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Wertschätzung Geschenke zum Dienstjubiläum können sich rächen

Jubiläumsgeschenke: Wer sich wertgeschätzt fühlt, geht gerne arbeiten Quelle: Illustration: Kati Szilágyi

Zum Dienstjubiläum schenken Unternehmen ihren Mitarbeitern gerne Blumen, Aktien und auch mal einen Gesundheitscheck – doch die vermeintlich nette Geste kann sich rächen.

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Schon als der Champagner kam, war der Jubilar restlos zufrieden – aber da kannte er sein Hauptgeschenk noch nicht. Im Mai vergangenen Jahres feierte Thomas Eulenstein, Geschäftsführer des Kunststoff-Instituts Lüdenscheid, eines mittelständischen Betriebes im Kunststoffgewerbe, sein 25. Dienstjubiläum. Morgens gab es neben einer gut gekühlten Flasche frische Blumen und eine Glückwunschkarte. Was man so erwartet. Beim Mittagessen wurde es für den 52-Jährigen aber noch besser: Seine Kollegen hatten eigens für ihn einen Film produzieren lassen. Darin kamen nicht nur aktuelle Weggefährten zu Wort, sondern auch sein ehemaliger Professor. „Das war für mich das beste Geschenk zum Jubiläum“, sagt er heute, „weil es so persönlich war.“

Wer in seinem Job wertgeschätzt wird, geht morgens gerne ins Büro. Dienstjubiläen können zu diesem Gefühl zweifelsfrei beitragen, erst recht in Zeiten schwindender Loyalität: Fach- und Führungskräfte bleiben laut einer Umfrage der Onlinestellenbörse Stepstone aus dem Jahr 2014 im Schnitt nur noch vier Jahre bei einem Arbeitgeber, die größte Wechselbereitschaft zeigt sich nach ein bis zwei Jahren Betriebszugehörigkeit.

Kaum ein Unternehmen will da die Chance auslassen, seine Mitarbeiter zum Jubiläum zu beschenken. Champagner, Geld – das sind die Klassiker. Gefahrlos. Aber es gibt auch extravagante Aufmerksamkeiten, inklusive der Gefahr, dass sich langjährige Angestellte unfreiwillig verschaukelt fühlen. Wie also findet man als Chef das passende Geschenk?

Beim Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel etwa gibt es eine klare Regel: zum 25-Jährigen einen Monatslohn extra, zum 40-Jährigen zwei Löhne, zum 50-Jährigen deren drei. Zusätzlich gibt es zu jedem Jubiläum jeweils eine Uhr mit Gravur. Bei Metro erhalten Jubilare Einkaufsgutscheine, deren Wert der Konzern allerdings nicht nennt, bei Siemens bekommen sie zum Vierteljahrhundert im Konzern 40 Unternehmensaktien. Wer 50 Jahre dort arbeitet, erhält noch eine Siemens-Uhr obendrauf.

Andere Arbeitgeber wie Bosch oder Bahlsen geben ihren Jubilaren Sonderurlaub, bei der Lufthansa gibt es Freiflüge. Noch mehr Aufwand betreibt BASF. Der Chemiekonzern veranstaltet für die Mitarbeiter mit 25-, 40- oder 50-jährigem Dienstjubiläum eine eigene Feier. Im Jahr 2017 versammelten sich immerhin 1400 Jubilare zu Sektempfang, Dinner und Bühnenshow.

Doch auch Mittelständler wollen sich spendabel zeigen. Beim Elektromotorhersteller ebm-papst in Mulfingen zum Beispiel gibt es auf der offiziellen Feier eine IHK- und Baden-Württemberg-Ehrenurkunde, beim Spielehersteller Ravensburger dürfen sich die Mitarbeiter über eine Urkunde des Oberbürgermeisters freuen, bei Trumpf in Ditzingen gibt es neben Sonderurlaub und einer Feier mit den Firmenchefs eine Anstecknadel – bei zehn Jahren Betriebszugehörigkeit ist sie aus Bronze, bei 25 Jahren aus Silber, bei 40 Jahren aus Gold.

Bei der Auswahl von Jubiläumsgeschenken geht es für Daniel Putz, Psychologieprofessor der Fachhochschule Köln, vor allem darum, Respekt und Achtung auszudrücken. Schließlich seien Jubilare auch „Botschafter der Unternehmenskultur“ gegenüber neuen Mitarbeitern. Gerade in Zeiten des demografischen Wandels könnten Arbeitgeber bei Jubiläen zeigen, wie wichtig Lebenserfahrung sei – und älteren Mitarbeitern ihren Wert für das Unternehmen verdeutlichen.

Bei Adidas in Herzogenaurach versucht man, diese Wertschätzung durch betriebsfremde Geschenke auszudrücken: Der Sportartikelhersteller veranstaltet für seine Jubilare eine Feier im Nürnberger Palazzo, einer Mischung aus Kochschule und Zirkus von Sternekoch Alexander Herrmann. Außerdem gibt es Jahreslose der Aktion Mensch. Der Medizintechnikkonzern Fresenius indes verschenkt gerne artverwandte Dinge: So dürfen sich Jubilare dort gesundheitlich durchchecken lassen, inklusive Blutbildtest, Belastungs-EKG und Ultraschall.

Ein Risiko. Denn ein solches Präsent kann genau die Bedürfnisse des Jubilars treffen – oder eben auch als Andeutung zu seiner Belastbarkeit missverstanden werden. Organisationspsychologen sind deshalb skeptisch. „Hochwertige Gutscheine, die mit einem Erlebnis verbunden sind, kommen oft gut an“, sagt etwa Lena Schwientek. „Von Losen für die Fernsehlotterie rate ich aber ab, die sind zu unpersönlich.“ Den monetären Gegenwert des Jubiläumsgeschenks halten Experten ohnehin für zweitrangig. „Es geht eher darum, wie das Präsent ausgewählt und übergeben wird“, sagt Andreas Krause, Professor für Arbeitspsychologie, „empfehlenswert ist eine persönliche Note, die individuelle Wertschätzung ausdrückt.“

Bei Thomas Eulenstein vom Kunststoff-Institut hat das gezogen: An das persönliche Video denkt er auch heute noch gerne zurück. Den Geschmack des Champagners indes hat er schon wieder vergessen.

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