Weltgeschichten Wenn Besoffene die Krankenhäuser lahmlegen

Notaufnahmen in England klagen über die hohe Zahl von Besoffenen, die am Wochenende die Betten belegen. Einige Städte haben sich daher etwas einfallen lassen. Es ist nicht das einzige Problem der Gesundheitsbehörde NHS.

An Silvester wird besonders viel Bier ausgeschenkt. Quelle: dpa

LondonPünktlich zu Silvester schlug der Chef des englischen Gesundheitssystems Alarm. Der National Health Service (NHS) sei nicht der National Hangover Service, warnte Simon Stevens. „Hangover“ heißt übersetzt Kater. Stevens‘ Wortspiel zielte auf die Besoffenen ab, die jedes Wochenende - und besonders an Silvester - die Notaufnahmen in den Krankenhäusern vollkotzen.

Das Problem ist nicht neu. „Binge drinking“ ist ein Volkssport in England, das Spektakel ist freitags und samstags in jeder Innenstadt zu besichtigen. Wer zu besoffen ist, um nach Hause zu kommen, landet traditionell in der Ausnüchterungszelle auf der Polizeiwache oder, bequemer, im Krankenhausbett. An einem gewöhnlichen Wochenende sind rund 15 Prozent der Patienten in der Notaufnahme Betrunkene, an Weihnachten und Silvester steigt die Zahl auf 70 Prozent. Das könne so nicht weitergehen, sagte Stevens. Rettungssanitäter und Krankenschwestern würden von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten, weil einige Egoisten über ihren Durst tränken.

Mehrere Städte, darunter Bristol, Manchester, Newcastle, Cardiff und Belfast, wollen den Ansturm auf die Notaufnahmen nicht länger hinnehmen. Sie fangen die Besoffenen ab, bevor sie das Krankenhaus erreichen. Sogenannte „booze buses“ parken strategisch günstig in Kneipenvierteln: Wer nicht mehr stehen kann, darf hier seinen Rausch ausschlafen. Die „Alkohol-Busse“ enthalten mehrere Betten samt Betreuungspersonal. Laut „Guardian“ gibt es 16 solcher rollender Ausnüchterungsstationen im Königreich. Derzeit wird geprüft, ob das Angebot auf das ganze Land ausgedehnt werden soll. Die Besoffenen verschärfen das zentrale Problem des staatlichen Gesundheitssystems, das 2018 sein 70-jähriges Bestehen feiert. Es fehlt an Infrastruktur und Personal, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Notaufnahmen sind ständig überfüllt, weil Patienten beim Hausarzt nicht schnell genug Termine bekommen und dann eben ins Krankenhaus fahren.

Die langen Wartezeiten sind ein Dauerbrenner der NHS. Die Engländer sind stolz darauf, dass ihr Gesundheitssystem alle Bewohner gratis behandelt - im Unterschied zur privaten Versorgung wie in den USA. Doch man muss erstmal einen Termin bekommen. Die Labour-Regierungen unter Tony Blair und Gordon Brown (1997 bis 2010) schafften es, die Wartezeiten zu senken. Doch seit einigen Jahren steigen sie wieder. Die Folge: Private Kliniken und Arztpraxen registrieren mehr Selbstzahler, die das Warten auf Operationstermine im staatlichen System leid sind. Die Wartezeiten waren auch ein großes Thema im Brexit-Wahlkampf vor zwei Jahren. Brexit-Befürworter suggerierten, die Wartezimmer würden sich leeren, wenn nur ausreichend Einwanderer vom Kontinent das Land verließen. Zudem könne man die gesparten EU-Beitragsgelder in die NHS umlenken.

Nun sieht es stattdessen so aus, als werde der Brexit die Probleme der NHS noch verschärfen. Tausende EU-Bürger, die als Krankenschwestern und Ärzte nach England gekommen waren, haben dem Gesundheitssystem bereits den Rücken gekehrt. Die Krankenhäuser suchen händeringend nach Fachkräften und fürchten einen weiteren Exodus. Denn am Wochenende stellt sich wieder die Frage: Wer wischt die Kotze der betrunkenen Engländer auf?

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