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Weltgeschichten Warum ein Inder die Chinesen begeistert

Die beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt beäugen sich argwöhnisch. Die Filme von Aamir Khan erzählen Geschichten, die China und Indien ihre Gemeinsamkeiten aufzeigen. Eine Weltgeschichte.

ShanghaiIn China liebt man die Geschichten von „Onkel Mi“. So nennen chinesische Fans Aamir Khan, den 52-jährigen Schauspieler und Regisseur aus Mumbai, Indien. Sein Kinofilm „Secret Superstar“ über ein 14-jähriges Mädchen, das von einer Sängerkarriere träumt, ist in China ein Kassenschlager. Seit Startbeginn am 19. Januar 2018 sind seine Einspielergebnisse phänomenal: 65 Millionen Dollar Einnahmen in nur zehn Tagen, Platz eins der landesweiten Rangliste. Damit ist der Film beliebter als der Hollywood-Actionfilm „Stars Wars: the Last Jedi“, der bisher in China nur 42 Millionen Dollar einnehmen konnte.

Es ist ein kleines Wunder, dass Khan die Herzen so zufliegen. Im Juni des vergangenen Jahres wäre es zwischen China und Indien fast zu einer militärischen Auseinandersetzung gekommen. Soldaten und Bulldozer beider Nationen standen sich auf der Doklam Hochebene gegenüber und stritten darüber, wo denn nun die Grenze verläuft, damit niemand sie überqueren kann. Erst Ende August zogen Peking und Delhi vorerst ihre Truppen zurück.

Doch Khans Geschichten sind grenzüberschreitend und bauen Brücken: sie mögen in Indien spielen, aber die darin geschilderten Herausforderungen sind auch jungen Chinesen nur allzu vertraut. „Wir haben hier die gleichen Probleme“, schreibt der Nutzer Chen Hao auf Douban, einer beliebten chinesischen Unterhaltungs- und Wertungsseite, und zählt sie dann auf: „Geschlechterdiskriminierung, archaische Traditionen, religiöser Aberglaube, Benachteiligung aufgrund der falschen Klassenzugehörigkeit...“

So handelt Khans Komödie „Three Idiots“ das Schicksals von mehreren Kommilitonen an einem fiktiven Institut für Ingenieurswissenschaften. An diesen wird der erbarmungslose Leistungswettbewerb unter Elite-Studenten und die eng definierten Erwartungen von asiatischen Eltern thematisiert. Unter der Douban-Seite des Filmes schreibt Nutzer Ask Sky: „An dem Film sieht man, dass China und Indien ein ähnliches Bildungssystem haben.“ Und die chinesische Weibo Nutzerin Susi merkt an: „Ich mag diesen Film, weil er mich dazu anspornt, meine Träume zu verwirklichen, der Autorität auch mal die Stirn zu bieten und das archaische Erziehungssystem umschmeißen zu wollen – obwohl es in China eigentlich unmöglich ist.“

„Three Idiots ist Khans China Debüt von 2011. Der Film wurde auf Douban zum zwölftbeliebtesten Film aller Zeiten gekürt. Insgesamt strich der Film weltweit 88 Millionen Dollar ein. Staatspräsident Xi Jinping gestand dem indischen Premierminister Narendra Modi abseits eines Gipfeltreffens letzten Sommer, dass er ein „großer Fan“ von Khans „Dangal“ sei. Einem weiteren Film von Khan, der 2016 herauskam. Gleich nach seinem ersten Post auf Weibo, dem chinesischen Twitter, bekam Khan rund 32.000 Kommentare; seither folgen ihm auf dieser Plattform mehr als eine Million Fans.

Der Film „Dhagal“ erzählt dagegen die Geschichte der zwei Ringerinnen Geeta Phogat und Bibata Kumari, die 2010 und 2014 Gold für Indien auf den Commonwealth Games gewannen und mit traditionellen Geschlechterrollen brachen. Aamir Khan spielt darin den strengen Vater, der anfangs offen enttäuscht ist, nur Töchter zu haben und nur langsam anfängt, sie als gleichwertig zu einem Sohn zu behandeln.  

Die Geschlechterdiskriminierung ist in China und Indien auch heute noch eine weit verbreitete schmerzliche Realität. Während das globale Durchschnitts-Verhältnis 103 Jungen zu 107 Mädchen beträht,  liegt er in Indien derzeit bei 107 zu 100 und in China sogar bei 118 zu 100. In beiden Ländern treiben werdende Eltern einen Fötus ab, wenn es nicht das gewünschte männliche Geschlecht hat – trotz Bemühungen der Regierungen in Delhi und Peking, diese Praktiken zu unterbinden.

Und nun erobert die Geschichte des „geheimen Superstar“ Insia die Herzen der Chinesen. Um den Argusaugen ihres patriarchalischen Vaters zu entgehen und ihren Traum einer Gesangskarriere zu verwirklichen, bedeckt sich die 14-Jährige mit einem Niqab und lädt ihre Videos auf Youtube hoch. Über den Moment, wenn die Protagonistin endliche wortwörtlich und auch bildlich den Schleier lüftet, schreibt Douban-Filmfan Ling Rui: „Damit legte sie auch all die Jahre der Stumpfheit, Unterwerfung, Demütigung und Minderwertigkeit ab.“ Der Kommentar wurde mehr als eintausend Mal geliked. Erst vor wenigen Tagen sorgten versteckt gedrehte Aufnahmen aus einem sogenannten „Moralunterricht für Mädchen“ für landesweite Entrüstung. Darin zu sehen: wie jungen Frauen beigebracht wird, „ihren Mund zu halten“, den Boden zu schrubben, ihrem Ehemann zu dienen und „ganz unten in der sozialen Hierarchie zu bleiben“.

Auch generell sind Video-Plattformen, auf dem junge Chinesen mit kurzen Videos oder Livestreaming ihre Gedanken und Hobbys mit anderen Gleichgesinnten teilen können, eine beliebte Form, die elterliche Autorität zu umgehen. Allein die Video-Livestreaming App Kuaishou hat 100 Millionen aktive Nutzer in China; damit besetzt es jedoch nur 20 Prozent des gesamten Live-Video-Marktes im ganzen Land.

Gerade hat Onkel Mi seine China-Tour beendet. Befragt zum angespannten Verhältnis zwischen seinem Gastgeberland und Indien sagte Khan, dass er gerne zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden beitragen möchte. Mit seinen Filmen hat er es eigentlich schon längst getan.

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