WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Weltgeschichte Wegwerfen will gelernt sein

In der Schweiz herrschen Recht und Ordnung. Das gilt auch für den Papierkorb – und treibt Neuankömmlinge wie unseren Korrespondenten mitunter in die Verzweiflung. Eine Weltgeschichte aus Zürich.

Die Schweizer nehmen es mit der Mülltrennung um einiges genauer als die Deutschen. Quelle: dpa

MoskauWer ein Land wirklich kennenlernen will, muss in seine Mülltonnen schauen. In der ordnungsverliebten Schweiz ist natürlich auch beim Abfall alles exakt geregelt – was Neuankömmlinge wie mich einige Nerven kostet. Das fängt schon bei den Züri-Säcken an. So heißen die weißen Beutel, in denen in der Limmatstadt der Restmüll abtransportiert wird. Die Zürcher zahlen keine Gebühren, sondern finanzieren die Entsorgung ihres Abfalls über den Kaufpreis der Säcke. Deshalb kosten zehn 35-Liter-Beutel rund 20 Franken (17 Euro) – vorausgesetzt, man findet sie. Ich habe ewig im Supermarkt danach gesucht, bis mir eine Mitarbeiterin verriet, dass die heiße Ware nur gegen Nachfrage an der Kasse ausgehändigt wird.

Kein Wunder, denn die Säcke sind weißes Gold. Deshalb kam ein findiger Kioskbetreiber vor einigen Jahren auf die Idee, gefälschte Säcke zu verkaufen, die er von einem Bekannten in Serbien mit dem Zürcher Stadtwappen bedrucken ließ. 10.000 Fake-Säcke hat der Mann unters Volk gebracht, bis ihn Grenzwächter erwischten. Das brachte ihm in der Boulevardpresse die Überschrift „So ein fieser Sack“ ein. Und eine satte Geldstrafe. Letztere droht übrigens auch, wenn man statt des Züri-Sacks einen anderen Müllbeutel verwendet. Da gibt es kein Pardon. „Meine Nachbarin musste 200 Franken bezahlen, weil sie aufgeflogen ist“, warnte mich kürzlich eine Züricherin. Aufmerksame Hausbewohner hatten zwischen allerlei Unrat dummerweise einen Brief gefunden, auf dem die Adresse der Übeltäterin stand.

Als ich neulich Besuch aus Deutschland bekam, machte eine Freundin einen pragmatischen Vorschlag zur Entschärfung meines Müllproblems: „Wieso benutzt du nicht einfach einen öffentlichen Mülleimer?“. Aber das kam für mich nicht in Frage. Erstens haben die Züricher vorgesorgt: Die Öffnungen der öffentlichen Eimer sind so schmal, dass eine Toblerone-Packung nur im gefalteten Zustand hineinpasst. „Außerdem will ich nicht als krimineller Ausländer ausgewiesen werden“, sagte ich.

In der Schweiz herrscht nun mal Ordnung. Leider führte das auch dazu, dass sich in meiner Küche die Pappe in alpine Höhen stapelt. Als eifriger Neuzüricher habe ich zwar schnell gelernt, dass Altpapier nur dann entsorgt wird, wenn man es in adretten Bündeln am richtigen Tag an den Straßenrand legt. Aber die Tücke liegt im Detail. Papiertonnen gibt es in Zürich nämlich nicht. Stattdessen legen die Nachbarn allwöchentlich ihre wohlsortierten Zeitungspakete am Straßenrand aus, als wollten sie allen zurufen: „Seht her, wir haben nichts zu verstecken!“ Schummeln gilt nicht: Wer seine Zeitungen etwa in einer Kiste sammelt, statt sie zu verschnüren, findet sich schnell am Pranger im Hausflur wieder. Falsch verpacktes Papier stellt der Hauswart für alle sichtbar neben den Fahrstuhl – mit einem Zettel, auf dem „Bitte ordentlich zusammenbinden“ steht. Mit mehreren Ausrufezeichen.

Also übte ich mich mit Schere und Paketschnur bewaffnet, zwischen Stapeln von Zeitungen und Pizzakartons – in einer Tätigkeit, die Schweizern offenbar ähnlich wie Skifahren und Fahnenschwenken in die Wiege gelegt wird. Frohen Mutes platzierte ich meine Bündel am Straßenrand, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass die Zeitungen zwar verschwunden waren, die Pappe aber nicht. Was mir leider niemand verraten hat: Die wird an einem anderen Tag abgeholt.

Immerhin bin ich nicht der Einzige, der an Entsorgungsfragen scheitert. Im Sommer verweigerte die Einbürgerungskommission der kleinen Gemeinde Buchs einer jungen Frau die Einbürgerung, obwohl sie seit 25 Jahren in der Schweiz wohnt. Ihr Pech: Sie konnte nicht erklären, wie man Altöl richtig entsorgt.

Ein Anfängerfehler. Schließlich wissen echte Schweizer offenbar ziemlich genau, wie sie ihr Abfallproblem lösen. Als ich mit meinen Freunden aus Deutschland auf die Tram wartete, hielt plötzlich ein Lieferwagen mit Züricher Nummernschild neben uns. Zwei Männer stiegen aus. Einer stand Schmiere. Der Andere öffnete die Heckklappe, zerrte mehrere Quadratmeter Plastikfolie heraus und stopfte sie seelenruhig durch die schmale Öffnung des öffentlichen Abfalleimers. Die ganze Aktion dauerte nur wenige Sekunden. „Siehst du“, sagte meine Freundin aus Deutschland, „geht doch ganz einfach.“ Und der Lieferwagen düste mit quietschenden Reifen davon, dem Horizont entgegen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%