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Vitali Klitschko Der Kämpfer

Der promovierte Sportwissenschaftler Vitali Klitschko ist ein Nationalheld - auch als Bürgermeister der Hauptstadt Kiew. Die Menschen vertrauen ihm.

Klitschko wurde in Kirgistan als Sohn eines Offiziers und einer Lehrerin geboren. Erst im Schulalter kamen er und sein Bruder Wladimir nach Kiew. Quelle: dpa

StockholmEr überragte sie alle. Selbst die vielen Flaggen der Ukraine und der Europäischen Union ließen ihn in der Menge nicht untergehen, als er Ende 2013 auf dem Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, im Zentrum Kiews auftauchte: Vitali Klitschko. Boxweltmeister und damals prominentester Oppositionsführer des Landes.

Der Zwei-Meter-Mann mit dem kantigen Gesicht und den überlangen Armen, mit denen er jahrelang seine Gegner auf die Matte streckte, ist seit den turbulenten Tagen in der Ukraine der Bürgermeister der Hauptstadt Kiew. Er wurde gewählt, weil er früh Stellung gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch bezog. Jener Präsident, der für eine Mehrheit der 45 Millionen Ukrainer für Vetternwirtschaft und Korruption stand. Mehr als eine Million Menschen gingen damals auf die Straßen Kiews, demonstrierten gegen ihren Präsidenten und für die Annäherung an Europa. Vor allem aber für ein Ende ihrer korrupten Herrscher.

Sie zwangen Janukowitsch in die Flucht nach Russland. Und Klitschko wurde als eines der Sprachrohre der Opposition zu einem Hoffnungsträger der Maidan-Demonstranten. Der Box-Champion wird bis heute von der Mehrheit der Ukrainer verehrt. Auch, weil er von Anfang an klar gemacht hat, wie er sich die Ukraine vorstellt: „Wir sehen uns als Teil der europäischen Familie“, erklärte er immer wieder. „Wir wollen demokratische Reformen und eine neue politische Klasse." Das ist bislang nicht gelungen. Immer wieder werden in der Ukraine neue Fälle von Vetternwirtschaft und Korruption aufgedeckt. Die Aufbruchsstimmung des Maidan ist einer großen Frustration gewichen. Klitschko weiß das. „Wir wollen das ganze korrupte System ändern. Aber natürlich will dieses System sich selbst nicht ändern“, erklärte er kürzlich bei einem Deutschlandbesuch dem „Tagesspiegel“.

Die Menschen vertrauen ihm

Doch wie früher bei seinen Boxkämpfen gibt er trotz immer wieder neuer Korruptionsskandale in seinem Land nicht auf. Mittlerweile hat der 46-jährige Einzelkämpfer ein Team um sich geformt, das ihm beim Kampf gegen Bürokratie und Korruption helfen soll. Gegenüber anderen ukrainischen Politikern hat Klitschko einen großen Vorteil: Die Menschen vertrauen ihm.

Der promovierte Sportwissenschaftler ist ein Nationalheld. Boxkämpfe von ihm oder seinem Bruder Wladimir lockten Millionen Ukrainer vor die Bildschirme. Sie sind stolz auf sie. Und Klitschko spaltet nicht wie viele seiner politischen Mitkämpfer. Kritiker sagen, er sei oftmals zu vage, wolle es allen recht machen. Der dreifache Familienvater gibt zu, dass er ein Freund von Kompromissen ist. Dass er bei niemandem anecken will, das weist er allerdings entschieden zurück. Und tatsächlich legt er sich immer wieder an – mit Oligarchen und vor allem mit Russland.

Zu den laufenden Sanktionen gegenüber Moskau vertritt er eine klare Linie. „Solange Russland seine Politik nicht ändert, müssen die Sanktionen eher verstärkt werden“, so der Ex-Boxweltmeister gegenüber dem „Tagesspiegel“. Und: „Die Sanktionen sind eines der wichtigsten Mittel gegen die aggressive russische Politik, und sie wirken“.

Er ist der alte Kämpfer geblieben

Trotz seiner klaren Worte lässt sich der ehemalige Champion nur schwer einer politischen Gruppierung zuordnen. Er ist zwar seit zwei Jahren Vorsitzender der Partei des amtierenden ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, hat aber zuvor auch mit der Swoboda-Partei zusammengearbeitet, in deren Reihen auch rechtsextreme Kräfte agieren. Später verteidigte sich Klitschko damit, dass man zwar unterschiedliche ideologische Positionen vertrete, im Kampf gegen Korruption und für europäische Werte aber ähnliche Auffassungen habe.

Klitschko wurde in Kirgistan als Sohn eines Offiziers und einer Lehrerin geboren. Erst im Schulalter kamen er und sein Bruder Wladimir nach Kiew. Dass er russisch-sprachig aufgewachsen ist, merkt man bis heute. Sein Glück ist, dass die meisten Kiewer ebenfalls russisch sprechen und ihm kleinere Fehler nicht übelnehmen. Ein charismatischer Redner ist er sowieso nicht, eher ein ernst dreinblickender, nachdenklicher Mann. Selbst engste Vertraute sagen, sie wünschten sich manchmal etwas mehr als nur eine häufig zur Schau gestellte geballte Faust.

Im kommenden Jahr wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt. Ob er gegen den amtierenden Präsidenten Poroschenko antreten werde, will er noch nicht beantworten. Bevor er nach einem noch höheren politischen Amt strebe, wolle er erst das zu Ende bringen, was er den Menschen in Kiew versprochen habe: Eine bessere Infrastruktur, neue Kindergärten und Schulen sowie neue Arbeitsplätze. Er ist der alte Kämpfer geblieben. Man müsse sich, so sagt er, immer ein Ziel setzen und dann mit Willen und Charakterstärke dafür kämpfen.

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