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Vorbote von Rezessionen Warum einige Fed-Regionalpräsidenten eine inverse Zinskurve vermeiden wollen

Die Zinskurve für US-Staatsbonds droht zu kippen – bisher war eine solche Inversion der Renditekurve ein verlässlicher Vorbote für Rezessionen.

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Fed-Regionalpräsidenten wollen eine inverse Zinskurve vermeiden Quelle: Reuters

Washington Als Alan Greenspan die Federal Reserve leitete, waren die Anleger der Überzeugung, die Zentralbank könne einen Börsencrash verhindern. Das war der sogenannte Greenspan-Put. Jetzt steht ihr neuer Vorsitzender Jerome Powell unter Druck, einen eigenen Put zu akzeptieren – diesmal geht es jedoch um den Anleihenmarkt.

Einige Fed-Regionalbankpräsidenten wollen, dass die Zentralbank Vorsicht bei den Zinserhöhungen walten lässt. Das soll verhindern, dass die kurzfristigen Bonds-Renditen über die langfristigen steigen. Denn der Zinssatz für zweijährige Staatspapiere ist kurz davor mit dem Zinssatz für langfristige Anleihen gleich zu ziehen.

Als Argument wird von diesen geldpolitischen Entscheidungsträgern angeführt, dass eine solche Inversion der Renditekurve sich als verlässlicher Vorbote vergangener Rezessionen erwiesen hat.

Powell hat Verständnis für ihre Sorgen, aber er scheint sich nicht auf die Idee einzulassen, mit dem geldpolitischen Kurs ein Umkippen der Kurve zu vermeiden. „Er hat ihre Bedenken zur Kenntnis genommen, aber nicht angenommen“, sagt Lou Crandall, Chefökonom bei Wrightson ICAP LLC.

Unter dem Greenspan-Put – dessen Existenz vom damaligen Fed-Chef bestritten wurde – erwarteten Investoren, dass die Fed die Zinsen senken wird, wenn der Aktienmarkt Zeichen für einen Kollaps zeigt. Ein Powell-Put würde auf dem Anleihemarkt ähnlich funktionieren. Sollte die Renditekurve invers werden, so würde von der Fed erwartet, die Zinsen zu senken. Das würde die Kurse von Staatsanleihen mit kürzeren Laufzeiten anschieben und ihre Renditen drücken.

Powell und seine Fed-Kollegen tagen am 31. Juli und 1. August. Die Anleger gehen davon aus, dass die US-Notenbank nächste Woche ihre Politik aber unverändert belassen wird. Allerdings sehen sie eine gute Chance, dass sie in der zweiten Jahreshälfte 2018 die Zinsen anheben wird – trotz der Attacken von Präsident Trump.

Da bei den Anlegern in diesem Jahr die Überzeugung zugenommen hat, dass die Fed die Zinsen weiter erhöhen wird, hat sich die Renditekurve zuletzt abgeflacht. Gleichzeitig sind die kurzfristigen Renditen stärker gestiegen als die langfristigen.

Die Fed-Präsidenten, die die aktuelle Zinspolitik kritisieren, haben die historische Entwicklung auf ihrer Seite: In den letzten 50 Jahren sind die USA nach dem Umkippen der Kurve innerhalb von ein bis zwei Jahren stets in eine Rezession abgerutscht.

Powell versuchte in der vergangenen Woche jedoch, den Fokus auf die Kurve allein wegzulenken. Er sagte, es sei klar, warum die kurzfristigen Renditen gestiegen seien: Die Fed erhöht die Zinsen. Wichtig sei, „was mit den längerfristigen Zinsen passiert“ und was das über den geldpolitischen Kurs aussagt.

Bei der Anhebung des Leitzinsziels auf 1,75 bis 2 Prozent im Juni bezeichnete die Fed ihre Politik weiterhin unterstützend für die Wirtschaft. Und Fed-Gouverneurin Lael Brainard hat im Mai durchblicken lassen, dass eine inverse Kurve heutzutage vielleicht nicht so viel Sorge bereiten müsse wie früher. Das liege daran, dass die langfristigen Zinssätze historisch gesehen „sehr niedrig“ sind, so dass es nicht viel braucht, um die Kurve umzudrehen.

Anleihekäufe

Ein Umschwung in der Renditekurve war bisher immer jedoch ein verlässlicher Vorläufer vergangener Rezessionen – warum, ist allerdings nicht ganz klar. Die wohl beste Erklärung lautet, dass es diejenigen Banken unter Druck bringt, die Geld zu kurzfristigen Zinssätzen leihen, um es längerfristig zu verleihen. Wenn die kurzfristigen Zinsen über die langfristigen steigen, ist diese Strategie nicht länger profitabel, so dass die Banken die Kredite an Unternehmen und Haushalte zurückfahren.

„Es gibt dann eine Verlangsamung des Kreditwachstums mit einer zeitlichen Verzögerung“, sagt Joachim Fels, Global Economic Adviser bei Pacific Investment Management Co. Das wiederum „trägt zu einer Konjunkturabschwächung oder Rezession bei“.

Die heutige Debatte über die Bedeutung der Renditekurve erinnert an eine ähnliche Diskussion vor der letzten Rezession. Einen Monat nach seinem Amtsantritt als Fed-Chairman im Februar 2006 spielte Ben Bernanke die Bedeutung der Lücke herunter. „Ich würde die derzeit sehr flache Zinsstrukturkurve nicht als Anzeichen für eine kommende signifikante Konjunkturabschwächung interpretieren“, sagte er in einer Rede in New York. Einundzwanzig Monate später rutschte die Wirtschaft in den schlimmsten Abschwung seit der Weltwirtschaftskrise ab.

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