Weltgeschichte Brasilianische Etikette

Bei offiziellen Anlässen in Brasilien fühlt man sich zuweilen wie am Hofe Dom Pedro II. Doch von den höfischen Ritualen sollte man sich nicht täuschen lassen. Sie sind oftmals Strategie.

Die sonst so lockeren und informellen Brasilianer, die sich nur an Konventionen halten, wenn es ihnen passt – wenn es formell zugeht, dann treiben sie das auf die Spitze, als residiere der portugiesische Hof unter Dom Pedro II. noch in Rio und Brasilien sei weiterhin eine Monarchie. Quelle: dpa

São PauloEs wirkte wie eine Zeitreise zurück in die Brasiliens Vergangenheit, etwa kurz nach Brasiliens Unabhängigkeit. Aus der Ferne waren Trommeln zu hören. Die koloniale Villa war hell erleuchtet in der tropisch-heißen Nacht. In den Bücherregalen aus schwarzem Jakarandaholz reihten sich die Klassiker der brasilianischen Literatur. Von den Wänden blickten auf Öl gebannte Honoratioren gewichtig aus ihren Rahmen. Ein Hauch von Mottenkugeln lag in der Luft, was an den langen festlichen Kleidern der versammelten Damen und Herren lag.

Der feierliche Anlass: Ein befreundeter Anwalt, Dekan der juristischen Fakultät Bahias und Autor juristischer Bücher wurde zum „Unsterblichen der Literarischen Akademie Bahias“ ernannt. Das ist eine hohe, vielleicht die höchste Ehre für einen Intellektuellen in Brasilien: Man „besetzt“ einen Stuhl, der illustren Gelehrten zuvor „gehörte“ – bis zum Lebensende, deswegen ist man dann ein „Unsterblicher“. Nicht alle, die sich auf den Sitzen tummeln, sind notwendigerweise literarische Schwergewichte: Auch der ehemalige Staatspräsident José Sarney, der vor allem als politischer Strippenzieher bekannt ist und weniger für seine Erzählungen, ist ein „Unsterblicher“, genauso wie das Ivo Pitanguy war, der Großmeister der plastischen Chirurgie.

Die sonst so lockeren und informellen Brasilianer, die sich nur an Konventionen halten, wenn es ihnen passt – wenn es formell zugeht, dann treiben sie das auf die Spitze, als residiere der portugiesische Hof unter Dom Pedro II. noch in Rio und Brasilien sei weiterhin eine Monarchie: Eingeladen wurde ich zum Event in der Literaturakademie als „Exzellenz“. Untereinander titulieren sich die Honoratioren bei ihren Ansprachen als „Illustrissimo“, also etwa „Ihre Durchlaucht“. Einladungen zu solchen Events enden oft mit Sätzen wie: „Bei dieser Gelegenheit erneuere ich gegenüber Ihrer geschätzten Person die Beteuerung meines tiefsten Respekts und persönlicher Hochachtung.“

Das nimmt surreale Ausmaße an. So auch letzte Woche: Jeder Redner begann seinen Vortrag erneut mit der Begrüßung der langen Liste der Honoratioren und wichtigen Anwesenden. Niemand betet solche Namen einfach runter. Oft werden die Erwähnten noch mit ein paar lobenden, preisenden Adjektiven versehen oder kurze Anekdoten zu den Personen einstreut. Die Begrüßungen dauern manchmal länger als die tatsächliche Rede. Selten sind das weniger als zwei Dutzend Namen und Titel.

Wenn ausländische Besucher die Geduld verlieren und das ganze abkürzen mit: „Herr Minister, sehr geehrte Damen und Herren“, dann blicken sich brasilianischen Diplomaten mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wollten sie sagen: „Diese Ausländer, feines Benimm ist nicht ihr Ding.“ Ausländer dagegen können Pluspunkte sammeln, wenn sie die Listen der Würdenträger mit entsprechender Würde verkünden.

Ein leichtes Kopfnicken in Richtung des Genannten kann irgendwann nützlich sein und Türen öffnen. Der Geehrte wird es nicht vergessen.

Ich glaube inzwischen gar, dass ein Grund für die erfolgreiche brasilianische Verhandlungsdiplomatie das souveräne Beherrschen der Formalien ist. Das außenpolitische Geschick der Brasilianer ist in Diplomatenkreisen bekannt, etwa bei den Klimaverhandlungen, im Welthandel. So lobte schon Henry Kissinger die brasilianischen Diplomaten als „überraschend effizient“. Ist doch klar: Wer als Jungdiplomat jahrelang das Austauschen stoisch-ritueller Formalitäten übt – den kann auch ein Verhandlungsmarathon auf internationalen Konferenzen nicht mehr abschrecken. Denn der geschickte Einsatz von monotonen Formalitäten – bei denen zuweilen in den Nebensätzen ganze Schlachten ausgetragen werden - im Wechselspiel mit plötzlich aus dem Hut gezauberten Vorschlägen entscheidet oft über Erfolg und Misserfolg einer Strategie bei diesen Verhandlungen.

Der Nachteil des höfisch Formellen: Es kann vom eigentlich Wichtigen ablenken. So auch gerade in Bahia. Die zwischen den ganzen Formalien verpackten Inhalte, entpuppten sich als intellektuelle Juwelen, die man leicht überhören konnte.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%