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Wirtschaft von oben #20 - Texas Hier baut Elon Musk sein Shuttle zum Mars

Der Gründer des Raumfahrt-Start-ups SpaceX will Tausende Menschen zum Nachbarplaneten fliegen – und testet im Süden von Texas das größte Raumschiff aller Zeiten. Schon nächstes Jahr soll es einsatzbereit sein. Exklusive Satellitenbilder zeigen, wie der Weltraumbahnhof und die Superrakete gewachsen sind. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

Hier baut Elon Musk sein Shuttle zum Mars

Bis vor kurzem war Boca Chica, eine Küstensiedlung mit gut 20 Einwohnern in Südtexas, so gut wie niemandem ein Begriff. Doch neuerdings ist das Örtchen am Golf von Mexiko zur Pilgerstätte für Raumfahrtfans geworden. Denn seit März testet SpaceX hier Prototypen eines Geschosses, das die Raumfahrt in eine neue Ära katapultieren könnte: Starship, das mit Abstand größte Raumschiff aller Zeiten. 100 Passagiere gleichzeitig soll es einmal befördern.

Für SpaceX-Gründer Elon Musk, zugleich Chef des Elektroautobauers Tesla, ist das Starship ein Sprungbrett ins Sonnensystem: Anders als alle aktuellen Raumschiffe hat es genug Wumms, um Menschen theoretisch nicht nur bis zum Mond zu fliegen – sondern bis zum Mars. Den will Musk schon in ein paar Jahren besiedeln, um die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies zu machen: Löschen Asteroiden die Erde aus oder machen steigende Meerespegel und zunehmende Unwetter sie zu einem unwirtlicheren Ort, könnte die Menschheit dort leben.

Die Raketenschmiede entsteht

Das könnte man getrost als Spinnerei abheften, hätte Musk nicht in den vergangenen Jahren Dinge verwirklicht, die die Raumfahrtbranche bisher für unmöglich hielt: Er hat Raketen wiederverwertbar und deutlich preiswerter gemacht, indem er einzelne Raketenstufen nach gelungener Mission zur Erde zurückkehren lässt. Mit der Falcon Heavy hat Musk die aktuell stärkste Trägerrakete der Welt entwickelt. Und nun treibt der extrem ehrgeizige Milliardär die Entwicklung seines Starships mit einem Tempo voran, das sogar kritische Beobachter aus der Branche in Staunen versetzt.

Exklusive Satellitenbilder für die WirtschaftsWoche zeigen, wie der Weltraumbahnhof in Boca Chica in den vergangenen Jahren Form angenommen hat. Seit 2012 kauft SpaceX hier Stück für Stück Land an der Küste zum Golf von Mexiko auf – ursprünglich mit dem Plan, eine weitere Startrampe für die gewöhnlichen Falcon-9-Raketen des Unternehmens zu errichten. Doch im vergangenen Jahr erklärte SpaceX, dass der texanische Weltraumbahnhof nur noch für die neue Superrakete eingesetzt werden solle. Gearbeitet wird dabei an zwei zentralen Stellen: Nur wenige hundert Meter von der Raketenschmiede (Zeitleiste oben) entfernt, hat das Unternehmen die passende Startrampe (Zeitleiste unten) errichtet.

Im März hob in Boca Chica zum ersten Mal der Starhopper ab – eine kleine Testversion des Starships, etwa so hoch wie ein dreistöckiges Gebäude. Bis heute hat das Testraumschiff es nur auf 150 Meter Flughöhe geschafft, um dann wieder zu landen. Doch in der Raumfahrt ist das fast schon die halbe Miete. Klappt das Abheben, ist der Flug hinaus ins All technologisch nicht mehr so ein großer Sprung.

Die Startrampe

Darum hat Musk nun entschieden, vom Starhopper zu einem Prototypen in Realgröße zu wechseln: Auf der Startrampe in Texas haben Techniker das Starship Mark 1 errichtet, einen Prototypen des finalen Raumschiffs. Durchmesser: neun Meter, Höhe: 50 Meter. 100 Menschen sollen darin einmal über Monate durchs All fliegen. Zum Vergleich: Die Sojus-Raumschiffe, mit denen Astronauten heute zur Raumstation ISS fliegen, messen 2,7 mal 7,5 Meter und geben drei Astronauten so gerade Raum zum Sitzen.

