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Videokonferenzen Wie ein deutscher Anbieter die Ausfälle von Zoom & Co. vermeiden will

Das Videokonferenzsystem Zoom litt Anfang der Woche unter massiven Ausfällen weltweit. Quelle: AP

Der auf Anwaltssoftware spezialisierte Anbieter RA-Micro hat ein hochsicheres und datenschutzkonformes Tool für Videokonferenzen entwickelt. Ausfälle wie bei Zoom sollen unmöglich sein. Doch das Modell hat Grenzen.

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Das Motiv für eine neue Videokonferenzlösung liegt für Michael Czwalina auf der Hand: „Es muss eine europäische Antwort auf das Verbot des Privacy Shield geben“, sagt der Produktmanager beim Berliner Softwareanbieter RA-Micro im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Damit spielt er an auf das Datenschutzabkommen zwischen der EU und den USA, das der europäische Gerichtshof Ende Juli gekippt hat.

Die Folge: Unternehmen, die etwa über das Softwaretool Teams von Microsoft videotelefonieren, riskieren möglicherweise empfindliche Bußgelder. Geht es nach Czwalina, ist die Lösung jetzt vergleichsweise einfach: „Unser neues Tool vOffice soll diese Antwort sein.“

RA-Micro nutzt das Videokonferenztool seit Juni in seiner eigenen Anwaltssoftware, laut eigener Aussage hochsicher verschlüsselt und garantiert datenschutzkonform. „Sicherheit hat für Juristen höchsten Stellenwert, Stichwort Berufsgeheimnis“, so Czwalina. Aufbauend auf dieser Erfahrung bringen die Berliner vOffice jetzt als eigenständige Videokonferenzlösung für Unternehmen und Behörden auf den Markt.

Und treffen damit auf einen dank der Corona-Pandemie seit Monaten boomenden Markt. Bis heute lassen viele Unternehmen ihre Büroangestellten von zuhause aus arbeiten: So vermeldete etwa Microsoft bei seinem Videotool Teams schon im März einen Anstieg auf 44 Millionen Nutzer am Tag; Rivale Zoom konnte seine Nutzungszahlen im gleichen Zeitraum mehr als verdoppeln.

Gerade Zoom hat in dieser Woche aber auch die Kehrseite der allumfassenden Digitalisierung, von Fernarbeit und Home Office aufgezeigt: So kam es am Montag es bei dem amerikanischen Videodienst zu stundenlangen Ausfällen. Die Störung offenbarte dabei auch die Achillesverse des Cloud Computing:  Die Videokonferenzen laufen zentral über die Server des Anbieters – kommt es hier zu Ausfällen, liegt gleich der gesamte Dienst flach.

Dezentrale Technologie

Genau hier setzt RA Micro mit seiner neuen Lösung an: vOffice ist ein sogenanntes Peer-to-Peer-Netzwerk (P2P), es baut also direkte Verbindungen zwischen den beteiligten Rechnern auf – ganz ähnlich wie Dateitauschnetzwerke wie etwa BitTorrent. „Dadurch fließen alle Datenströme nur zwischen den Nutzern hin und her – wir haben darauf keinerlei Zugriff“, sagt Czwalina. Und: Weil der zentrale Server wegfällt, sind Ausfälle wie in jüngst bei Zoom nicht möglich.

Zudem lässt sich das Produkt vergleichsweise einfach nutzen: Die Kommunikation läuft per Einladungslink und – sofern gewünscht – mit einer zweiten Authentifizierung, etwa per SMS. Das eigentliche virtuelle Büro erscheint dann komplett im Browser; Nutzer müssen keine zusätzliche Software installieren. Nach dem Start betritt der Browser einen virtuellen Empfangsbereich in vOffice, wo ihn der Moderator zur Videokonferenz abholt.

Um das hohe Datenschutzniveau inklusive Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auch für jeden transparent zu machen, lässt RA Micro für sein neues Tool aktuell ein Gutachten durch die Wirtschaftskanzlei Graf von Westphalen erstellen. Dieses soll bis Mitte September vorliegen. „Danach beantragen wir eine Zertifizierung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)“, sagt Czwalina.

Aufgrund der P2P-Technologie sind Videokonferenzen in vOffice derzeit auf fünf Teilnehmer beschränkt; in einer nächsten Ausbaustufe sollen 20 Nutzer gleichzeitig möglich sein. Für größere Gruppen arbeitet RA Micro zudem an einem zentralisierten Dienst ähnlich wie Zoom & Co. „Der ist dann nicht mehr ganz so sicher“, räumt Czwalina ein. „Wir glauben aber, dass Sicherheit bei der Kommunikation mit mehr als 20 Menschen gleichzeitig auch nicht mehr ganz so wichtig ist.“

Wenn ein Unternehmen oder eine Behörde will, kann es die Lösung auch komplett im eigenen Intranet laufen lassen – vergleichbar mit einer privaten Cloud, die nicht ans öffentliche Internet angeschlossen ist. „Mehr Sicherheit geht nicht“, sagt Czwalina.

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