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US-Notenbank Bye, Bye, Janet

Zum Ende ihrer Amtszeit spricht Fed-Chefin Janet Yellen über künftige Schritte in der Geldpolitik und fordert mehr Frauen in den Wirtschaftswissenschaften.

Fed-Chefin Janet Yellen bei einer Diskussion an der New York University, moderiert von Mervyn King. Quelle: AP

New YorkJanet Yellen ist eigentlich kein Typ für spontane Entscheidungen. Die Chefin der US-Notenbank Federal Reserve hat den Ruf, stets gut vorbereitet zu sein, und vor einer Entscheidung alle Seiten gründlich zu durchdenken. In ihrem Privatleben ist das offenbar anders

„Ich habe mich schon nach sechs Wochen verlobt“, verrät Yellen bei einem Gespräch vor Studenten der New York University (NYU), die spontan applaudieren. Die Notenbank-Chefin hat ihren Mann, den Ökonomie-Nobelpreisträger George Akerlof, in der Cafeteria der Fed kennengelernt. „Und auch nach 38 Jahren Ehe habe ich diese Entscheidung kein einziges Mal bereut.“

Es ist eine lockere Janet Yellen, die sich am Dienstagabend in ihrer Heimatstadt zeigt. Befragt wird sie von ihrem alten Kollegen Mervyn King, der bis Mitte 2013 die Bank of England leitete und nun in New York Ökonomie und Jura lehrt.

Die vertraute Atmosphäre ist der offizielle Beginn von Yellens Abschiedstour. Erst am Montag kündete sie an, aus der Fed auszuscheiden, sobald ihr Nachfolger seinen Amtseid abgelegt hat. Das wird vermutlich im Februar sein. Kommende Woche wird der Senat den Erwartungen nach Yellens Nachfolger Jerome Powell im Amt bestätigen. Die 71-Jährige hätte als einfaches Mitglied im Direktorium der Fed bleiben können und das noch bis 2024, doch Yellen bevorzugt einen klaren Schlussstrich.

Ihre wichtigste Erkenntnis nach vier Jahren an der Spitze der US-Notenbank: flexibel bleiben, vor allem im Kopf, sagt Yellen. „Als Ökonomin hatte ich eine ziemlich starke Meinung darüber, wie man Daten interpretiert und wie die Wirtschaft funktioniert. Aber es ist wichtig, sich eine offene Haltung zu bewahren.“

Denn nicht immer verhalten sich die Dinge so wie erwartet. Dass die US-Wirtschaft derzeit immer noch eine niedrige Inflationsrate aufweist, obwohl bei einer Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent nahezu Vollbeschäftigung herrscht, „ist ein Rätsel“, räumt die Notenbank-Chefin ein. In den vergangenen Jahren habe es mit den gefallenen Öl-Preisen und der Aufwertung des Dollars, der die Importe günstiger machte, immer noch eine Erklärung gegeben.


„Es gab Urlaube, da haben wir alle drei am Strand Ökonomie-Bücher gelesen“

In diesem Jahr habe die Fed jedoch lediglich „Arbeitshypothesen“, denen sie nachgehe. Ein Grund für die niedrige Inflation könnte sein, dass die Ausgaben für eine Krankenversicherung in den vergangenen Jahren weniger stark gestiegen sind als zuvor – was laut Yellen vor allem auf die Gesundheitsreform des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama zurückzuführen ist. Auch seien die Kosten für das mobile Internet gesunken. Ob es sich hier jedoch nur um vorübergehende Effekte handle, bleibe abzuwarten.

Auch zu Hause dreht sich bei Yellen alles um Ökonomie. Mit Akerlof hat sie einen Sohn, der ebenfalls Ökonom ist und an der britischen Warwick University lehrt. „Ich gebe zu, es gab Urlaube, da saßen wir alle drei am Strand und haben Ökonomie-Bücher gelesen“, verrät die Notenbank-Chefin, die bereits in den 70er-Jahren für die Fed arbeitete und in den 90er-Jahren, unter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton, zum ersten Mal ins Direktorium aufrückte.

Yellen war die erste Frau an der Spitze der Notenbank, sie wünscht sich jedoch dringend einen höheren Frauenanteil in den Wirtschaftswissenschaften. „Nur etwa 30 Prozent aller Studenten, die ihren Bachelor in Ökonomie machen, sind Frauen“, sagt Yellen. „Es ist schwer nachzuvollziehen, warum der Anteil so gering ist.“

Sie hält es für wichtig, dass Frauen gute Mentoren haben und gibt zu bedenken, dass sich Frauen auch in den Wirtschaftswissenschaften von dem kumpelhaften Umgang ihrer Kommilitonen benachteiligt fühlen. „Die Jungs gehen gemeinsam in eine Bar und schmieden dort Pläne, um gemeinsame Studien zu schreiben“, sagt Yellen. Frauen würden so Chancen verpassen, „weil sie weniger in diese lockeren sozialen Netzwerke eingebunden sind“.

Was Yellen nach ihrem Ausscheiden aus der Fed vorhat, verriet sie nicht. Schließlich will sie nicht zu sehr von ihren letzten Monaten an der Spitze der amerikanischen Notenbank ablenken. In drei Wochen steht die nächste Fed-Sitzung an. Beobachter gehen davon aus, dass sie am 13. Dezember eine weitere Anhebung des Leitzinses verkünden wird..

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