Weltgeschichte Mit originellen Maßnahmen will Paris das Opernpublikum verjüngen

Eine französische Plattform will Oper und Ballett stärker fördern – mit ganz neuen Ideen. Sie macht auch nicht bei den Finanzämtern halt.

Fundraising soll das kulturelle Angebot sichern. Quelle: picture alliance/dpa

ParisEs gibt nicht viele Opernhäuser auf der Welt, die einen eigenen See im Keller haben. Wahrscheinlich ist die Opera Garnier in Paris sogar die einzige. Im fünften Untergeschoss erstreckt sich fast über die gesamte Grundfläche des 1875 eröffneten Hauses, dessen Bau unter Napoleon III. begonnen wurde, ein natürliches Gewässer.

Der See entstand auf spontane Weise, als die Baugrube ausgehoben wurde. Anfangs versuchte man, das Wasser abzupumpen, doch schließlich ergaben sich die Bauherren in ihr Schicksal und fassten den See in solides Mauerwerk ein. Wer zu einer der seltenen Besichtigungen gelangt, kann große Goldfische bewundern, die sich im Wasser tummeln.

Neun Stockwerke über dem See wartet die Oper mit einer weiteren Besonderheit auf, den Büros von Fedora. Fedora ist eine europäische Plattform, die Oper und Ballett unterstützt, Innovationen fördert und die Kultureinrichtungen auf Veränderungen in der Finanzierung vorbereiten will.

80 Häuser sind bislang angeschlossen. „Das klassische Modell der Finanzierung, bei dem der größte Teil der Budgets vom Staat kam, ist heute überholt, man ist mehr und mehr auf private Mittel angewiesen“, erläutert Edilia Gänz, Direktorin von Fedora in Paris, wo die Plattform im Februar 2014 gegründet wurde.

Wichtigste Aktivität ist die Vergabe zweier Preise, einer für Oper und einer für Ballett, den die Hauptsponsoren Generali und Van Cleef & Arpels finanzieren. Nominiert werden jeweils acht Werke, die sich durch besondere neue Akzente auszeichnen sollen, um ein jüngeres Publikum zu gewinnen.

Die Preisverleihung findet in diesem Jahr am 7. Juni in München statt. In die engere Auswahl gekommen sind beispielsweise „The true story of King Kong“ aus Magdeburg, bei der über „die Hintergründe des Mordes an King Kong ermittelt“ wird  und „Les Bienveillants“ der Opera Vlaanderen nach dem Roman von Jonathan Littel.

Das Durchschnittsalter von Oper- und Ballettbesuchern liegt bei 54 Jahren – zu hoch, um diesem Zweig des Kulturbetriebs im Selbstlauf eine glänzende Zukunft zu sichern. Hinzu kommt, dass weltweit rund drei Viertel der Aufführungen auf Werke von nur zehn Komponisten entfällt.

Die sind zwar alle Publikumslieblinge, doch eine gewisse Monotonie lässt sich da nicht leugnen. Deshalb bemüht sich Fedora, zur Schaffung neuer Inhalte zu ermutigen.

Bei der Preisvergabe kann das Publikum mittlerweile mitstimmen, es gibt einen „Favoriten des Publikums“. Für alle acht Finalisten in den beiden Kategorien Oper und Ballett wirbt Fedora auf der eigenen Webseite, wo das Projekt erläutert und in einem kurzen Video vorgestellt wird. Damit verbunden ist ein Spendenaufruf.

Die Verbesserung des Fundraisings ist inzwischen ein weiterer wichtiger Teil der Fedora-Aktivität. Nicht alle Opernhäuser haben bereits einen europäischen oder internationalen Freundeskreis, verfügen über digitalisierte Aktivitäten oder wissen, wie erfolgreiche Spielstätten neue Spender gewinnen.

An dieser Stelle will Fedora weiterhelfen: „Wir wollen vor allem erreichen, dass die Opernhäuser, die sich noch nicht auf einem hohen Standard des Fundraisings bewegen, mehr Sichtbarkeit und Unterstützung bekommen und nicht mehr alleine strampeln müssen“, sagt Gänz.

Besonders originell bei der Verbesserung des Spendenwesens ist die Europäisierung des Steuerrechts von unten, die von Paris aus betrieben wird. Wer heute beispielsweise in Deutschland lebt, aber vielleicht ein Opernhaus in Dublin in sein Herz geschlossen hat, kann zwar dafür spenden. Steuerlich absetzbar ist das aber nicht, im Gegensatz zu einer Gabe innerhalb der Bundesrepublik.

An dieser Stelle hilft Fedora dem Europa der Kultur auf die Sprünge. „In drei Jahren wollen wir so weit sein, dass man automatisch eine national anerkannte Spendenquittung erhält, wenn man über Fedora gezielt ein bestimmtes Projekt im Ausland unterstützt“, beschreibt Gänz das Ziel ihrer Organisation, die seit 2017 auch mit zwei Millionen Euro von der EU gefördert wird. Gänz fügt realistisch hinzu:. „Wir können die Steuergesetze nicht ändern, aber wir können es erreichen, dass Spenden europaweit anerkannt werden.“

Die Kulturorganisation arbeitet zu diesem Zweck mit Transnational Giving Europe (TGE) zusammen, einer Initiative, die ein „Europa der Philanthropie“ schaffen will. Mit einer bestimmten Zahl von Ländern und repräsentativen Stiftungen schafft TGE es schon heute, in Europa die Grenzen für Spenden einzureißen.

Für eine begrenzte Zahl von europäischen Projekten kann man sich in Deutschland an die Maecenata-Stiftung wenden, die eine Spendenquittung ausstellt und sich verpflichtet, das Geld an den gewünschten Empfänger zu leiten.

Bis das auf breiterer Basis und automatisiert im Netzwerk von Fedora funktioniert, wird noch etwas Zeit vergehen. Aber der Anfang ist geschafft. Die in Paris ansässige Initiative arbeitet parallel daran, alle angeschlossenen 80 Häuser auf ein ähnliches Niveau der Digitalisierung zu heben, um Transaktionen zu vereinfachen und auch damit die Schwelle zu senken, die jüngere Interessenten noch von einem Besuch von Oper oder Ballett abhält.

Jean Monnet als einer der Urheber des vereinigten Europas sagte einmal, wenn er noch einmal anfangen könne, würde er versuchen, Europa über die Kultur zur vereinen. Fedora zeigt, dass das möglich ist und sich sogar die besonders hartnäckigen Steuergrenzen zumindest partiell aufheben lassen.

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