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Weltgeschichte Der Tag des Vaterlandsverteidigers in Russland

Die Russen feiern die Gründung der Roten Armee vor 100 Jahren. Wobei der größte Feind nicht in der Ukraine sitzt, sondern im Glas.

Der Feiertag ist eher willkürlich gewählt, denn das eigentliche Gründungsdatum der Roten Armee ist der 28. Januar 1918. Quelle: dpa

Political Correctness steht nicht hoch im Kurs in Moskau: In dieser Woche „glänzte“ ein Anbieter für Digitaltechnik mit einem sexistischen Werbeclip zum „Tag des Vaterlandsverteidigers“. Zu sehen ist ein Mann, der seine an Händen und Füßen gefesselte Ehefrau in den Wald fährt und sie zum Schaufeln eines Grabes zwingt. Anschließend muss sie dort ihre Geschenke zum russischen „Männertag“ vergraben. Kommen Sie lieber gleich zu uns, wir haben die richtigen Geschenke für Männer; so die Botschaft des Geschäfts.

Derb ist nicht nur der Humor, sondern auch die Begründung für diesen militärisch-patriotischen Feiertag: Glorreiche Siege feierten die russischen Streitkräfte in ihrer Geschichte oft, doch der 23. Februar bietet eigentlich wenig Anlass für nationalen Stolz. Der Tag wurde von den Bolschewiki zunächst als „Tag der Roten Armee“ gefeiert, die sie eben vor 100 Jahren gründeten, um im Bürgerkrieg gegen die Weißgardisten zu bestehen.

Dennoch ist der Feiertag eher willkürlich gewählt, denn das eigentliche Gründungsdatum der Roten Armee ist der 28. Januar 1918. Da sich aber ein äußerer Feind besser eignet, um nationalen Stolz zu generieren, erdachte dann in den 30er Jahren Stalin persönlich einen neuen Mythos. Angeblich, so die Version, haben am 23. Februar 1918 erstmals sowjetische Soldaten an der Narwa bei Pskow den Vormarsch der deutschen kaiserlichen Armee gestoppt und so den Fall des revolutionären Petrograds verhindert. „Der Tag der Abwehr der Truppen des deutschen Imperialismus wurde so zum Geburtstag der jungen Roten Armee“, schrieb Stalin.

Geschichtsschreiber haben diese Darstellung längst als Fälschung entlarvt. Tatsächlich waren die russischen Truppen damals so demoralisiert, dass die meisten desertierten, noch ehe es zum Kampf kam. Auch die frisch eingetroffenen revolutionären Matrosen liefen davon – und der später (bis zu seiner Erschießung 1938) als Held gefeierte Volkskommissar Pawel Dybenko lief vorweg. Immerhin ein gutes hatte die Legende doch: Während des Zweiten Weltkriegs diente der Mythos der Kampfmoral der sowjetischen Truppen gegen die faschistische Wehrmacht.

In die Geschichte eingegangen ist der 23. Februar hingegen wegen eines anderen unrühmlichen Ereignisses: 1944 nämlich begann an diesem Tag im Kaukasus die von Stalins Schergen Berija organisierte Deportation der Tschetschenen und Inguschen. Rund eine halbe Million Menschen wurde in Viehwaggons nach Zentralasien verfrachtet, zehntausende kamen durch die Strapazen der Zwangsarbeit ums Leben.

Diese Episode wird heute gern vergessen. Auch die Bedeutung als professioneller Feiertag der Streitkräfte ist in den Hintergrund gerückt. Denn als Vaterlandsverteidiger empfinden sich inzwischen (fast) alle männlichen Russen, egal ob sie gedient haben, oder nicht. Gemeinsam nimmt ein Großteil von ihnen auch den Kampf gegen Russlands gefährlichsten Feind an diesem Tag auf: den Wodka. Und der wird dann auch gnadenlos vernichtet.

Wohl auch deshalb witzeln die Russen selbstironisch: „Das russische Vaterland ist selten so schutzlos wie abends am Tag des Vaterlandsverteidigers“. Bei manchen beginnt die Trinkerei freilich schon am Vorabend. Denn der Tag des Vaterlandsverteidigers hat sich ähnlich entwickelt wie der Vatertag in Deutschland. Die männliche Hälfte der Bevölkerung nimmt das Datum zum Anlass, kräftig und ausgelassen, sich selbst zu feiern und Geschenke einzufordern. Wohl der Gleichberechtigung wegen, denn am 8. März wird in Russland auch der Internationale Frauentag als staatlicher Feiertag begangen.

Na dann Prost!

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