Weltgeschichte Wie Junk-Food Brasilien verwandelt

In Brasilien schlagen die Menschen bei wachsendem Wohlstand vor allem bei Fast-Food und Süßigkeiten zu. Fatale Folge: Mehr als die Hälfte der Brasilianer sind übergewichtig. Schon Kinder leiden an Diabetes und Bluthochdruck.

Ein Blick auf den Konsum eines ärmeren Haushaltes in Brasilien bestätigt die Fehlernährung: Wer es sich leisten kann, der trinkt Cola oder Guaraná-Limo schon zum Frühstück, isst Chips gegen den Hunger und dazu einen quietschsüßen Kuchen. Quelle: (c) Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus

Die Reportage kommt für Nestlé ziemlich unpassend: Ein paar Tage bevor der Schweizer Lebensmittelkonzern jetzt seine Strategie für die nächsten Jahre erklären will, ist in der „New York Times“ eine dreiseitige Reportage über die wachsende Fettleibigkeit der Brasilianer erschienen. Danach sind heute 20 Prozent der Brasilianer fettleibig, 58 Prozent haben Übergewicht und neun Prozent der Kinder leiden unter starkem Übergewicht und erkranken deswegen immer öfter an Diabetes oder Bluthochdruck.

Verursacher von Adipositas als Volkskrankheit seien vor allem die Lebensmittelkonzerne, so die Zeitung, also Unternehmen wie Coca-Cola, der Hähnchenbrater KFC, aber vor allem auch der Lebensmittelkonzern Nestlé. „How Big Business Got Brazil Hooked on Junk Food“, heißt der Titel der Reportage, die nun auch in Brasiliens Medien nachgedruckt wird und hier für breite Aufmerksamkeit sorgt. Danach bieten die weltweiten Lebensmittelkonzerne in den aufstrebenden Märkten weiterhin Produkte an, die sie in den Industrieländern gar nicht mehr absetzen könnten, weil sie zu salzig, zu fettig und vor allem zu süß sind. Mit den wachsenden Absätzen einfacher Produkte könnte die Industrie das langsame Wachstum in ihren Heimatmärkten ausgleichen.

Ein Blick auf den Konsum eines ärmeren Haushaltes in Brasilien bestätigt die Fehlernährung: Wer es sich leisten kann, der trinkt Cola oder Guaraná-Limo schon zum Frühstück, isst Chips gegen den Hunger und dazu einen quietschsüßen Kuchen. Bei den Ernährungsgewohnheiten gibt es Parallelen zwischen dem deutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und Brasilien heute. Genauso wie sich die Deutschen nach den Kriegs- und Hungerjahren erstmal einen Wohlstandsbauch angefuttert haben, so haben die Brasilianer in der Phase steigender Einkommen während der letzten Dekade kräftig zugelegt.

Die Zeitschriften und Stadtteilblätter im ganzen Land quellen seitdem über mit Fotos von überbordenden Buffets, blutig angeschnittenen Steaks, gegrillten Scampi und Burgern, gerösteten Spanferkeln, zu Bergen aufgehäuftem Sushi und Sashimi, Pizza oder Grillfleisch bis zum Abwinken, Torten- und Pralinen-Orgien. Ständig neue Fast-Food-Ketten schießen an allen Ecken aus dem Boden - die meisten konnten auch während der Rezession der letzten Jahre ihre Umsätze kontinuierlich steigern.

Inzwischen sieht man in Brasiliens Öffentlichkeit ähnlich viele Übergewichtige wie in den USA. Das fällt vor allem Besuchern auf, die einige Zeit nicht mehr in Brasilien waren. Das merke ich auch im Flugzeug, wo immer öfter Übergewichtige auf den XXL-Sitzen (auch neu!) um verlängerte Anschnallgurte bitten, weil der normale nicht ausreicht. Bei den Herren der gehobenen Mittelschicht sind Magenverkleinerungen der Herren inzwischen verbreitet.

Nestlé steht im Mittelpunkt der „New York Times“-Reportage, weil der Schweizer Konzern in den brasilianischen Armenhaushalten einen klingenden Namen besitzt. Das liegt vor allem auch am Heer der ambulanten Verkäuferinnen, welche die Lebensmittel gegen Ratenzahlungen in die ärmsten Haushalte bringen und sich damit selbst ihr Einkommen sichern. Da nützt es auch wenig, wenn Nestlé beteuert, ständig Salz, Zucker und Fett in der Produktpalette zu reduzieren: Wenn die Einkommen der Armen wachsen, greifen sie zuerst zu den preiswerteren, attraktiven Lebensmitteln, die eben mit mehr Zucker versetzt werden als die gesunderen Produkte. Zumal die Joghurts, Eiscremes und Schokoriegel genau den Geschmacksgewohnheiten der Mehrheit der Brasilianer entsprechen. Brasilianer lieben ihre Säfte, den Kaffee oder Schokolade quietschsüß. Nestlé muss nun versuchen, darauf eine Antwort zu finden.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%