Valley Voice Die Konservativen in Silicon Valley wandern aus

Der Investor Peter Thiel ist nicht der einzige Kritiker, der Echokammern in Silicon Valley beklagt. Jetzt zieht er nach Los Angeles.

Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoWie immer, wenn es eigentlich keine Regeln gibt, gibt es eben doch welche. Das gilt auch in Silicon Valley, etwa für das Gesetz von Freiheit, Regelbruch und produktivem Zerstören. Technologiefirmen beanspruchen es gern für sich, wenn sie traditionelle Märkte aufmischen. Journalisten hingegen kontrollieren sie, stellen kritische Frager in die Nörgler-Ecke oder tun sie als technologiefeindlich ab.

Silicon Valley ähnelt einer Echokammer mit beschränkter Außensicht. Auch die Glaubwürdigkeit der These, dass mehr Digitalisierung über Nacht mehr Fortschritt für alle bringt, wird täglich durch Szenen auf den Straßen San Franciscos erschüttert. Vor den Konzernzentralen von Uber, Twitter oder Square in Downtown jagen Drogenabhängige Heroin in ihre Adern und Obdachlose reißen sich gegenseitig den Latschen vom Fuß.

Der Paypal-Macher und Milliarden-Investor Peter Thiel hat das Weltverbesserungsgerede wiederholt kritisiert und sogar als „Google-Propaganda” bezeichnet. Er zieht nun nach Los Angeles, angeblich nervt die ideologische Uniformität allzu sehr. Zwar ist LA nicht aus der Welt, durch den Platz in Facebooks Aufsichtsrat bleibt Thiel dem Valley verbunden. Doch mit der Kritik an der Monokultur in Digitalien steht der Liberale und Unterstützer von Donald Trump nicht allein.

Viel spricht für einen sich anbahnenden Exodus der Konservativen aus Silicon Valley. Der Internet-Pionier und Investor Bob Metcalfe, Erfinder des Ethernet, einer Übertragungstechnik der 70er-Jahre, aus der später ein einheitliches Protokoll für die Kommunikation im Internet wurde, sagte dem Handelsblatt: „Kalifornien tötet Silicon Valley mit seinem Schwenk nach links.” Viele Leute würden Kalifornien gen Texas verlassen, das sei zudem „wirtschaftsfreundlicher”. Metcalfe lebt in Austin.

Die Stadt, die jedes Jahr im März das populäre Technologie-Festival „South by Southwest” ausrichtet, gilt als linke Enklave, liegt jedoch in einem stramm konservativen Bundesstaat. Eine Analyse des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der University of California Los Angeles kürte San Francisco 2014 zur liberalsten Stadt der USA. Auf den hinteren Plätzen folgten texanische Orte wie Arlington, Fort Worth, San Antonio oder Dallas.

Auch Gary Shapiro, Chef der Consumer Electronics Show (CES), der größten Technologiemesse der Welt, attestiert dem Valley eine einseitige politische Haltung. „Das Silicon Valley ist sehr links und hat ehrlich gesagt immer nur die Demokraten unterstützt, bis auf wenige Ausnahmen wie John Chambers von Cisco, Meg Whitman oder Peter Thiel“, meint der CES-Chef. Das Silicon Valley sei eine Echokammer.

Investor und Bestseller-Autor Tim Ferris beklagte in einem Beitrag bei Reddit sogar: Die Bewohner von Silicon Valley würden sich bei politischen Fragen „gegenseitig anlügen”. Zu groß sei die Angst, aufgrund nicht opportuner Kommentare den Job zu verlieren oder „öffentlich gekreuzigt zu werden”.

Eine Umfrage von Lincoln Networks, einer Lobby-Gruppe von Konservativen in der digitalen Industrie, unter 387 vor allem männlichen Angestellten von Apple, Alphabet, Facebook oder Amazon scheint zumindest in diese Richtung zu deuten. 21 Prozent der Studienteilnehmer, die sich selbst als „liberal” bezeichneten, erklärten darin, jemanden zu kennen, der seine Karriere im Tech-Sektor aufgrund ideologischer Differenzen mit dem Arbeitgeber nicht weiter verfolgt oder abgebrochen habe. In der Kategorie der „sehr Konservativen” gaben dies sogar 69 Prozent zu Protokoll.

Tatsächlich ging Silicon Valley mit erzkonservativen Denkern in der Vergangenheit nicht gerade souverän um. Bei Google verfasste Mitarbeiter James Damore ein frauenverachtendes Manifest. In dem behauptete er, seine weiblichen Kolleginnen seien aus biologischen Gründen weniger geeignet für einen Tech-Job. Das sexistische Pamphlet sorgte quer durch die ganze Branche für heftige Debatten – auch weil Google-Chef Sundar Pichai die Entlassung des Mannes anordnete. Damore inszeniert sich seither als Märtyrer.

Der Text zeigte einerseits, wie hartnäckig sich Sexismus und Macho-Kultur im kalifornischen IT-Tal halten. Doch den Rauswurf des Memo-Verfassers interpretierten viele als Schlag gegen die Meinungsfreiheit und Beweis für die „ideologische Echokammer”, in der sich Google laut des Memo-Autors befinde. Mit dem Vorwurf steht Damore inzwischen nicht mehr allein da. Der Exodus der Konservativen unterstreicht dies.

Die Ansichten von Konservativen wie Damore sind natürlich krude. Diskriminierung sollte überall und immer sanktioniert werden. Und Thiel sprach sich mal öffentlich gegen das Frauenwahlrecht aus und zerstörte das Klatsch-Blog Gawker in einem privaten Rachefeldzug. Auch die Motive des gebürtigen Deutschen sind nicht immer eindeutig. Sein Engagement für Trump sollte ein besseres Amerika hervorbringen, doch nebenher sicherte sich Thiel die neuseeländische Staatsbürgerschaft als eine Art Notausgang.

Silicon Valley werden Konservative wie Thiel dennoch fehlen, als Vermittler zur Regierung in Washington und als Stimme im öffentlichen Diskurs. Die Digitalszene sollte sich davor hüten, alte Fehler zu wiederholen. Die Wahl des erzkonservativen Republikaners Donald Trump sah sie im einstimmigen politischen Gesang jedenfalls nicht kommen.

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