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Wirtschaft von oben #26 – Eurotunnel Hier hat der Brexit bereits Millionen verschlungen

Kurz vor den Neuwahlen ringt Großbritannien noch immer mit dem Brexit. Exklusive Satellitenbilder zeigen: Am Eurotunnel mussten sie sich längst auf den schlimmsten Fall einstellen, um Chaos zu verhindern. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.


Deal or no deal? Auch hier, am französischen Ende des Eurotunnels, kann noch immer niemand sagen, wann und auf welche Weise der Brexit vollzogen wird. Nur eines wissen sie am französischen Ufer des Ärmelkanals genau: Vor dem Eurotunnel werden sie die Folgen als Erste spüren.

Die 50 Kilometer lange Eisenbahnröhre zwischen Calais und Dover ist das Nadelöhr des innereuropäischen Handels. Verstopft es, droht ein Logistik-Infarkt ungekannten Ausmaßes – mit Lkw-Schlangen, die sich in kurzer Zeit über Belgien bis über die einige Dutzend Kilometer entfernte Grenze zu Deutschland stauen könnten.

26 Prozent aller Handelsströme zwischen dem Vereinigten Königreich und Kontinentaleuropa fließen durch den Eurotunnel. Etwa 1,7 Millionen Lastwagen passieren ihn pro Jahr, 5000 jeden Tag, mehr als drei pro Minute. Das System funktioniert, weil die Abfertigung der Lkw einer seit der Eröffnung 1994 über zweieinhalb Jahrzehnte verfeinerten Choreographie folgt und der Verkehr wie von einer unsichtbaren Hand gesteuert fließt.

Wird der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union Realität, könnte es damit von einem Tag auf den nächsten vorbei sein. Besonders, wenn der Austritt am Ende doch nicht auf geregelte Art und Weise erfolgt. Im ungünstigsten Fall gehen in Calais und Dover von heute auf morgen wieder Zöllner ans Werk.

Ausgeschlossen ist das nicht, für das mit der EU nachverhandelte Austrittsabkommen gibt es bislang keine Mehrheit im britischen Parlament. Für den 12. Dezember sind Neuwahlen angesetzt. Abgewendet ist ein harter Brexit also auch mit dem neuerlichen Aufschub bis zum 31. Januar 2020 nicht.

Zwei Jahre lang haben sich die Betreiber des Eurotunnels auf den worst case vorbereitet. Zusätzliche Parkflächen für insgesamt 390 Lkw hat die Betreibergesellschaft Getlink rund um den Frachtterminal gebaut: 290 für Laster in Richtung Großbritannien, 100 für Laster, die durch den Eurotunnel in die EU wollen.

Zoll-Zentrum

Der Plan: Fahrer, deren Frachtpapiere vollständig sind, bekommen auf einer grünen Spur freie Fahrt. Alle anderen müssen auf einer orange gekennzeichneten Spur in die Warteschleife. Hunderte zusätzliche Beamte hat die französische Regierung vorsorglich eingestellt, um Fahrer und Fracht überprüfen zu können.

Dafür haben die Betreiber des Eurotunnels nicht nur zusätzliche Straßen asphaltiert und Schilder installiert, sondern auch neue Gebäude, Lagerflächen, Kühlräume sowie Kameras und Scanner für Einreisekontrollen gebaut. 30 Millionen Euro hat das laut einem Sprecher gekostet. „Was auch immer kommt – wir sind bereit“, beteuert John Keefe von der Betreibergesellschaft Getlink.

Im persönlichen Austausch mit deutschen Spediteuren klang das im Frühjahr noch etwas anders. „Es wird ganz sicher Verwirrung geben“, warnte Keefe sie. Das war im März. Seitdem steckt der Brexit selbst in der Warteschleife – und Keefe hofft wie Unternehmer und Spediteure noch immer, dass das große Chaos ausbleibt. Auch wenn das bedeutet, dass die Eurotunnel-Betreiber 30 Millionen Euro umsonst investiert haben.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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