukt von iShares. Auch für den US Technologie-Index Nasdaq gibt es mehrere ETFs, unter anderem von Lyxor (WKN 541523) und ComStage (WKN ETF011).


"Bleiben Sie gelassen"

Anleger, die auf Kursanstiege im US-Banken-Index hoffen, können unter anderem in ein Index-Zertifikat von der BNP Paribas auf den S&P Banks Index investieren (WKN AA04LQ). Fokussiert auf die US-amerikanische Öl- und Gas-Förderbranche ist der ETF iShares Oil & Gas Exploration & Production (WKN A1JS9C). Rund 60 Prozent der Unternehmen, deren Wertentwicklung der ETF abbildet, sind US-Firmen, 19 Prozent kommen aus Kanada, der Rest verteilt sich weltweit.

Die Konsolidierung des Marktes ist hier bereits zu besichtigen. Nach einem scharfen Kurseinbruch aufgrund der nachgebenden Ölpreise hat der ETF in den vergangenen drei Monaten wieder rund 13 Prozent an Wert zugelegt. Ein weiteres Beispiel sind zwei ETFs von Lyxor (WKN LYX0GK) und der Deutschen Bank (WKN DBX0HC) auf den MSCI World Energy Index, der die Wertentwicklung von Aktien rund um die Ölindustrie weltweit nachvollzieht. Die Indexschwergewichte sind ExxonMobil, Chevron, Royal Dutch Shell, BP, Schlumberger und Total. Allein diese sechs Werte machen 45 Prozent des Index aus.

Im Zweifelsfall setzen Freunde der Aktie im Bereich Energie einfach auf den Giganten unter den Riesen: ExxonMobil. Der nach Marktkapitalisierung größte Ölkonzern weltweit verdient derzeit aufgrund des vergleichsweise niedrigen Ölpreises weniger als in den vergangenen Jahren, aber immer noch gut genug, um jetzt vielleicht kleinere Konkurrenten zu übernehmen. Der Konzern hat sehr gute Chancen, gestärkt aus der aktuellen Konsolidierungsphase der Ölförderer hervorzugehen.

Fazit: Der Vorstoß der US-Notenbank, vielleicht in den kommenden Monaten den Leitzins zu erhöhen, kommt für alle Beteiligten zur unrechten Zeit. Vielleicht hält sich die Reaktion an den Börsen deshalb auch in Grenzen. Die Richtung ist jedoch klar zu erkennen: US-Aktien und der Dollar stiegen nach Bekanntgabe der aktuellen Zinspolitik – und das nur, weil die Fed in ihrer geldpolitischen Mitteilung am Mittwoch den bisher genutzten Passus, bei der geplanten Normalisierung der Geldpolitik „geduldig“ zu sein, gestrichen hatte.

US-Notenbankchefin Janet Yellen hat sich jedoch eine Hintertür offen gehalten: Die Streichung des Wortes „Geduld“ bedeute nicht, dass eine Entscheidung über den Zeitpunkt einer Zinserhöhung gefallen sei, sagte Yellen. Es „bedeutet nicht, dass wir ungeduldig sein werden“. Für Anleger bedeutet das: Bleiben Sie gelassen!

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