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Valley Voice Das Soziale Netzwerk für den Blockwart

Nextdoor, das Soziale Netzwerk zwischen Dienstleistung und Denunziantentum, bekommt neues Geld. Das heizt die Diskussion über die Zukunft von Online-Gemeinden und Verantwortung der Tech-Konzerne erneut an.

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Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San Francisco Es begann mit einem kleinen Web-Eintrag und endete in einer Schlägerei in einer Bücherei. Ein Hundebesitzer postete ein Foto seines verängstigten Tieres, weil offenbar ein Football-Fan in der Nachbarschaft einen Böller gezündet hatte. Sein Team, die Seattle Seahawks, hatten einen Treffer gelandet. Das fand der Hundebesitzer gar nicht gut, und schnell bildete sich eine Unterstützergruppe.

Sie wollten das Sport-Team boykottieren oder die Verursacher suchen und öffentlich an den Pranger stellen. Jemand versuchte einzuwenden, es knalle vielleicht zwei Mal an einem Sonntag pro Monat und man solle mal die Kirche im Dorf lassen, weil das Böllern Tradition sei. Doch da war alles zu spät. Die zwei Parteien gingen, wie die Webseite SeattlePi berichtet, immer wüster aufeinander los.

Der Hundebesitzer organisierte letztlich einen Raum in der lokalen Bücherei, damit sich die erhitzten Gemüter beruhigen und aussprechen könnten. Doch das Ganze endete in einer Schlägerei. Die Folge: Ein beschädigtes Auto, Verhaftungen und Bußgelder.

Willkommen zum freundlichen Nachbarschaftsnetzwerk Nextdoor aus San Francisco. Wem der Tratsch am Gartenzaun zu langweilig und der Hausflur zu provinziell ist, der ist hier willkommen, seine Meinung zu Mitmenschen, Nachbarn und Fremden kundzutun. Nextdoor ist ein privates soziales Netzwerk, bei dem sich alle Mitglieder mit ihrer physischen Wohnadresse verifizieren müssen und dann in ein spezielles Nachbarschaftsnetz eintreten, dass sich einige Straßenzüge rund um den Wohnort erstreckt.

Hier wird alles geteilt, was im Viertel so passiert. Das geht von Einladungen zu Straßenfesten über Geschäftseröffnungen und überflüssigem Hausstand, der verkauft oder verschenkt werden soll, bis zu Straßenraub, aufgebrochenen Autos oder verdächtigen Gestalten. Genaue Mitgliederzahlen nennt CEO und Gründer Nirav Tolia nicht, aber derzeit sei das Netz in über 160.000 Nachbarschaften in den USA und auch Deutschland verfügbar.

Zum illustren Kreis der Investoren gehören Benchmark, Greylock Partners, Kleiner Perkins Caufield & Byers und Insight Venture Partners, alles erste Namen im Silicon Valley. Eine aktuelle Finanzierungsrunde über 75 Millionen Dollar, berichtet „Theinformation.com“, bringe die Gesamtfinanzierung jetzt auf 285 Millionen Dollar und die Bewertung auf 1,5 Milliarden Dollar. Das Unternehmen kommentiert den Bericht bislang nicht.

Der Geldsegen kommt zu einer schwierigen Zeit. Netzwerke wie Facebook oder Twitter stehen wegen „Fake News“, rassistischer oder sexistischer Einträge und Hasskommentaren unter schwerem Beschuss von Öffentlichkeit und Politik. Jetzt wendet sich sogar das Valley selbst immer stärker gegen die unkontrollierbaren Meinungsmaschinen: Chamath Palihapitiya, langjähriger Top-Manager bei Facebook und für Nutzerwachstum zuständig, sagte seinen Zuhörern an der Stanford Graduate School of Business, er fühle „enorme Schuld“, weil er Facebook mit aufgebaut habe. „Ich glaube, wir haben Werkzeuge geschaffen, die das Gewebe des sozialen Zusammenlebens zerreißen“, zitiert ihn CNBC. Er empfahl den Studenten einen „harten Schnitt“ in der Nutzung des sozialen Webs zu machen.

Die „Dopamin getriebenen kurzfristigen Feedback-Schleifen, die wir geschaffen haben, zerstören die Art, wie Gesellschaft funktioniert“, bedauert er. Zivile Diskussionen und Zusammenarbeit würden ersetzt durch Missinformation und Misstrauen. Er verdeutlichte die realen Gefahren dieser Entwicklung mit einem Vorfall aus Indien. Dort wurden jüngst sieben unschuldige Menschen wegen Fake News beim Chatdienst WhatsApp von aufgebrachten Dorfbewohnern gelyncht.


Der schwierige Kampf gegen Mobbing und Fake News

Auch bei Nextdoor gab es in der Vergangenheit immer wieder „warnende“ Mitteilungen „besorgter Nachbarn“ über Menschen, die „auffällig“ um die Häuser streichen oder sich „merkwürdig“ verhielten. Meist zeigten die Beschreibungen der „potenziellen Gefährder“ schwarze Menschen, Obdachlose oder Drogenabhängige. Manchmal direkt mit heimlich aufgenommenem Foto und dem Hinweis „hier melden, wenn ihr den seht“. Bereits im vergangenen Jahr hat Nextdoor die Funktion überarbeitet, mit der angebliche Verbrechen oder verdächtige Personen gemeldet werden können, nachdem das Netzwerk sich in San Franciscos Nachbarstadt Oakland Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt sah. Damit habe sich die Zahl der substanzlosen Warn-Postings bereits deutlich verringert.

Aber reicht das? Ein großer Vorteil, zumindest theoretisch, ist die persönliche Verifizierung durch Versenden einer Karte mit dem Zugangscode an eine echte Postadresse mit Namen. Somit ist die Urheberschaft eines Eintrags jederzeit nachvollziehbar. Bei jedem Posting muss zudem der reale Namen angegeben werden. Doch das hindert Nachbarschaftsgruppen nicht daran, dass sie sich zusammenzuschließen und andere auszusondern. Was früher der Blockwart oder der übereifrige Nachbarschaftswächter war, ist demnächst vielleicht der Nextdoor-Nachbar, der mit dem Smartphone in der Hand am Fenster lauert.

Und Klarnamen bergen auch Gefahren: Jeder, der eine unliebsame Meinung zu einem Thema äußert, macht sich leichter angreifbar für Mobbing-Attacken. Für ein paar Dollar kann man in den USA online alle verfügbaren Angaben zu einer Person kaufen, Adresse und Telefonnummer inbegriffen.

Communities sind das große Schlagwort für die Zukunft sozialer Netzwerke. Sie sollen das Gefühl der Vertrautheit und die Sicherheit der kleinen Gruppe in die Onlinewelt zurückbringen. Das hat auch Mark Zuckerberg jüngst wieder betont. Er will seine zwei Milliarden Mitglieder animieren, sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen, die nach den traditionellen Mustern des gesellschaftlichen Zusammenlebens modelliert sind. Das können Nachbarschaften wie bei Nextdoor oder Interessensgruppen sein, wie bei Meetup.com. Aber bevor die grundlegenden Probleme der Online-Gemeinschaften nicht gelöst sind, kann man niemandem wirklich raten, sich allzu tief und persönlich zu engagieren oder zu offenbaren.

Ex-Facebook-Manager Palihapitiya jedenfalls will in sozialen Medien nur noch „sehr wenig“ unterwegs sein, und seine Kinder, sagt er laut CNBC, dürfen „diesen S*** überhaupt nicht nutzen.“

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

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