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US-Notenbank Yellens geräuschloser Abschied

Die Fed-Chefin hat ihre letzte Sitzung geleitet und beendet eine einflussreiche Karriere. Neben der Weichenstellung zur Normalisierung der Geldpolitik wird auch ihr persönlicher Stil in Erinnerung bleiben.

Abschied nach Jahrzehnten in der Geldpolitik. Quelle: AP

FrankfurtAls Janet Yellen vor vier Jahren die Leitung der US-Notenbank (Fed) übernahm, versprach sie, die Fed solle für alle Amerikaner da sein. Mehr noch als ihr Vorgänger Ben Bernanke äußerte sie sich hin und wieder zu sozialen Themen. Aber letztlich setzte sie einfach Bernankes Werk fort, an dem sie zuvor schon als dessen Stellvertreterin teilgenommen hatte: Amerikas Wirtschaft wieder ans Laufen zu bekommen, den Amerikanern ihre Jobs zurückzubringen. Bei der letzten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses, die am Mittwoch endete, wurden keine Beschlüsse gefasst. Die anschließende Pressemitteilung war bei der Beschreibung der wirtschaftlichen Situation und des Inflationsverlaufs etwas optimistischer als im Dezember. In einer ersten Reaktion schien sie dem Dollar Auftrieb zu geben.

Yellen wird als Fed-Chefin des Übergangs in Erinnerung bleiben. Bernanke hatte nach der Finanzkrise die Notenbank in bisher unerforschtes Terrain geführt und mit milliardenschweren Käufen die Bilanz aufgebläht. Weil die Zinsen schon an der Null-Linie klebten, hatte er keine andere Wahl, um die US-Wirtschaft weiter zu unterstützen. Die Bilanzsumme hat allerdings nie ein Viertel des Bruttoinlandsprodukt der USA überschritten und blieb damit vergleichsweise niedriger als in Europa und in Japan. Bernanke schaffte gerade noch die Wende zur Normalisierung in seiner Amtszeit und startete den Einstieg in den Ausstieg aus diesem Kaufprogramm. Yellen startete die Zinserhöhungen und im vergangenen Herbst auch noch den Abbau der Bilanzsumme. Heute liegt der Leitzins in einer Spanne von 1,25 bis 1,5 Prozent, und damit höher als in der Eurozone und in Japan.

Ähnlich wie Bernanke ist Yellen eine brillante Ökonomin, die unter anderem in Harvard und an der London School of Economics gearbeitet hat. Sie war schon in den Jahren 1977 und 1978 als Volkswirtin bei der Fed. Für zwei Jahre leitete sie das ökonomische Beratergremium von US-Präsident Bill Clinton. 1999 wurde sie Fed-Gouverneurin in Washington. Sie leitete 2004 bis 2010 die Fed San Francisco und wurde 2010 Stellvertreterin Bernankes. Dass sie jetzt keine zweite vierjährige Amtszeit an der Spitze der Fed antreten kann, hat allein politische Gründe: Sie gilt als Demokratin und wird damit der Opposition zugerechnet. Frühere Präsidenten haben sich weniger parteiisch verhalten als Donald Trump.

In Erinnerung bleiben wird auch Yellens persönlicher Stil. Sie zeigte in der Öffentlichkeit eine unerschütterliche Freundlichkeit. Während Bernanke, wenn er von Politikern kritisiert wurde, ab und zu verärgert zurückschnappte, wiederholte Yellen ungerührt, mit großen Augen ihre Argumente, und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Enge Mitarbeiter versichern aber, dass sie trotzdem eine sehr zielstrebige Chefin war, die mitunter sehr persönlich einzelne Mitglieder im geldpolitischen Ausschuss ansprach, um sie auf Linie zu bringen.

Als Yellen den renommierten, inzwischen zurückgetretenen Geldpolitiker Stanley Fischer als Stellvertreter zur Seite gestellt bekam, witterten manche Beobachter, sie solle quasi bevormundet werden. Denn Fischer gilt als eine Art Übervater der Geldpolitik, bei ihm hatten schon Bernanke und Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), studiert. Doch ein New Yorker Ökonom, der Yellen kannte, sagte: „Sie hat sich Fischer gewünscht, weil sie weiß, dass er gut ist. Sie ist eine starke Persönlichkeit.“

Citigroup-Ökonom Ebrahim Rahbari macht auf einen anderen wichtigen Punkt aufmerksam: „Sie ist nicht nur die erste Chefin der US-Notenbank, sondern auch die erste Frau an der Spitze aller vier großen Notenbanken der Welt.“ Für eine Frau, die 1946 geboren wurde, dürfte es nicht immer leicht gewesen sein in einer Männerwelt. Schon bei ihrer Promotion war sie die einzige Frau unter rund zwei Dutzend Männern, die bei den Nobelpreisträgern James Tobin und Joseph Stiglitz damals ihren Doktor gemacht haben.

Ihr Nachfolger Jerome Powell hat nun die Aufgabe, die Normalisierung der Geldpolitik fortzuführen. Die Voraussetzungen für einen Erfolg sind aus heutiger Sicht gut. Aber die Gefahr, dass in seine Amtszeit die nächste Rezession oder Krise fällt, ist nicht zu übersehen.

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