WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

VW-Chef Matthias Müller „Wir brauchen Anerkennung“

Volkswagen-Chef Matthias Müller hat auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel 2017 für ein besseres Verhältnis zur Berliner Politik plädiert. Der Manager setzt auf einen Neustart der Beziehungen mit der Jamaika-Koalition.

80 Elektromodelle in den nächsten Jahren. Quelle: Andy Ridder für Handelsblatt

StuttgartVolkswagen-Chef Matthias Müller scheut das Lob für die Konkurrenz nicht. Es tue gut, „Mercedes-Luft zu schnuppern“, sagt er bei seinem Auftritt auf dem Handelsblatt-Auto-Gipfel im Sindelfinger Mercedes-Kundenzentrum. Doch danach dreht sich alles nur noch um den Wolfsburger Autohersteller. Im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und Chefredakteur Sven Afhüppe spricht Müller über seine Wünsche an die Berliner Politik, US-Präsident Donald Trump, die Dieselaffäre, die Kartelluntersuchungen und die Herausforderungen in der Elektromobilität.

Herr Müller, in Berlin laufen die Verhandlungen zur Jamaika-Koalition. Was sind Ihre Erwartungen?
Zunächst wünsche ich mir, dass die Diskussion um die Autoindustrie wieder versachlicht wird. Außerdem wollen wir beim Thema Mobilitätskonzepte enger mit der Politik zusammenarbeiten. Ich würde mir wünschen, dass auch eine neue Regierung in Berlin erkennt, wie systemrelevant unsere Branche ist. Im Wahlkampf ist zu leichtfertig mit der Industrie und auch mit Volkswagen umgegangen worden. Ich würde mir mehr Anerkennung dafür wünschen, dass wir unsere Fehler erkannt haben und unser Unternehmen dramatisch verändern.

Brauchen wir in der Regierung eine Bündelung der Kompetenzen, die mit dem Thema Auto und Mobilität zu tun haben?
Ich habe in jungen Jahren als Volontär im japanischen Wirtschaftsministerium Miti gearbeitet, in dem die Kompetenzen exakt so gebündelt waren und das bis heute großen Einfluss in Japan und der Welt hat. Ein solches Superministerium könnte ich mir auch in Deutschland sehr gut vorstellen.

Solch ein Ministerium würde sich um Strukturfragen der Zukunft kümmern?
Heute sind die Kompetenzen in Deutschland über viele Ministerien verteilt. Bei der Digitalisierung und der Elektromobilität wird viel gesprochen und zu wenig gehandelt. Wir müssen zu einer Planung kommen, die auch verschiedene Industriebranchen mit einschließt. Nicht nur die Autobranche gehört dazu, sondern etwa auch die Energieindustrie, IT, Digitalwirtschaft. In einer solchen Zusammenarbeit müssen konkrete Pläne entstehen, die dann wirklich verbindlich sind.

Ist die digitale Kompetenz in der Regierung überhaupt vorhanden?
Ich würde nicht sagen, dass es eine solche Kompetenz nicht gibt. Aber es gibt auf jeden Fall die passenden Ansprechpartner in der Industrie, mit denen man darüber reden könnte.

In den aktuellen Koalitionsverhandlungen spielt das Thema Ladenetz überhaupt keine Rolle. Ein Problem?
Das wird sich ändern müssen. Sonst werden wir weiter an unserem Mobilitätsproblem kranken. Ich weiß nicht, wie wir die Luft sonst sauber bekommen.

Ist das ein Politikversagen?
Es steht mir nicht zu, von Politikversagen zu sprechen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass wir uns mit dem Thema früher beschäftigen. An der Stelle ist viel zu wenig passiert.

Gibt es für Sie wichtige Politiker, die eine zentrale Rolle spielen sollen. Was ist mit EU-Kommissar Günther Oettinger und FDP-Chef Christian Lindner?
Günther Oettinger kenne ich lange, ich schätze ihn sehr. Er nimmt sich dem Thema Digitalisierung sehr stark an. Für Deutschland wäre es ein Gewinn, wenn er nach Berlin zurückkehren würde. Christian Lindner ist ebenfalls frisch und mutig unterwegs. In Berlin gibt es jetzt eine gewisse Art von Neuausrichtung. Wir hoffen darauf, dass mit einer Jamaika-Koalition vernünftige Konzepte herauskommen. Für Gespräche und Kooperationen stehen wir bereit.

Vor einem Jahr beim letzten Autogipfel war Donald Trump gerade zum US-Präsidenten gewählt worden. Wie fühlen Sie heute, zwölf Monate später, für die westliche Welt?
Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir an dieser Stelle mehr Stabilität spüren würden. Wir leiden unter einer gewissen Planungsunsicherheit. Nach einem Jahr wissen wir immer noch nicht, wie sich die amerikanische Außen- und Wirtschaftspolitik entwickeln wird. Von daher bleibt uns nichts anderes übrig, als auf Sicht zu fahren.

Außenminister Sigmar Gabriel hat zuletzt in einem Handelsblatt-Interview angesprochen, dass das gesamte deutsche Exportmodell gefährdet sein könnte. Teilen Sie diese Einschätzung?
Natürlich besteht da eine gewisse Gefahr. Seit Jahren haben wir uns dem Thema Globalisierung verschrieben, und solche grundsätzlichen Strategien kann man nicht jeden Tag verändern. Da hängt einfach zu viel dran. Deutschland, Europa und China sollten einen gemeinsamen Standpunkt finden und den dann auch gegenüber den Amerikanern vertreten.

