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Windkraftindustrie Der deutsche Markt droht zu implodieren

Rund 60 Prozent des Stroms in Deutschland wurde nach Neujahr durch Windräder erzeugt. Ein Rekord in Zeiten der Energiewende. Doch die Branche feiert nicht. Im Gegenteil: Sie fürchtet Markteinbrüche und Jobabbau.

Windkraftindustrie: Existenzsorgen trotz Ökostrom-Rekorden Quelle: ZB

DüsseldorfMan sollte meinen, das Jahr hätte für die heimische Windkraftindustrie kaum besser beginnen können. Noch nie zuvor haben die 28.200 Mühlen, die sich mittlerweile landauf, landab in Deutschland drehen, so viel Strom erzeugt wie am 3. Januar. Insgesamt waren es laut Branchenverband Wind Europe 925 Gigawattstunden an Elektrizität. Oder anders ausgedrückt: Rund 60 Prozent des heimischen Stroms wurde in Spitzenzeiten nur durch die Kraft des Windes gewonnen.

Schon rund um die Festtage drehten sich die Windmühlen in ganz Europa wie verrückt. Im Schnitt wurde so zwischen Weihnachten und Neujahr gut ein Fünftel der Elektrizität auf dem Kontinent mit Windkraftanlagen erzeugt. Es sind imposante Zahlen, die in der Branche normalerweise für Jubelstürme sorgen. Doch dieses Mal hält sich die Feierlaune in Grenzen. Es herrscht Krisenstimmung.

Der Grund: Wegen gekappter Förderungen und schwindender Aufträge stehen bei den Herstellern von Turbinen und Rotorblättern, den wichtigsten Komponenten von Windrädern, Tausende Stellen auf der Kippe. Viele Zulieferer fürchten gar um ihre Existenz. Und Besserung ist nicht in Sicht: Im Gegenteil. Der deutsche Markt droht zu implodieren.

Genau dieses Szenario wollen jetzt Betriebsräte aus 19 führenden Unternehmen der Branche verhindern. In einer Resolution fordern sie die Verantwortlichen in Industrie und Politik auf, einen Kahlschlag und den Verlust von wertvollem Know-how durch gemeinsame Anstrengungen zu verhindern.

„Es geht um die Menschen und die Zukunft der Windindustrie – nicht nur um Rendite“, heißt es in dem zweiseitigen Schreiben der Arbeitnehmervertreter. Sie warnen vor unbedachtem Abbau von Arbeitsplätzen. Denn trotz „aller Rückschläge sehen wir die Energiewende weiter als beschäftigungs- und industriepolitische Chance – insbesondere für die norddeutschen Bundesländer“, schreiben die Betriebsräte von Unternehmen wie Siemens Wind Power, Vestas oder Senvion.

Die Arbeitnehmervertreter haben sich im Netzwerk Windindustrie der Gewerkschaft IG Metall zusammengeschlossen und machten am Freitag bei Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) Druck für ihre Anliegen.

In Lies haben die Betriebsräte und die IG Metall einen wichtigen Verbündeten. Schließlich entfallen alleine 32.000 der 150.000 Arbeitsplätze in der deutschen Windkraftindustrie auf Niedersachsen. Zudem drehen sich in keinem anderen Bundesland so viele Windräder. Und Niedersachsens sozialdemokratischer Ministerpräsident Stephan Weil ist bei den Sondierungsgesprächen für eine neue Große Koalition mit CDU und CSU thematisch für den Bereich Energie verantwortlich.

„Die Ministerpräsidenten der Nordländer müssen das Thema in Berlin auf die Agenda setzen“, appelliert Meinhard Geiken. Der Bezirksleiter der IG Metall Küste fordert einen deutlich stärkeren Ausbau der Windenergie an Land und auf hoher See. „Anders sind die Klimaschutzziele nicht zu erreichen, und nur so kann die Energiewende für neue Industrieansiedlungen und Beschäftigung in Norddeutschland, aber auch in anderen Regionen sorgen“, sagt Geiken.

Der Gewerkschafter zeigt sich angesichts der schwierigen Lage der Industrie sehr besorgt über die Zukunft der grünen Hoffnungsbranche. Ausgerechnet im Vorzeigeland der Energiewende könnte der Markt für Windenergie massiv einbrechen und im schlimmsten Fall auf nur noch ein Viertel seiner aktuellen Größe schrumpfen.