Sechs komplett neu entwickelte Raketenmotoren soll das Raumschiff in der fertigen Ausbaustufe besitzen – angetrieben mit Sauerstoff und tiefgekühltem Methan. Im Vergleich zu Wasserstoff, der bisher üblicherweise als Treibstoff benutzt wird, ist Methan billiger und unkomplizierter zu verwenden. Auf dem Mond, der ein Sechstel der Erdanziehungskraft hat, könnte das Starship aus eigener Kraft ins All abheben. Auf der Erde braucht es eine weitere Raketenstufe, die Super Heavy. Sie ist noch einmal mit 37 Motoren bestückt und 68 Meter hoch.

Ursprünglich sollte die Außenhaut des Starships aus superleichtem Karbon bestehen. Doch vor einigen Monaten machte SpaceX einen Strategieschwenk – und entschied sich für Stahl. Der ist 50-mal billiger, hält hohe Temperaturen aus und soll, zusammen mit keramischen Hitzeschutzkacheln, auch den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen. Darum steht nun ein silbrig glänzendes Raumschiff wie aus einem 50er-Jahre-Comic in der texanischen Landschaft – sogar auf Bildern aus dem All ist es gut zu erkennen.

Starship

Noch im November könnte der Starship-Prototyp einen Testflug in 20 Kilometer Höhe machen, kündigte Raumfahrtpionier Musk kürzlich an. Unterdessen baut SpaceX einen weiteren Prototypen, der eventuell schon Anfang April in eine Erdumlaufbahn abheben soll. Im Herbst 2020 könnten eventuell bereits Menschen mitfliegen.

Sicher, schon öfter hat SpaceX seine Zeitpläne nicht eingehalten. Andererseits ist das Unternehmen derzeit so erfolgreich wie nie und hat Erfahrungen mit Antrieben und Raummissionen gesammelt wie wenige andere in der Branche. Sollte das Riesenraumschiff nächstes Jahr tatsächlich startklar sein, könnte der Plan aufgehen, 2022 eine erste Fracht zum Mars zu bringen – und 2023 dem japanischen Milliardär Yusaku Maezawa einen Rundflug um den Mond zu bieten.

SpaceX-Startrampe

Auch wenn die Marsmissionen länger auf sich warten lassen sollten, dürfte das Starship schon nächstes Jahr den Raumfahrtmarkt durcheinanderbringen. Denn SpaceX kann dann mit einem Schlag 150 Tonnen in die Erdumlaufbahn hieven - fast acht mal so viel wie etwa die europäische Ariane-5-Rakete. Das Starship soll obendrein wiederverwendbar sein – und entsprechend preiswert.

Und blieben die Kunden für all die Frachtkapazität aus, könnte SpaceX selbst einen großen Teil seiner Raketen mit Nutzlast füllen: Vor wenigen Tagen hat das Unternehmen die Zulassung von 30.000 Satelliten beantragt, die vom Erdorbit aus den gesamten Planeten mit Internet versorgen sollen. Zum Vergleich: Aktuell sind rund 2000 aktive Satelliten im All. Ab Mitte 2020 will SpaceX seinen Weltraum-Internetdienst Kunden in den USA anbieten.

Bewohner von Boca Chica

Über die Bewohner von Boca Chica bricht der Raumfahrtboom derzeit ein wie ein Gewitter: Das Donnern der Raumschifftests ist so mächtig, dass SpaceX die Anwohner aufruft, währenddessen die Häuser zu verlassen. Eventuell könnten Fensterscheiben bersten oder schlimmere Dinge passieren. Neulich hat Musk den Anwohnern darum angeboten, ihre Häuser zum dreifachen Marktpreis zu kaufen – wenn sie dafür wegziehen.

Vielleicht ist auf dem Mars ja bald ein neues Häuschen frei.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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