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Weltgeschichte Rettet die Nachbarschaft!

In Washington hält sich eine fast vergessene Form der Gruppenkommunikation: Tausende Nachbarn tauschen sich über eine Yahoo-Mailingliste aus, suchen Rat, Babysitter – oder wollen einen Blumenladen vor der Pleite retten.

In der Washingtoner Nachbarschaft war das Geschäft eine Institution.

WashingtonWer neu in eine Stadt zieht, fühlt sich in den ersten Tagen seltsam amputiert. Es fehlt einem das, was spröde als „Infrastruktur“ beschrieben wird: Wo kriegt man das beste frische Brot und Obst? Welcher Eckladen hat auch um Mitternacht noch die Lieblingssorte Eiscreme? Gibt es einen guten Arzt in der Nähe, eine halbwegs vernünftige Bar, und eine Reinigung, die nicht mault, wenn man Kompliziertes aus dem Jutebeutel schält? Meist braucht es Wochen, Monate und viele Erkundungsrunden, bis man „seine Gegend“ erforscht hat, die Abkürzung zur U-Bahn im Schlaf kennt, den Eiscreme-Eckladen-Besitzer mit Namen begrüßt.

Digitale Nachbarschaftsnetzwerke beschleunigen diesen Prozess. Gerade in den datenentspannten USA sind sie sehr beliebt, etwa als App, mit Namen wie „Nextdoor“ oder „Good Neighbour“. Über sie kann man Rat einholen und gezielt nach allem Möglichem suchen – ob Klempner, Schreiner, Gassigeher oder Schneeräumkommando. Mit der Kraft des Kollektivs.

Im Nordwesten der amerikanischen Hauptstadt – hier ist es überwiegend grün, ruhig, gediegen – hält sich aber eine im Zeitalter von selbstfahrenden Trucks und Kryptowährungen fast schon antike Form der Gruppenkommunikation: eine Yahoo-Mailingliste, die sich mit einem Klick abonnieren lässt.

Alle können alles lesen, das ist das Prinzip; mehrere tausend Haushalte sind angemeldet. Nach Angaben der Gründer handelt es sich gar um die „größte Nachbarschafts-Mailingliste der USA“, doch das ist aufgrund der vielen offenen und geheimen Online-Netzwerke schwer nachprüfbar. Man ist stolz auf die leichte Zugänglichkeit. Unkomplizierter als Twitter, verbindlicher als Facebook, so das Motto. „Wir sind zwar old-tech, aber wir wachsen konstant“, heißt es stolz auf der Info-Webseite. Jede Woche würden 25 bis 40 neue Mitglieder dazukommen.

Lässt man sich ein paar Tage ungefiltert von den Nachrichten berauschen, ist zu erfahren, dass man Hüftprobleme mit Blutplasma behandeln kann. Offenbar leben in der Nähe einige Rentner. Es wird sich über Kinderspielzeug und Nanny-Vermittlungen ausgetauscht, es werden Einräder, Longboards, Nähmaschinen feilgeboten. Die Stimmung ist gut, die Leute sind sehr hilfsbereit. Gepöbelt wird nicht. Kritisch wird es nur, als sich eine Dame über das neujährliche Briefkasten-Bombardement mit Charity-Kalendern beschwert. Ein Nachbar entgegnet, er arbeite bei genau so einer Wohltätigkeitsorganisation. Diese Kalender seien durchaus sinnvoll, und den meisten Menschen bereiteten sie Freude. Für einen Moment ist Ruhe in der Liste, aber nicht für lange.

Doch kein Thema bestimmte die Mailingliste zuletzt so wie ein Blumenladen. Seit zwei Wochen wird das Ende von „Johnson’s“ diskutiert. Das einzige lokale Gartencenter macht nach 84 Jahren dicht. Weit über hundert Nachrichten dazu haben sich schon angesammelt, die Bewohner der angrenzenden Bezirke Cleveland Park und Tenleytown sind aufgebracht. Sie organisierten eine Demo, eine Gemeindeversammlung, eine Petition, offene Briefe.

Inmitten des Trubels fragte ein Nachbar: „Hat irgendjemand mal Johnson’s gefragt, ob sie überhaupt offen bleiben wollen?“ Doch doch, der Besitzer will, wie er seinen Stammkunden schreibt. „Diese Schließung ist eine direkte Folge der erheblichen Erhöhung der Miete und anderer damit verbundener Gebühren für die Belegung, die uns der Eigentümer des Gebäudes auferlegt hat“. Der Eigentümer, die private American University, betont, man habe „über einen langen Zeitraum erhebliche Zugeständnisse gemacht“, bis es eben nicht mehr ging.

Offenbar berührt die Schließung einen wunden Punkt. Kleinere Läden haben es in Zeiten von Amazon schwer, im vergangenen Jahr schlossen mehrere familiengeführte Restaurants im Viertel, ein Fachladen für Tierbedarf und ein Friseursalon sollen als nächstes dran sein. Dank der Fahrdienste Uber und Lyft kann man für unter zehn Dollar in ein Restaurant ans Ende der Stadt fahren, „der klassische Kundenstamm verschwindet“, meint die Einzelhandelsreporterin Rebecca Cooper im „Washington Business Journal“.

Ein Nachbar beschreibt, wie schwer es zum Beispiel individuelle Lebensmittelmärkte haben. In den 1980er-Jahren habe es hier mal einen „Safeway“ gegeben, zwar ebenfalls die Filiale einer Großkette, aber kleiner und charmanter. Er wurde „Sowjet-Safeway“ genannt, wegen der langen Schlangen. Er starb, wie die echte Sowjetunion.

Die Supermärkte von heute haben vom Kokoswasser bis zum Akkuschrauber alles im Sortiment, natürlich auch Blumen, immer frisch, immer makellos, aber auch gleichförmig. Offensichtlich, lernt man als Neuling der Community, war „Johnson’s“ bislang das Gegenteil davon, eine Institution in der Gegend. Gebinde für Konfirmation und Hochzeit wurden hier bestellt, Sträuße für die erste Liebe abgeholt. Viele Menschen der unmittelbaren Umgebung, das wird einem bewusst, sind eben nicht zugezogen, so wie man selbst, sondern sie haben hier ihre Kindheit und Jugend erlebt.

Am Tag bevor „Johnson’s“ schließt, ist vom Blumenladen nur noch das Gerippe seiner Verkaufsfläche übrig. Alles-muss-raus-Schilder kleben am Fenster, die Reste von Weihnachtsdekoration sind verstreut, ein paar Säcke Gartenerde lagern in der Ecke. Stielrosen werden für einen Dollar und sechs Cent das Stück verkauft. Man sei sei dankbar für den Zuspruch der Nachbarschaft, sagt ein Mitarbeiter, habe alles verfolgt, jedes Protestschild, jeden offenen Brief. Für die Rettung des Ladens aber ist es zu spät.

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