Wurden hierzulande 2016 noch Windräder mit einer Leistung von 4600 Megawatt am Festland neu gebaut, könnten es 2019 nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Windresearch nur noch 1100 Megawatt sein. Die Folge dieser Entwicklung: Bei den Turbinenbauern bricht die Auftragslage ein. Projektentwickler befürchten einen massiven Einbruch ihres Geschäfts.


2000 Jobs bereits verloren

Allein im vergangenen Jahr haben hierzulande mehr als 2.000 Beschäftigte der Branche ihren Arbeitsplatz verloren. Standorte wie Carbon Rotec in Lemwerder oder Powerblades in Bremerhaven wurden geschlossen. Beim Hamburger Windradbauer Senvion mussten 660 Vollzeitkräfte gehen. Nordex, der zweite große Windkraftkonzern mit Sitz in der Hansestadt, will wegen erodierender Gewinne bis zu 500 Stellen abbauen. Und Enercon, der deutsche Marktführer mit mehr als 20.000 Mitarbeitern weltweit, kündigte zuletzt „unpopuläre Maßnahmen“ an, um die Kosten zu drücken.

„Schluss mit dem Kahlschlag“, heißt es bei den Gewerkschaftern. Sie fordern die Unternehmen auf, stattdessen beschäftigungspolitische Instrumente wie Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit und Qualifizierung zu nutzen. Aber auch die Wunschliste an die künftige Bundesregierung ist lang. Die Arbeitnehmer fordern Planungssicherheit und Verlässlichkeit ein, damit Investitionen nicht gefährdet werden. Und der vielleicht wichtigste Punkt: Der Deckel für den Ausbau von Windenergie soll aufgehoben werden.

Seit 2017 wird der Zubau neuer Windkraftanlagen über Ausschreibungen geregelt, in denen sich die Konzerne im Wettbewerb untereinander um die Höhe der Vergütungen streiten müssen. Das Volumen ist dabei auf 2.800 Megawatt pro Jahr festgelegt. Wegen eines Schlupflochs im Regelwerk ist aber fraglich, ob künftig überhaupt dieser gedeckelte Zubau stattfinden wird.

Um eine vermeintlich drohende Oligopolisierung des Marktes zu verhindern, hat die Bundesregierung für sogenannte Bürgerwindgesellschaften Sonderregeln auserkoren. Sie dürfen etwa Projekte ins Auktionsverfahren einbringen, für die sie noch gar keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung (BImSchG) besitzen und haben deutlich länger Zeit, ihre Projekte zu realisieren. Das hat fatale Folgen.

Bei den Ausschreibungen für Anlagen auf dem Land gingen 2017 mehr als 95 Prozent der Projekte an Bürgerwindgesellschaften, die sich nun viereinhalb Jahre Zeit lassen können, um ihre Parks tatsächlich zu errichten. „Für 2019 und 2020 wird mit einer deutlichen Zubaudelle gerechnet, die industriepolitisch zu massiven Einbrüchen führen kann, aber auch Planer, Projektierer, Logistik und den Servicebereich trifft“, heißt es dazu beim Bundesverband Windenergie (BWE) in Berlin. Um Einbrüche zu verhindern, fordert der BWE, in zwei von vier Ausschreibungen in diesem Jahr ein zusätzliches Volumen von 1.500 Megawatt zu auktionieren.

„Gerade beim Ausbau der Windenergie an Land müssen wir die Fehlsteuerung bei den vergangenen Ausschreibung korrigieren und Sonderausschreibungen durchführen“, erklärt Niedersachsens Energieminister Olaf Lies. Er fordert zudem gemeinsam mit der IG Metall und den Betriebsräten, das Ausbauziel bei Windkraft auf hoher See von aktuell 16 Gigawatt bis 2030 auf mindestens 20 Gigawatt zu steigern.

Denn nur „mit einem stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien sind die verpflichtenden Klimaziele für 2030 noch zu erreichen“, so Lies. Der Minister bekräftigte, sich bei den nun anstehenden Verhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung für einen weiteren Ausbau der Windenergie einsetzen zu wollen.

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