Wenn die Probleme in den USA größer werden, lohnt sich der Blick nach China. Aber ist es dort wirklich einfacher?
Volkswagen hat in China eine über 30-jährige Geschichte, diese starke Präsenz ist ein ganz wesentlicher Teil unseres Erfolgsmodells. Die Chinesen werden zurecht zunehmend selbstbewusster und haben technisch stark aufgeholt, was insbesondere die Digitalisierung und die Elektromobilität betrifft. Nichtsdestotrotz liegt es auch an uns, dort mit erfolgreichen Konzepten anzutreten.


„Wir Deutschen sind, was technische Neuerungen betrifft, immer etwas konservativ“

Die Forderungen der Chinesen sind anspruchsvoll, was die Einführung einer Quote für Elektrofahrzeuge zeigt. Kommen Sie damit klar?
Sie sind auch kompromissbereit. Wir haben uns frühzeitig in die Diskussion eingebracht – und das hat am Ende zu einem vernünftigen Ausgleich zwischen chinesischen Behörden und vor allem den deutschen Herstellern geführt.

Die Amerikaner leiden an der Dominanz der deutschen Autohersteller, die Chinesen arbeiten vehement an ihrem Aufstieg: Erleben wir gerade den Versuch, die Dominanz der Deutschen zu brechen?
Der Versuch ist sicherlich da. Und es sind nicht nur die Chinesen. Denken Sie allein an die großen IT-Konzerne, die sich intensiv mit dem Thema Mobilität beschäftigen. Fakt ist: Wir haben ein Mobilitätsproblem in vielen Städten der Welt – und dieses Problem gilt es zu lösen. Am Ende werden wir sehen, wer die Nase vorne hat.

Sie wollen 80 Elektromodelle in den kommenden Jahren entwickeln. Ist das überhaupt realistisch? Die Nachfrage ist heute doch noch gar nicht vorhanden.
Die Nachfrage wird durch attraktive Produkte zustande kommen. Und wir sollten nicht immer nur nach Deutschland schauen. Wir Deutschen sind, was technische Neuerungen betrifft, immer etwas konservativ. Das ist in China und den USA anders. Aber Sie haben Recht: Wir brauchen natürlich auch eine ausreichende Infrastruktur mit der entsprechenden Anzahl von Ladestationen. Ich denke, dass auch die neue Bundesregierung dafür sorgen wird, dass es an dieser Stelle vorangeht. Aber ein ganz wichtiger Punkt: Volkswagen wird auch weiter Verbrennungsmotoren entwickeln, Diesel und Benziner. Denn wir werden ohne diese Motoren auch künftig und auf absehbare Zeit nicht auskommen.

Was ist denn diese „absehbare“ Zeit?
Um das Jahr 2030 herum dürften wir den Zeitpunkt erreichen. Dann wird die Elektromobilität Oberhand gewinnen.

Dann haben die Grünen mit ihrer Forderung für ein Ende des Verbrennungsmotors gar nicht so falsch gelegen?
Die liegen gar nicht falsch. Ich sage nur, dass es nicht gleich morgen soweit ist. Es wird noch längere Zeit eine Koexistenz geben. Und dann gibt es noch andere alternative Antriebsarten, der Erdgasantrieb ist nur ein wichtiges Beispiel. Auch Wasserstoff bleibt eine Alternative.

Was muss noch alles passieren, damit Elektroautos wirklich in der Masse auf den Straßen fahren können? Reicht unser Stromnetz?
Als erstes brauchen wir ein Schnelllade-netz entlang der europäischen Autobahnen. Dafür haben die deutschen Hersteller ein Konsortium gegründet, das seine Arbeit jetzt aufnimmt, mit über 400 geplanten Stationen entlang der Autobahnen. Das ist natürlich nur ein erster Schritt und ein Tropfen auf den heißen Stein. In den Metropolen muss entsprechend ein flächendeckendes Ladenetz aufgebaut werden. Dazu können auch Unternehmen einen Beitrag leisten, wenn sie Ladestationen für ihre Mitarbeiter bauen lassen. Unsere deutsche Stromwirtschaft sollte kompetent genug dafür sein, die entsprechenden Kapazitäten für Ladespitzen zu schaffen.

Jetzt gibt es noch den Kartellfall. Wussten Sie bei Ihrem Wechsel nach Wolfsburg, dass das auf Sie zukommt?
In meiner Porsche-Zeit war ich bereits bei Gesprächen im Verband der Automobilindustrie dabei. Wir haben in Fragen der Standardisierung unter Führung des VDA sehr kooperativ zusammengearbeitet, also kannte ich diese Form der Zusammenarbeit. Was jetzt in diesem Fall im Einzelnen ermittelt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir arbeiten kooperativ mit den Kartellbehörden zusammen. Das Kartellrecht wird von uns streng respektiert, von Preisabsprachen ist mir nichts bekannt. Irgendwann werden sich die Kartellbehörden äußern. Die Zusammenarbeit, die wir pflegen, ist aus meiner Sicht kartellrechtlich nicht zu beanstanden.

Der Wechsel in die Politik – wäre das etwas für Sie?
(lacht) Dafür bin ich zu alt, ich werde zudem bei Volkswagen weitermachen. Da habe ich eine große Aufgabe. Mein Vertrag läuft noch drei Jahre, dann sehen wir weiter. Vielleicht sollte dann ein Jüngerer übernehmen – der mit noch mehr Mut und Verve an das Ganze herangeht.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%