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Valley Voice Kein Persilschein für Uber nach tödlichem Unfall mit selbstfahrendem Auto

Nach dem tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto hat die Polizei Uber entlastet. Doch es gibt zahlreiche Ungereimtheiten.

Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoKeine 48 Stunden ist es her, dass der erste Mensch auf einer öffentlichen Straße von einem Roboterauto totgefahren wurde. Und schon wird Entwarnung gegeben. Die Frau mit dem Fahrrad sei so schnell aus dem Schatten auf die Straße getreten, dass kaum Zeit zur Reaktion blieb. Das sagt zumindest die Polizei unter Berufung auf ein Video, das das Auto aufgenommen hat, das aber nicht veröffentlicht wurde.

Es kann natürlich kein öffentliches Interesse daran bestehen, die Sekunden zu zeigen, in denen eine offenbar obdachlose Frau von einem Luxus-SUV überfahren wird, als sie ihr mit Plastiktüten voll Habseligkeiten schwer beladenes Fahrrad über die Straße schieben will.

Aber es gibt Details und Ungereimtheiten, die hier im Silicon Valley mit großem Unbehagen und Fragezeichen aufgenommen werden, seit der „SF Chronicle“ über sie berichtet hat. Zum Beispiel die Geschwindigkeit: Das Uber-Auto war den Angaben zufolge mit 38 statt erlaubten 35 Meilen pro Stunde – rund 64 Stundenkilometer statt 57 – unterwegs. Automatisch, wohlgemerkt.

Uber ist nun aber gerade eine Firma, die wie kaum eine andere im Silicon Valley – ausgenommen vielleicht Google in seinen wilden Jahren – dafür bekannt ist, die Grenzen des Erlaubten auszutesten. Da gibt es zum Beispiel Apps, die städtische Aufsichtsbehörden systematisch daran hinderten, Uber-Fahrzeuge ausfindig zu machen. Nachdem es herauskam, musste sich das milliardenschwere Start-up öffentlich entschuldigen. All die anderen Skandale wollen wir gar nicht wieder aufzählen.

Hat Uber also eine kleine „Komfortzone“ in seine Software eingebaut? Einen „Schnaps draufgelegt“, weil diese Autos später gegen hartes Geld Menschen transportieren sollen und sich da jede gesparte Minute summiert? Eine Frage, der intensiv nachgegangen werden muss. In der Fahrschule habe ich noch gelernt, dass gerade im unübersichtlichen Stadtverkehr und nachts schon geringe Tempo-Überschreitungen fatal sein können.

Die Frau sei zudem so schnell „aus dem Schatten“ auf die Fahrbahn getreten, dass der Roboter nicht mehr bremsen konnte. Das Fahrzeug hat den ersten Informationen zufolge nicht mal einen Bremsversuch eingeleitet. Fährt ein vernünftig denkender Fahrer nicht automatisch ein wenig langsamer, wenn er sich nachts einem Fußgängerübergang nähert? Er sollte es zumindest.

Überhaupt „Schatten“. Das „Ich habe ihn nicht kommen sehen“, ist genau das Problem, das Google, Uber, Baidu oder General Motors mit Radar, rotierenden Sensoren, High-Tech und künstlicher Intelligenz lösen wollen. Und nun muss der Schatten bei einem Auto ohne Augen als Erklärung für einen Unfall herhalten.

Zur gleichen Zeit läuft in der Werbepause im TV eine Anzeige, in der die Fahrerin eines Mittelklasseautos gerade abgelenkt vor sich hinträumt und ein ebenfalls abgelenkter Smartphone-Glotzer mit gesenktem Blick auf die Straße läuft, schnell und ohne Fahrrad mit Plastiktüten. Das Auto bremst, alle erschrecken sich, lachen freundlich und gut ist.

Aus grauer Vorzeit kann ich mich an Werbung in Deutschland erinnern, wo ein Reh im Dunkeln auf der Landstraße auf dem Armaturenbrett-Bildschirm angezeigt wurde, bevor es mit bloßem Auge sichtbar war. Ein menschlicher Fahrer wäre alarmiert gewesen, dass da was kommen könnte.

Die Dimensionen dieses Unfalls sind weitaus gravierender als es der vorläufige Freispruch für Uber erahnen lässt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass nun auch noch ventiliert wird, ob nicht gegen den menschlichen Sicherheitsfahrer Anklage erhoben werden sollte. Es wird also unterstellt, er hätte eigentlich besser reagieren müssen als ein Roboter. Wird da ein Opferlamm gesucht, um den „Persilschein“ für die Technologie zu rechtfertigen?

Eher wird ein Schuh draus, wenn nun konsequent gegen Uber wegen anscheinend systematischer Geschwindigkeitsüberschreitung ermittelt würde. Ist ein Programmierer im fernen San Francisco schuld am Tod einer Frau in Tempe, Arizona? Oder sind es unzuverlässige Sensoren, die viel zu früh ins Rennen um die autonome Zukunft geschickt werden?

Die Aufsichtsbehörden weltweit werden unzweifelhaft ihre Anforderungen in die Höhe schrauben und Softwarespezialisten mit Kenntnissen in Künstlicher Intelligenz einstellen müssen. Sonst regieren bald kleine schwarze Kästen mit unbekannter Software und nicht nachvollziehbaren Algorithmen unsere Straßen,

So oder so ist das Silicon Valley in Aufruhr. Nach einem Datenskandal, der sich für Facebook zur Existenzkrise ausweiten könnte, ist nun der Todesfall eingetreten, der eigentlich hätte verhindert werden sollte. Das geht auch an den großen Gewinnern auf der Sonnenseite der Digitalwirtschaft nicht ganz spurlos vorbei.

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

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